Die Wechselstimmung vor Ort erzeugen

Bundestagskandidaten im Porträt: Der Neuling Sven Reisch (Grüne) muss sich "vor den Vollprofis nicht verstecken"

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Seine Politikkarriere empfindet Sven Reisch als "extrem rasant": 2009 bei den Grünen eingetreten, in den Gemeinderat gewählt, und jetzt Bundestagskandidat. Doch selbstbewusst merkt er an: "Ich muss mich bei dem Tableau nicht verstecken."

Von Otto Kühnle

Artikel vom 10. September 2013 - 19:36

BÖBLINGEN. Natürlich hätte er Winfried Kretschmann gerne "an einem Samstag hier gehabt". Doch der Ministerpräsident leistet bei weitem nicht allen Kandidaten Schützenhilfe - da ist man froh, wenn er an einem Dienstag kommt. Dennoch: Ein "Kick ist er auf jeden Fall", ist dem Böblinger die Begeisterung noch immer anzumerken. Von Politikstil und Aura ist er persönlich angetan - als politisches Vorbild möchte er ihn aber dennoch nicht im Fragebogen aufführen. Dafür ist er dann doch schon zu selbstbewusst, auch im Kreise seiner Mitbewerber, die er als "hochkarätig vom Format" einstuft, "alles Vollprofis".

Bei dem Tableau müsse er sich nicht verstecken. Allerdings werde "auch nicht geholzt, mit Schlamm geworfen", es gehe um die Sache und nicht um Finten und Tricks. Dass er da nach eigener Einschätzung mithalten kann, führt er auf die Diskussionen im Gemeinderat zurück, in den er 2009 nach seinem Eintritt bei den Grünen Einzug hielt. Und auf die Sprecherrolle in der Debatte um die Volksabstimmung zu Stuttgart21. Dennoch bezeichnet er seine Karriere als "extrem rasant, wie ein Tesla-Roadster ohne Gangschaltung mit Kickdown".

Auch ein unverbrauchtes Gesicht wird im Wahlkampf schnell mit den Vorurteilen konfrontiert. "Ihr seid alle gleich, wir wollen nichts mit Euch zu tun haben", heißt es da schon mal am Stand. "Dass wir über den Tag und die Wahlperiode hinausdenken, finden aber manche Leute gut", beschreibt er die Kehrseite der Wahlkampfmedaille. Und da die Leute nicht zwischen Bundes- und Landespolitik trennen, kommt das Gespräch häufig auf die Bildung. Und die soziale Gerechtigkeit, die Schere zwischen Arm und Reich, auf die Rente, Gesundheit und Pflege. Auch wenn das Thema Mindestlohn hier im Kreis keines ist, das Betroffene am Stand der Grünen diskutieren. Was auch an der verbürgerlichten Klientel liegen mag, wie Reisch zugibt. Ein Grundpfeiler der sozialen Gerechtigkeit sei der Mindestlohn allemal, müsse aber auch mit der Wirtschaft gedacht werden. Schließlich sei die Mehrheit der mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmer laut einer Handelsblattumfrage dafür, um nicht in eine Abwärtsspirale des Lohndumpings gedrängt zu werden.

Doch Reisch stellt den Klimawandel und die Energiewende ganz klar in den Mittelpunkt. Er sieht hier eine Richtungsentscheidung, auch wenn er die nicht machtpolitisch verstanden wissen will. "Energiewende ja oder nein", spitzt er die Frage zu und sieht die Grünen als einzige Partei, "die das zu Ende denkt". Deshalb müssten auch die Grünen den Karren ziehen, damit es zu einem Wechsel komme. Baden-Württemberg ist ihm da Beispiel. Allerdings hat auch er im Wahlkampf vor Ort erfahren, dass nicht unbedingt Wendestimmung herrscht. "Keine Zufriedenheit, aber die Menschen sind müde moderiert", beschreibt er den Merkel-Effekt in der Bevölkerung. "Die lassen sich aber auch wieder aufwecken, Wechselstimmung lässt sich vor Ort erzeugen." Doch was passiert, wenn es mit dem Machtwechsel für Rot-Grün nicht klappt angesichts der klaren Absage an die Linkspartei?

Kein Freund von plakativenAusschlusskriterien

"Ich bin kein Freund von sehr plakativen Ausschlusskriterien, nicht nur gegen Links", Kompromisse gehörten in der Politik dazu. "Es sollten alle miteinander reden können", ist seine Devise. Aber natürlich gebe es für die Grünen Fixpunkte: "Kein Abbruch der Energiewende, das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) muss gemacht werden, denn was Brüderle will greift Kommunen, Handwerk und mittelständische Industrie an, die davon profitieren."

Doch die Energiepreise sieht er derzeit eher als eine "Debatte der Großkopfeten" an. Die Diskussion um den Veggie Day als Hype der Medien. "Vor Ort redet man darüber, wo die Nahrungsmittel herkommen, was drin ist, das Ernährungsthema ist ein Regionalitätsthema." Doch im Kreis gebe es keine Massentierhaltung, die für extremen Fleischkonsum notwendig ist. Obwohl Reisch vor kurzem erst zu einem klimaneutralen Kochwettbewerb aufgerufen hat und ein Stück des Selbsterntegartens betreibt, geht er "mit dem Veggie Day nicht hausieren".

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