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Lara Wörner (15) berichtet vom England-Aufenthalt

Interview: Die Schülerin aus Deufringen hat im vergangenen Jahr knapp vier Monate in Dronfield verbracht

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    Interessiert sich auch in der Zeitung für England-Themen: Lara Wörner

Von Laura Cavrlj

Artikel vom 01. August 2018 - 13:24

Hallo Lara, Du warst bis Ende 2017 fast vier Monate in England - was waren die größten Unterschiede zu Deutschland, die dir gerade im Bereich Jugend und Schule aufgefallen sind?

Vor allem in der Schule wurden mir schnell einige Unterschiede klar: In England wurde deutlich mehr Wert auf Disziplin gelegt, als ich es aus Deutschland kannte. Das fing schon morgens beim Aufstehen an. Statt wie üblich zum Kleiderschrank zu laufen und das anzuziehen, was mir gefiel, musste ich jeden Morgen in eine Uniform mit Krawatte schlüpfen. Auch das Schulsystem an sich unterschied sich von dem mir aus Deutschland bekannten in einigen Punkten. Fremdsprachen schienen deutlich unwichtiger zu sein als hier bei uns. Zwei Schulstunden Französisch die Woche waren alles, was ich in diesem Bereich an Unterricht erhielt. In Deutschland dagegen habe ich momentan drei Stunden Latein, drei Stunden Englisch und vier Stunden Französisch.

Warum, denkst du, ist das so?

Zum einen ist Englisch natürlich eine Weltsprache. Es muss in englischsprachigen Ländern also nicht zwingend eine weitere Fremdsprache erlernt werden. Des Weiteren hatte ich aber auch oft das Gefühl, dass kein großes Interesse von den Schülern aus bestand. Häufig hatte ich zudem den Eindruck, dass viele junge Engländer ihr Land nicht wirklich zu Europa zählen. So erzählten manche, sie würden in den Ferien in den Urlaub nach Europa gehen. England sahen sie somit eher als eine separate Sache an, unabhängig von Europa. Viele sehen sich einfach nicht wirklich als Teil von Europa. Bevor ich nach England kam, konnte ich die Sache mit dem Brexit nicht richtig nachvollziehen. Mittlerweile verstehe ich es etwas besser.

Glaubst du, dieses fehlende Europagefühl ist auch ein Grund für den Brexit?

Ich denke schon, dass es damit zu tun hat. Ich habe in England mit mehreren Leuten über den Brexit gesprochen, aber viele reagierten auf das Thema eher abweisend, nahezu genervt. Ein paar Jüngeren schien das Thema vor mir außerdem fast schon peinlich zu sein. Natürlich habe ich auch Gegner des Brexits kennengelernt, die vor allem wirtschaftliche Gründe gegen den Ausstieg aus der EU vorbrachten. Andere wiederum sagten mir, sie hätten zwar für den Brexit gestimmt, aber gar nicht wirklich gewusst, was damit auf sie zukäme. Sie fühlen sich, als wäre ihnen nur die halbe Wahrheit aufgetischt worden, und das Ausmaß der Situation bricht nun über sie herein. Heute würden sie möglicherweise anders abstimmen.

Wurde generell in der Schule viel über den Brexit gesprochen?

In der Schule war der Brexit, soweit ich das mitbekommen habe, kein besonders großes Thema und auch bei den Jugendlichen untereinander wurde nicht wirklich viel darüber gesprochen. Im Gegensatz dazu wurde in den Nachrichten ständig darüber berichtet.

Gab es auch große kulturelle Unterschiede, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Vor allem das englische Essen ist mir als ein großer Unterschied im Vergleich zu Deutschland im Gedächtnis geblieben. Es gibt dort kaum Bäckereien, zumindest auf dem Land. In der Schulmensa wurden gesunde Gerichte, aber auch Pommes und Muffins angeboten. Ebenfalls sehr beliebt waren Sandwiches und Toasts, die einige Schüler sogar mit Kartoffelchips und einer Ladung Käse darüber belegten. Besonders interessant fand ich die Tatsache, dass Chips oftmals als fester Bestandteil einer Mahlzeit gesehen wurden. Während Chips in Deutschland eher als eine Art Snack gelten, den man abends vor dem Fernseher verzehrt, genießen Chips in England den Status eines richtigen Essens.

Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Ein spezieller Tag hat bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen: Am 5. November war in England Bonfire Night. An diesem Tag werden jedes Jahr große Lagerfeuer in England veranstaltet. Der Tag dient der Erinnerung des Gunpowder Plots, einer Verschwörung aus dem Jahr 1605, bei der britische Katholiken versuchten, das Parlament in die Luft zu sprengen, dabei aber scheiterten. Neben den großen Lagerfeuern werden auch viele Feuerwerke veranstaltet. Ich selbst besuchte an Bonfire Night eine solche Feier. Ich war insbesondere von der Größe des Lagerfeuers beeindruckt und habe noch nie in meinem Leben so ein großes Feuerwerk gesehen.

Würdest du anderen Schülern empfehlen, ins Ausland zu gehen?

Auf jeden Fall, denn gerade für meine Sprachkenntnisse war die Zeit in England sehr nützlich. Außerdem ist es doch eine tolle Möglichkeit, um ein Land mitsamt seiner Kultur und Menschen besser kennenzulernen und seinen eigenen Horizont dadurch zu erweitern. Man hat die Möglichkeit, viele Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Natürlich ist es nicht immer leicht, gerade in jungen Jahren, Familie und Freunde für eine gewisse Zeit zurückzulassen, aber es ist im Gegenzug auch eine tolle Chance, um sich weiterzuentwickeln und die eigenen Sprachkenntnisse aufzubessern.

Warst du mit einer Organisation im Ausland?

Nein, ich habe meinen Aufenthalt privat organisiert. Seit der siebten Klasse hatte ich im Voraus schon dreimal am Austauschprogramm meiner Schule, dem Goldberg-Gymnasium Sindelfingen (GGS), mit Dronfield teilgenommen, mich sehr gut mit meiner Austauschpartnerin verstanden und sogar mit ihr angefreundet. Als sie gehört hat, dass ich gern für längere Zeit in England leben würde, hat sie mir vorgeschlagen, dass ich bei ihr wohnen könnte. Ich denke, dass man, wenn man Kontakte im Ausland hat, diese Möglichkeit unbedingt nutzen sollte. An meine Zeit in England, werde ich sicherlich noch lange zurückdenken.

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