Sindelfinger Hochhausmord-Prozess offenbart neue Überraschungen

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    Tötungsdelikt in der Friedrich-Ebert-Straße 9 KRZ-Foto:

Artikel vom 17. April 2019 - 14:36

Von Bernd Winckler

STUTTGART/SINDELFINGEN. Im Prozess um den Sindelfinger Hochhausmord am Stuttgarter Landgericht kommen nach 14 Verhandlungstagen mysteriöse Einzelheiten ans Licht. Die mit elf Messerstichen ermordete 81-Jährige soll in ihrer Wohnung einen geöffneten Sarg stehen haben. Zeugen berichten, dass in den 1990-Jahren aus der Wohnung lautes Stöhnen zu hören war. Eine fremde Fußspur ist auch ein Thema vor Gericht.

Angeklagt ist die 63-jährige Wohnungsnachbarin. Sie soll am Mittag des 29. Juni 2018 aus Wut über das ständige Klavierspielen der 81-Jährigen bewaffnet mit einem - oder zwei - messerähnlichen Stichwerkzeugen auf das Opfer losgegangen und ihm damit die elf tödlichen Stiche zugefügt haben. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts verhandelt diesen ungewöhnlichen Mordfall seit dem 12. Februar. Die Angeklagte, flankiert von zwei Verteidigern, beteuert ihre Unschuld, obwohl die Kriminaltechniker eindeutige Spuren am Opfer festgestellt hatten, die eine Täterschaft begründen. Doch die molekularbiologischen Spuren an der Kleidung des Opfers wie auch Textil-Faserrückstände akzeptieren die Verteidiger nicht als Tatbeweis.

Schließlich legte die Schwurgerichtskammer in der nun ausgeweiteten Beweisaufnahme am 14. Prozesstag den Schwerpunkt auf die Praxis der Kriminaltechniker: "Haben Sie alle die nötige Spurenhygiene gewahrt?", fragte der Richter einen der Techniker im Zeugenstand. Handschuhe, Mundschutz und Overall? Es könnten ja DNA-Spuren auf dem Weg einer Verschleppung an den Körper des Opfers gelangt sein. Daher interessierte sich das Gericht auch recht intensiv für das Thema "Hund des Opfers" Die 81-Jährige hatte einen kleinen Hund. Den fanden die Ermittler schließlich verängstigt zusammengekauert unter einem Möbelstück in der Wohnung und mussten ihn trickreich hervorlocken. Das Tier wurde später dem Ehemann der Angeklagten zur Betreuung übergeben. Wer alles hat den Hund angefasst? Sind auf diese Weise etwa Spuren übertragen worden?

Mysteriös auch der Sarg: Die 81-Jährige, die über 20 Jahre lang in der Hochhauswohnung gelebt hatte, soll in ihrem Wohnzimmer einen Sarg auf einem Gestell gehabt haben. Hatte sie täglich mit ihrem Ableben gerechnet? In der Hochhaussiedlung kursieren darüber die abenteuerlichsten Geschichten. Eine Zeugin will vor vielen Jahren lautes Stöhnen aus der Wohnung gehört haben. Andere Zeugen wollen die 81-Jährige leicht bekleidet leblos auf der Couch gesehen haben. Gab es entsprechende Partys?

Eine Trittspur in der Wohnung des Opfers habe man nicht genau untersucht, argumentieren die Verteidiger. Ein Ermittler sagte im Zeugenstand: "Es war ja alles nass durch den Wasserschaden." Man sei hinein gegangen und habe im Bad die vollgelaufene Wanne entdeckt und erst mal den Hahn zugedreht. Die Frage ist auch, ob der Täter die Wohnung unter Wasser gesetzt hat, um Spuren zu verwischen? Ursprünglich sollte am 30. April das Urteil gesprochen werden. Doch die Richter haben jetzt aufgrund der komplizierten und aufwendigen Beweisaufnahme weitere Verhandlungstermine angesetzt. Weitere Zeugen und ein Gutachter sollen bis dahin noch gehört werden.

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