Angeklagter kostet "letzes Wort" weidlich aus

Urteil im Prozess gegen den Mann, der in Sindelfingen seine Frau erstochen hat, wurde verschoben

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Artikel vom 09. Juli 2019 - 17:06

Von Bernd Winckler

SINDELFINGEN/STUTTGART. Im Prozess gegen den 60-Jährigen, der in der Goldmühlestraße in Sindelfingen seine Ehefrau so schwer mit Messerstichen verletzt hat, dass sie daran starb, ist am Dienstag doch noch kein Urteil gesprochen worden. Die Schwurgerichtskammer verschob den finalen Akt auf nächste Woche. Der Grund: Der Deutsch-Australier brauchte zu lange für das "letzte Wort", das jedem Angeklagten zusteht, bevor sich das Gericht zur Beratung über das Urteil zurückzieht.

Die Richter der 19. Großen Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts hatten sich für Dienstag die Verkündung des Urteils gegen den 60-Jährigen vorgenommen. Doch vorher erhielt der Angeklagte Gelegenheit zum "Letzten Wort". Dieses besteht meist nur aus wenigen Sätzen. Der Beschuldigte kann es aber auch auf Stunden, Tage und Wochen ausdehnen, ohne dass ihn das Gericht daran hindern darf. Die Vorschrift kostete der 60-Jährige am Dienstag achteinhalb Stunden lang aus. Er behauptete, dass das "positive und natürliche Recht auf meiner Seite steht". Daran, dass ein Mann seine Ehefrau umbringe - wobei er die Frau stets als "Miststück" bezeichnet -, seien die deutschen Scheidungsgesetze schuld. Die Tat sei erforderlich gewesen, um sein Vermögen zu retten, das die Frau ihm im Scheidungsverfahren zur Hälfte habe "rauben" wollen. Er habe es tun müssen, um das Erbe seinen Kindern zu erhalten. Es habe sich dabei um einen "übergesetzlichen, entschuldbaren Notstand" gehandelt. "Die Tat", so der Angeklagte, "war erforderlich und ausgewogen"; sie sei reine Notwehr gewesen. Die von ihm getötete Ehefrau habe es ausschließlich auf sein Vermögen abgesehen,. Deshalb habe sie sterben müssen.

Mehrfach wurde der 60-Jährige vom Vorsitzenden Richter unterbrochen und darauf hingewiesen, dass er nicht abschweifen sondern bei der Sache bleiben solle. Bis zum Ende des Verhandlungstages referierte der Angeklagte aus seinem Eheleben, wobei er betonte, dass es keine Ehe gewesen sei. Der Entschluss, die Mutter zweier erwachsener Söhne zu töten, sei schon in Australien gefallen, nachdem er vergeblich versucht habe, große Teile seines Vermögens auf heimlichen Konten vor ihr zu verstecken. Er bezeichnet die getötete Ehefrau als eine Art Monster, die ihn über 30 Jahre lang genervt habe. Er habe alle Hausarbeiten verrichten müssen, während sie das Geld zum Fenster hinausgeworfen habe. Der Angeklagte erneuerte den Antrag, den er schon am vorletzten Prozesstag gestellt hatte, dass es für ihn nur einen Freispruch oder höchstens eine Verurteilung wegen eines Totschlags minder schweren Falles geben könne.

Genervt verfügten die Richter, dass das Urteil nun am 18. Juli verkündet werden soll. Bis dahin könnte dem Angeklagten allerdings Neues zum "Letzten Wort" einfallen.

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