Zukunftsweisende Impulse für Sindelfingen gesucht

Sindelfingen hat sich auf zwei Projekte für Beteiligung an IBA 2027 festgelegt: Krankenhausareal und Zukunft der Innenstadt

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"Konversion des Krankenhausareals" und "Zukunft der Innenstadt" sind die beiden Projekte, mit denen die Stadt Sindelfingen bei der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 zum Zug kommen will. Manche Stadträte können sich aber noch nicht so recht vorstellen, wie die Projekte in den nächsten Jahren weitergeführt werden sollen.

Artikel vom 06. April 2019 - 10:00

Von Werner Held

SINDELFINGEN. 1927 ist im Zuge einer internationalen Bauausstellung die Weißenhof-Siedlung entstanden. Das Projekt, an dem führende Architekten des Neuen Bauens beteiligt waren, regte eine Debatte über Bauen und Wohnen an. Die Weißenhof-Siedlung wurde weltberühmt. 2027 besteht sie seit 100 Jahren. Aus diesem Anlass findet eine IBA in Stuttgart statt. An der Schau, die Antwort auf die Frage "Wie leben, wohnen, arbeiten wir im digitalen und globalen Zeitalter?" geben soll, beteiligt sich die gesamte Region. Auch die Stadt Sindelfingen hat früh signalisiert, dass sie mit einem eigenen Projekt dabeisein möchte.

Der Projektauswahl hat die Stadtverwaltung ein Beteiligungsverfahren vorausgeschaltet. Einer ersten Diskussion mit der Architektenkammergruppe Böblingen folgten die Einbeziehung des Gemeinderats auf einer Klausurtagung, eine Planungswerkstatt mit Jugendlichen, ein Info-Stand auf dem Marktplatz und ein Bürgerdialog, bei dem auch IBA-Intendant Andreas Hofer auftrat. Aus den vielen - teilweise widersprüchlichen - Ideen und Anregungen, die bei diesen Veranstaltungen zusammenkamen, hat die Abteilung Stadtplanung nun zwei Projekte herausgeschält, die sie für die IBA 2027 anmelden möchte.

Der Zeitplan des Landkreises Böblingen sieht vor, dass die neue Klinik auf dem Flugfeld 2024 in Betrieb geht. Die Sindelfinger stehen dann vor der Frage, was mit dem Gelände ihres Krankenhaus auf der Steige passieren soll. "Ein Konzept für eine Nachnutzung wird notwendig", sagte Projektleiterin Julia Wälder am Donnerstag in der Sitzung des Technik- und Umweltausschusses. Da die Kernstadt Sindelfingen selbst kaum mehr Reserveflächen für den Wohnungsbau hat, kommt der Umwandlung des Krankenhausareals eine besondere Bedeutung zu. "Vielfältige und neuartige Nutzungsmischungen sowie eine Neuinterpretation des Miteinanders von Wohnen und Arbeit in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung sind dabei von besonderer Bedeutung", heißt es über das Konzept in der Beschlussvorlage. Das Klinikgelände liegt zwar nicht weit von der Innenstadt entfernt, erfordert aber wegen seiner Höhenlage "innovative Ansätze für eine nachhaltige Mobilität". Da das Areal von Wald umgeben ist, sind auch "neue ökologische Ansätze" gefragt.

Auf der ursprünglichen Liste der Vorschläge der Verwaltung für mögliche IBA-Projekte stand das Postareal. Das harrt zusammen mit dem benachbarten Volksbankgelände einer Neubebauung. Politik und Wirtschaft setzen darauf, dass das, was dort mitten in der Stadt entsteht, zu einer nachhaltigen Belebung der City beiträgt. Innenstädte generell stehen in Zeiten zunehmenden Online-Handels und der steigenden Beliebtheit sozialer Medien als "Orte" der Kommunikation ohnehin vor einem Wandel. Deshalb hat die Verwaltung das Thema für das zweite IBA-Projekt unter dem Titel "Zukunft der Sindelfinger Innenstadt" ausgeweitet. Da geht es darum, wie man künftig Nutzungsansprüche wie Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur, Freizeit unter einen Hut bringt. Es soll aber auch um ein innen-stadtverträgliches Verkehrskonzept gehen, das auch erprobt werden soll. Über allem steht die Maßgabe, dass die Maßnahmen zu einem positiven Bild von Sindelfingen beitragen und die Identifikation mit der Stadt beflügeln.

Die Stadt ist bereit, 200 000 Euro locker zu machen, um die beiden Projekte weiter auszuarbeiten und den Beteiligungsprozess in Form von Bürgerworkshops fortzuführen. Den Verantwortlichen schweben für das Krankenhausareal unter anderem ein Studierendenprojekt und ein Ideenwettbewerb vor.

Der Technik- und Umweltausschuss stimmte den Vorschlägen zwar einmütig zu. Doch in einigen Redebeiträgen klang eine gewisse Skepsis durch. Architekt Jochen Stuible, der als sachkundiger Einwohner für die Freien Wähler im Ausschuss sitzt, fehlt der Glaube daran, dass Sindelfingen tatsächlich ein innovatives Projekt, wie es die IBA-Statuten fordern, zustande bringt. "Das letzte großartige Gebäude haben wir 1977 mit dem Glaspalast gebaut", griff er weit in die Geschichte zurück. Heute würden sich Debatten über Architektur und Stadtplanung vor allem um die Schaffung von schnell zu realisierendem, kostengünstigem Wohnraum ranken. "Von Innovationen sind wir weit, weit entfernt", sagte Stuible.

Richtig "verrückte Ideen" fürs Krankenhausareal erwartet

Ähnliche Bedenken äußerte Sabine Kober (Grüne). "Wie soll ein Gemeinderat, der stundenlang über Garagen, Wintergärten und Dachgauben diskutiert, in der Lage sein, ein Projekt mit internationaler Strahlkraft auf den Weg zu bringen?", fragte sie. Richard Pitterle (Linke) erhofft sich von den Projekten eine Debatte über neue Wohnformen. "Wir haben viele Stunden lang über unsere Innenstadt diskutiert - ohne durchschlagende Ideen zu finden. Vielleicht erhalten wir jetzt Impulse von außen", meinte Jürgen Konzelmann (FDP). Und für das Krankenhausareal erwartet er richtig "verrückte Ideen".

Wenn am Dienstag der Gemeinderat das Thema durchwinkt, kann Julia Wälder die Projektanträge ausarbeiten. Ob einer der Sindelfinger Vorschläge IBA-Quartier wird, entscheidet ein Kuratorium.

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