Warum erst jetzt?

Kommentar

Artikel vom 06. Dezember 2018 - 17:36

Von Michael Stürm

"Erinnern tut weh. Es löst Entsetzen aus und lässt uns verstummen und aufschreien zugleich". Zwei Sätze, die auf Sindelfingen, seinen prominenten Bürger und hochrangigen NS-Täter Sigfried Uiberreither bestens passen - Sätze, die Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer im Januar am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus bei einer Kranzniederlegung sagte. Was die Aufarbeitung des Falls Uiberreither betrifft, hat sich die Verwaltung bisher eher in der stummen Ecke befunden. Zehn Jahre nachdem bekannt geworden ist, dass der Gauleiter der Nazis in der Stadt lange unbehelligt gelebt hat, ist diese Personalie mit ihren Hintergründen und Verwicklungen noch eine große Unbekannte.

Warum? Diese Frage ist bisher nicht beantwortet und hinterlässt Fragezeichen. Denn Sindelfingen hat sich seiner Geschichte bisher immer relativ souverän gestellt. Egal, ob sie Anlass zum Stolz war oder Einblicke in dunkle Kapitel bot, wie bei der Hexen- und Judenverfolgung sowie der unrühmlichen Rolle von Ex-Bürgermeister Karl Pfitzer während der Nazizeit.

Dass die Aufarbeitung einer Episode von nicht ganz geringer Tragweite so zögerlich angegangen wird, passt daher nicht und hat der historischen Erhellung schon jetzt großen Schaden zugefügt, da viele wichtige Zeitzeugen nicht mehr leben. Das entstandene Bild von der Verschleppung nicht ganz so glänzender historischer Begebenheiten sollte von der Verwaltung und dem Gemeinderat schnellstens gerade gebogen werden - mit dem Willen zu möglichst rascher, umfassender und vor allem schonungsloser Aufklärung. Auch wenn dabei um Honoratioren und Ehrenbürger kein Bogen gemacht wird. Denn dass eine Nazi-Größe Jahrzehnte in einer Kleinstadt unerkannt leben kann, wird kaum ohne einflussreiche Helfer vor Ort gelungen sein.

Der Entschluss endlich ein Historiker-Team damit zu befassen, ist ein wichtiger und richtiger Schritt, der mit aller Vehemenz vorangetrieben werden muss. Noch ist es nicht zu spät, gibt es Menschen, die Sigfried Uiberreither gekannt und erlebt haben. Auch wenn erinnern weh tut: Die Opfer dieses Mannes haben das über 80 Jahre nach dessen Untaten verdient. Gerne auch vom Chef des Sindelfinger Rathauses.

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