Als Karosseriebau noch Handarbeit war

Der Böblinger Karl Scheps arbeitet seit einem halben Jahrhundert bei Mercedes-Benz

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Artikel vom 09. November 2018 - 17:00

SINDELFINGEN (red). Karl Scheps arbeitet seit 50 Jahren bei Daimler in Sindelfingen. Kaum ein anderer hat so viele Fahrzeug-Anläufe begleitet wie er. Anlässlich des Arbeitsjubiläums gibt er einen Einblick in seinen bewegten Berufswerdegang.

Er ist 15, als sich der junge Karl Scheps dem Eignungstest für eine Ausbildung bei der damaligen Daimler-Benz AG stellt. Es ist das Jahr 1968. "Aus Draht mussten wir einen Teppichklopfer spinnen und Mathematikaufgaben lösen", erinnert sich der Jubilar zurück. Er scheint sich gut anzustellen, denn schon drei Wochen später flattert ihm eine Zusage für eine Lehre zum Konstruktionsmechaniker ins Haus. Von nun an macht sich der gebürtige Maichinger jeden Morgen mit seinem Fahrrad auf ins Sindelfinger Mercedes-Benz-Werk - egal ob bei Regen oder Schnee. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Die Lehre zum Feinblechner ist damals noch reine Handarbeit. "Beim Feilen von Stahl habe ich Blasen an den Fingern bekommen. Aber davon habe ich mich nicht abschrecken lassen", entsinnt sich der heute 65-Jährige. Zum Ausbildungsende jedoch wird es für ihn kurz brenzlig. In seiner Abschlussprüfung soll Karl Scheps aus Blechteilen eine sogenannte Abwicklung erstellen. Dafür muss er ein Blech im ungebogenen Zustand sauber zuschneiden - doch zunächst ohne Erfolg: "Ich hatte das Werkstück total verschnitten und dachte: ,Jetzt fall ich durch." Als er eine neue Chance bekommt, fällt ihm ein Stein vom Herzen. Der zweite Anlauf gelingt ihm mit Bravour.

Gleich nach der Lehre wechselt Karl Scheps in den Bereich Versuch und Entwicklung: "Das war für mich ein großes Ding! Wo heute Pressen einen Großteil der Aufgaben übernehmen, klopfte ich damals - es war die Zeit des W 114 und W 115, also des legendären ,Strich Achters - die Teile der Karosserie noch von Hand." Auch Roboter, die heute das Schweißen, Nieten, Falzen und Kleben übernehmen, gibt es 1971 noch nicht: "Die Kotflügel wurden noch mit einem Messständer eingemessen und anschließend gefügt", berichtet er. Ein stolzer Moment für den jungen Scheps: der Bau der allerersten Busse und Lkw im Versuch in Sindelfingen.

1981 wird Karl Scheps Vorarbeiter und ist nun auch bei Anläufen an internationalen Standorten gefragt. So ist er unter ande-

Karl Scheps' Abschlussprojekt ist noch geheim

rem 1987 im Mercedes-Benz-Werk im spanischen Vitoria dabei, als dort der als unverwüstlich bekannte Kleinbus MB 100 erstmals vom Band läuft. Auch am ersten gemeinsamen Projekt mit Peking für die E-Klasse im Jahr 2008 in Holzgerlingen war er nah dran: "Seit jeher orientieren sich die anderen Werke Richtung Sindelfingen, um von unserem Know-how zu lernen. Darauf sind wir stolz", berichtet der Konstruktionsmechaniker.

Zuletzt feiert Karl Scheps mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Anlaufwerk Holzgerlingen den Projektabschluss des neuen CLA Shooting Brake, der 2019 auf den Markt kommt. Gut gelaunt und in Schale geworfen merkt man ihm das Alter kaum an, denn auch für neue Themen wie soziale Medien lässt er sich begeistern. Als Fachausbilder weiß er, wie es ist, wenn Jung und Alt voneinander lernen. "Mir war es immer wichtig, dass die Azubis am Ende etwas mitnehmen - und ich von ihnen natürlich auch!" Das Fazit des Konstruktionsmechanikers deshalb: "Wenn man sich nicht weiterentwickelt und nicht stets offen für Neues bleibt, kann man auch nicht erfolgreich sein."

Bevor Karl Scheps Ende des Jahres in den Ruhestand geht, ist er noch bei einem brandneuen, bislang geheimen Modell mit am Start: "Sozusagen mein persönliches Abschlussprojekt, bevor ich endlich viel Zeit mit meiner Familie verbringen kann." Einfach nur ruhig wird es aber sicher nicht, denn der leidenschaftliche Sportfan hat ein Credo: "Ich möchte mich nicht ausruhen, sondern sowohl mental als auch körperlich fit bleiben." Das Modell Scheps befindet sich also noch lange nicht im Auslauf.

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