Gelegenheit macht Diebe im Apple Store

Eine Diebesbande nutzt die fehlende Warensicherung des Computergeschäfts im Sindelfinger Breuningerland aus - und landet vor Gericht.

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    Noch leerer Gerichtssaal im Böblinger Amtsgericht: Wegen Corona ist die Richterbank mit Plexiglas geschützt, die Angeklagten und ihre Wächter trugen Mundschutz Foto: jps

Vor dem Böblinger Amtsgericht mussten sich vier junge Männer rumänischer Herkunft wegen gewerbsmäßigen Bandendiebstahls verantworten. Sie ließen mehrfach teure Elektronik mitgehen. Apples Firmenpolitik hatte es ihnen sehr einfach gemacht - zunächst.

Artikel vom 04. Mai 2020 - 17:01

Von Jan-Philipp Schlecht

SINDELFINGEN. Wie oft der Apple-Store-Mitarbeiter Jurek M. (Name geändert) schon als Zeuge vor dem Böblinger Amtsgericht saß, kann er gar nicht sagen. "Bestimmt ein dutzend Mal", schätzt der verhandelnde Amtsrichter Werner Kömpf am vergangenen Donnerstag. Man kennt sich also bereits. Dieses Mal ist der Anlass allerdings kein einfacher Ladendiebstahl. Vier Rumänen (28, 27, 27 und 23 Jahre alt) sitzen wegen gewerbsmäßigen Bandendiebstahls im Sindelfinger Apple Store im Breuningerland auf der Anklagebank.

Ihnen wird vorgeworfen, im vergangenen Herbst am 18., 25. und 26. November teure Elektronik dort geklaut zu haben, um diese weiterzuverkaufen. Darunter mehrere Apple Watches, wie die Computeruhren der Kalifornier heißen. Aber auch hochpreisige Kopfhörer der Marke Bose fanden sich bei der Beute. Insgesamt Ware im Wert von über 6000 Euro. Doch wie ist das eigentlich möglich, fragt sich der Laie? In den Ladengeschäften des US-Konzerns lassen sich die iPhones, iPads, MacBooks und Apple Watches nach Belieben ausprobieren. Diese Testgeräte sind mit einer Sicherungsschnur befestigt und können zwar in die Hand, aber eben nicht mitgenommen werden. Anders beim Zubehör.

In den Regalen der modern eingerichteten Geschäfte stehen auch Kopfhörer, Taschen, Handyhüllen, Adapter, Ladestationen, Kabel, tragbare Lautsprecher - und die smarten Apple-Uhren. Kurios: Diese nicht ganz billigen Zubehörartikel sind eben nicht elektronisch gesichert, tragen also keinen Chip oder ähnliches. Das räumte der Store-Mitarbeiter vor Gericht ein. Das sei die "Firmenpolitik" von Apple, "mit der man leben und arbeiten müsse", sagte Jurek M. dem Richter.

Die Videokameras in dem Geschäft filmen zwar das Geschehen, dies wird aber nicht im selben Moment beobachtet. Denn im Bild wären auch die Mitarbeiter und diese dürfen nicht ohne Zustimmung des Betriebsrats überwacht werden. Also könnten die Bänder immer erst im Nachhinein gesichtet werden, wenn ein Verdacht auf Diebstahl bestünde. Andererseits habe man bei Ladendiebstählen "eine hohe Aufklärungsquote", so M. - wie hoch diese sei, darüber sagte er nichts.

Bei den besagten Diebstählen im November fielen Jurek M. und seinen Mitarbeitern die Minusbestände im Sortiment auf. Den Langfingern wurde zum Verhängnis, dass sie nicht nur einmal zugegriffen hatten. Schon die ersten Diebstähle am 18. und 25. November wurden im Nachhinein auf den Bändern entdeckt, von den mutmaßlichen Tätern fehlte aber zunächst jede Spur.

Doch als diese am 26. wieder in das Geschäft im Breuningerland zurückkehrten und abermals stibitzten, erkannte Jurek M. die Täter wieder. Deren Masche war auch denkbar simpel: Mit einer schwarzen Sporttasche betraten sie das Geschäft, ließen die teure Ware heimlich darin verschwinden und verließen den Laden wieder durch die Vordertür. Doch am 26. November alarmierte Jurek M. den Kaufhaus-Detektiv, als er die Bandenmitglieder entdeckte.

Der erwischte einen der vier noch auf frischer Tat, die Polizei kam hinzu und legte ihm Handschellen an. Die anderen drei konnten zwar mit dem Diebesgut flüchten, wurden aber nur Stunden später von der Verkehrspolizei in der Nähe der tschechischen Grenze aufgegriffen. Dort waren sie in einem Auto mit polnischen Kennzeichen unterwegs - und hatten den Kofferraum voll mit der Beute. Grund genug, die vier in Untersuchungshaft zu stecken. Dort blieben sie bis zur Verhandlung am vergangenen Donnerstag.

Alle Angeklagten gestehen die Tat und zeigen Reue

Nach fünf Monaten U-Haft, die zwei von ihnen in Stuttgart-Stammheim abgesessen hatten, sahen sie sich zum ersten Mal wieder. Und waren in Reue vereint: Alle gestanden die begangenen Taten vollumfänglich, allen tat es offenbar aufrichtig leid. Die Sachlage war jedem im Gerichtssaal schnell klar, am Tathergang bestand kein Zweifel. Nur die Härte der Strafe war also zu verhandeln. Der Staatsanwalt forderte für den mutmaßlichen Drahtzieher ein Jahr und drei Monate Haft, und für die anderen drei jeweils ein Jahr - ohne Bewährung wohlgemerkt. Den insgesamt fünf Verteidigern der Bande ging das deutlich zu weit.

Sie hoben in ihren Plädoyers darauf ab, dass es sich jeweils um Ersttäter handelte, die aus wirtschaftlicher Not heraus handelten und ja obendrein auch alles gestanden hätten. Amtsrichter Werner Kömpf und die beiden Schöffen hatten denn auch ein Einsehen: Sie beließen es bei einer Strafe von einem Jahr und zehn Monaten für den mutmaßlichen Anstifter und jeweils einem Jahr und drei Monaten für die drei anderen Beteiligten. Jeweils ausgesetzt zur Bewährung. Das sorgte bei den Angeklagten für große Erleichterung: Sie konnten den Gerichtssaal ohne Handschellen verlassen und zu ihren Familien nach Rumänien zurückkehren.

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