"Neigschmeckte" im Kreis vernetzen sich

Die Facebook-Gruppe "Neu im Kreis Böblingen" organisiert einen wöchentlichen Stammtisch und Veranstaltungen für Zugezogene

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    Wollen Neubürger und Alteingesessene gleichermaßen ansprechen (v.l.): Adam, Christian, Sandra und Corinna vom Stammtisch der Facebook-Gruppe "Neu im Kreis Böblingen" KRZ-Foto: SRC

Der Landkreis Böblingen lockt mit zahlreichen mittelständischen Betrieben und "Global Players" Menschen aus sämtlichen Ecken der Republik, aus Europa und der Welt. Um den "Neigschmeckten" das Einleben ein bisschen zu erleichtern, haben einige Facebook-User die Gruppe "Neu im Kreis Böblingen" gegründet.

Von Manuel Kern

Artikel vom 30. Oktober 2013 - 14:06

BÖBLINGEN. Donnerstagabend im gut besuchten Böblinger Seegärtle, ein großer Tisch im Eingangsbereich. "Reserviert für Facebook" steht auf einem Tischkärtchen. Was geht hier vor? Ein imitiertes Ortsschild daneben klärt auf, schwarz auf gelb prangt dort der Schriftzug "Neu im Kreis Böblingen". Freundlicher Empfang beim Stammtisch der gleichnamigen Facebook-Gruppe. Jede Woche treffen sich hier Neu-Böblinger und Alteingesessene. Der Zuspruch ist mäßig und schwankend, dieses Mal sind nur vier Leute da, doch Initiator Christian Walgenbach will durchhalten.

Der IT-Fachmann wohnt und arbeitet in Holzgerlingen, vor drei Jahren kam er aus Trier in die Region. Über Facebook knüpfte er damals erste Kontakte, gründete die Gruppe "Kultur in Stuggi", traf sich mit Gleichgesinnten auf Konzerten oder beim Poetry Slam. Und er trat der Gruppe "Neu in Stuttgart" bei, die ebenfalls mit einem kleinen Stammtisch begann. Inzwischen zählt sie rund 7000 Mitglieder und bucht für ihre Treffen manchmal ganze Discos. "Die Gruppe wurde immer größer und unpersönlicher, dazu kam jedes Mal der Weg nach Stuttgart", begründet Christian, warum er diesen Sommer "Neu im Kreis Böblingen" ins Leben rief. Knapp 80 Personen schlossen sich seitdem an.

Von Anfang an mit dabei war Sandra, auch jetzt ist sie an Christians Seite. Warum engagiert ausgerechnet sie als Ur-Böblingerin sich für das Netzwerk, verteilt sogar Werbeflyer an Passanten? "Auch Menschen, die schon lange hier leben, können in unserer Gruppe Freunde finden. Ich kenne mich aus, kann den anderen Tipps geben, wo man hingeht und wo besser nicht", erklärt sie.

Beim Stammtisch werde es schon mal spät, erzählt sie, Weiterziehen in die Clubs nicht ausgeschlossen. An den Wochenenden geht es dann ins Kino oder auch mal zu einem privaten Kochabend. Und bei großen Böblinger Events wie Schlemmen am See dürfen die Netzwerker auch nicht fehlen. "Uns geht es um das reale Leben", sagt Sandra, "wir nutzen Facebook nicht als Selbstzweck, sondern als Organisationsplattform für Treffen in der echten Welt".

Aber reicht die Tatsache, neu in einer Stadt zu sein, als gemeinsame Basis für neue Freundschaften aus? "Am Anfang hat es ein bisschen gedauert, bis ich Gemeinsamkeiten mit Anderen entdeckte", gibt Sandra zu. "Aber es lohnt sich, dranzubleiben, dann findet man auch Leute mit ähnlichen Interessen."

Das versucht auch Adam. Er stammt ursprünglich aus Schleswig-Holstein, ist zum ersten Mal beim Stammtisch. Noch weiß er nicht so recht, was ihn erwartet. "Ich bin seit zwei Monaten in Böblingen", erzählt er, "und habe die Gruppe zufällig entdeckt, als ich nach Sportpartnern gesucht habe". Wie die meisten "Neuen" ist er aus beruflichen Gründen in den Südwesten gezogen. Jetzt sucht er Anschluss.

Warum sich die Neu-Böblinger nicht mehr alle klassisch den hiesigen Vereinen anschließen, sondern ihre ersten Online-Kontakte knüpfen, erklärt Gründer Christian so: "Vereine sind oft eingespielte Gemeinschaften mit festen Strukturen. Bei uns ist jeder neu und deshalb offener gegenüber anderen".

Auch für Einheimische offen

Wo sehen Christian und Sandra, beide um die 30, ihre Gruppe samt Stammtisch in einem Jahr? "Wenn wir regelmäßig zehn Leute da hätten, wäre das toll", blickt Christian voraus, "wenn es zuviel wird, hat man nichts mehr davon". Trotzdem hat sich Sandra auf eine Wette eingelassen: "Wenn irgendwann mal 100 Personen beim Stammtisch sind, bekomme ich einen Abend lang alle Drinks spendiert", lacht das Mitglied der ersten Stunde. Vor allem möchte sie noch mehr Einheimische motivieren, Neubürger zu empfangen. "Sandra hat mir geholfen, meinen Kulturschock zu verdauen, als ich nach Böblingen kam", erzählt Corinna aus Köln augenzwinkernd.

Der Tisch im Seegärtle füllt sich heute Abend nicht mehr, man bleibt zu viert, auch wenn sich doppelt so viele Teilnehmer für den Termin angekündigt hatten. "Wir bleiben dran", verspricht Christian, "Menschen jeder Herkunft und jeden Alters sind bei uns willkommen. Wir sind offen für alle Anregungen und Ideen". In Zukunft will er verstärkt Werbung betreiben, damit sein Stammtisch weiter Zuwachs erhält. Über 20000 Menschen ziehen jedes Jahr in den Landkreis Böblingen. Großes Potenzial also für die Gruppe der "Neuen".

Und die hat schließlich auch in Stuttgart mal klein angefangen.

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