Beim Sindelfinger Adventskonzert spielt der Vereinschef mit

Am Sonntag nimmt Karl-Heinz Neher in der Stadthalle einmal mehr die Klarinette zur Hand

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    Übung macht den (Alt-)Meister: Karl-Heinz Neher greift vorm Adventskonzert morgen in der Stadthalle täglich zu seiner Klarinette: "Der Ansatz muss stimmen." / Foto: Dannecker

Jeden zweiten Tag zu einer seiner fünf Klarinetten zu greifen - für Karl-Heinz Neher ist das normal. Doch in der Vorbereitung aufs morgige 4.-Advents-Konzert von Stadtkapelle und Liederkranz Sindelfingen in der Stadthalle wechselt der Vorstand des Musikvereins den Rhythmus auf täglich. Übung macht den Meister.

Artikel vom 22. Dezember 2018 - 10:00

Von Siegfried Dannecker

SINDELFINGEN. Ein Reihenhaus im Hinterweil. Karl-Heinz Neher steht kurz nach dem Bimmeln der Klingel in der Tür. "Leged Se ab", zeigt er auf die Garderobe: "Welled Se an Sprudel?" Im Radio läuft SWR 2, der Kultur- und Klassikkanal. Klavierkonzert. "Mein Standardsender", schmunzelt der 73-Jährige. Was anderes kommt ihm nicht auf die Senderskala. Höchstens Bayern 4 Klassik - im Wechsel.

"Was verschafft mir die Ehre des Zeitungsbesuchs?", fragt der Chef des Musikvereins Stadtkapelle, während er ins Wohnzimmer bittet. Gemütliche Wärme strahlt es aus. Viele Bücher zieren das Regal. Frank Schätzings Ökothriller "Der Schwarm" zum Beispiel. Oder Lothar Günther Buchheims "Die Festung" und Dan Browns "Sakrileg". Belesenes Bildungsbürgertum im besten Sinne. Die Hintergrundmusik kommt von einer alten Stereoanlage aus den 80ern. Noch älter ist ein Thorens-Plattenspieler. Der Schweizer Präzision vertraut Karl-Heinz Neher 200 analoge LPs an (auch wenn er mittlerweile mehr CDs besitzt).

Tschaikowsky, Mozart-Editionen, Rossini, Beethoven mit Karajan, Haydn, Bachs Weihnachtsoratorium "natürlich mit Helmuth Rilling" - in diesen Tagen ein Muss. Alles da, was das Herz begehrt. Oper, Barock, Gregorianik und gute sinfonische Blasmusik der German und Canadian Brass. Für jemanden, der Klassik hört, über alles liebt, eine Pflichtsammlung.

Karl-Heinz Neher hört nicht nur Musik. Er macht sie auch, jahrzehntelang. Die Klarinette ist sein Instrument, zu dem er auch morgen wieder greifen wird. Dann, wenn die Stadtkapelle, der er seit fast 40 Jahren vorsteht, und die Chorvereinigung Liederkranz ihr traditionelles gemeinsames Weihnachtskonzert in der Stadtkapelle geben. Neher freut sich darauf. Übt darauf. Auch heute noch mal und morgen ebenso. "Ich muss mich bemühen, mein Niveau zu halten", sagt Neher, während wir in den Keller marschieren. In sein ausgebautes Übungszimmer. Üben sei wichtig, üben, üben, üben. "Der Ansatz im Alter lässt nach." Die Spannkraft der Lippen müsse durch Training erhalten bleiben wie die Muskulatur eines Sportlers. Neher: "Das A & O eines Bläsers ist es, einen guten Ton zu kriegen und - neben der Intonation - ihn zu halten."

Dass der Sindelfinger das auch mit 73 drauf hat - gleich zu hören. "Kennen Sie das?", fragt er, als er ein paar Noten spielt. Es ist Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur, wie es als Filmmusik in "Jenseits von Afrika" unsterblich geworden ist. Neher liebt das Werk. Wie er für die Musik lebt. Eine Musik in Gemeinschaft. Üben im stillen Kämmerlein - okay, geht. Aber Spielen im Verein, das sei was anderes, sagt Neher. Daraus saugt er Honig, seit er vor über 50 Jahren nach Sindelfingen gezogen ist und sich zuerst mal erkundigt hat, ob es hier einen Musikverein gibt.

Er wurde Vorstand, "weil es sonst keiner machen wollte"

Gab es, natürlich - und Neher, heute der Zweitälteste in der Kapelle, trat ein. Seit 52 Jahre ist er im "MV" aktiv, seit bald 40 Jahren dessen Vorstand. Ein, zwei Jahre, sagt er, wolle er noch am Ruder bleiben, dann die Brücke in jüngere Hände übergeben. Dann, so hofft Neher, werde es nicht so sein wie bei ihm seinerzeit: "Ich wurde aus der Not heraus vorgeschlagen, weil es keinen gab, der es machen wollte."

Doch Neher ist optimistisch, dass "die Mannschaft" Kandidat(inn)en bereithält. Auf das zwölfköpfige Vorstandsgremium sei absoluter Verlass, ist Neher stolz. Plädiert dennoch dafür, die MV-Spitze nicht doppelt zu besetzen, wie das im Sinne der Lastenteilung heute mitunter passiere. Aber so ein Verein brauche einen Ansprechpartner. Arbeitsteilung im Innenverhältnis sei gut und absolut notwendig. Aber "nach draußen braucht es einen Kopf, der den Verein repräsentiert". Dirigent Markus Nau, als Trompeter, Jugendmusikschulleiter und Sindelfinger Kammerchorleiter ein Tausendsassa, nennt Karl-Heinz Neher einen "Glücksfall".

Musik macht der 73-Jährige von Kindesbeinen an. Sein musikaffiner Pflegevater, der Trompete und Flügelhorn spielte, brachte ihn zur Klarinette. Ein Amateur der Stadtkapelle Tettnang unterrichtete den jungen Mann in den 50er-Jahren. "Musikschulen wie heute gab es damals ja noch nicht", erzählt Neher. Ehrgeiz dagegen schon. Also erreichte der Schüler seinen Lehrer alsbald, übertraf ihn - "durch Fleiß und Learning by doing", wie der Sindelfinger schmunzelt. Auch der Orchestervereinigung, sein zweites, hoch ambitioniertes Orchester, leiht er seine (Klarinetten-)Stimme.

Damit die ebenso fest wie geschmeidig bleibt, übt, wie gesagt, Neher auch heute noch bis zuletzt. Alle Noten sind fein säuberlich in seinem Klarinettenkoffer versammelt. Schließlich ist das Programm morgen Abend ambitioniert und reicht vom Klassiker Händel über John Williams ("Harry Potter Highlights") bis hin zur "Christmas Carol Fantasy" des zeitgenössischen japanischen Komponisten Takashi Hoshide.

 

  Die Stadthalle dürfte am morgigen Sonntagabend um 18 Uhr mit Publikum bestens gefüllt sein. Restkarten gibt es aber noch an der Abendkasse.
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