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Sollte der Schuss durch die Tür den Chef töten?

Komplizierter Rechtsstreit aus Sindelfingen beschäftigt erneut das Stuttgarter Landgericht

Erneut befasst sich das Stuttgarter Landgericht mit einer Schießerei aus dem Jahr 2015 in einer Sindelfinger Wohnung. Der Schütze, ein heute 41-jähriger Kfz-Mechaniker, soll seinen Chef, der ihn zur Arbeit abholen wollte, durch Schüsse durch die Türe verletzt haben. Das Gericht soll jetzt klären, ob dies als versuchter Totschlag oder nur als Körperverletzung zu beurteilen ist.

Artikel vom 04. November 2018 - 16:12

Von Bernd S. Winckler

SINDELFINGEN. Der Mann war bereits Anfang 2016 für seine Schießerei wegen versuchten Totschlags an seinem Chef zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil auf und verlangte Neuverhandlung, weil möglicherweise die Tötungsabsicht fehlt. Im zweiten Verfahren im August letzten Jahres verurteilte ihn das Landgericht im sogenannten Revisionsprozess wieder wegen versuchten Totschlags, änderte die Strafe aber auf drei Jahren und sechs Monate herab. Auch dagegen legte der 41-Jährige Revision ein - und wieder hob der BGH den Schuldspruch auf.

Jetzt wird das Verfahren also zum dritten Mal aufgerollt. Es geht um den Abend des 26. November 2015: An jenem Abend hatte der Chef seinen ohne Gründe vom Job ferngebliebenen Arbeitnehmer in dessen Sindelfinger Wohnung besucht, um ihn wieder zur Aufnahme der Arbeit zu bewegen. Dabei kam es zum Streit. Der Chef verpasste dem Arbeitsverweigerer zwei Fausthiebe. Dann holte dieser aus dem Schlafzimmer die Schreckschusspistole, die er zur scharfen Waffe manipuliert hatte, und schoss damit "in Wut und Zorn über die Demütigung" - so die Feststellungen der Vorgerichte - durch das Türblatt in Richtung Chef. Der hatte zu diesem Zeitpunkt die Wohnung verlassen und war gerade im Begriff, mit seinem Begleiter die Treppe hinunterzugehen. Das Projektil streifte seinen Begleiter am Bein.

Damit aber nicht genug: In Tötungsabsicht sei der Angeklagte mit der Waffe in der Hand seinem Chef bis auf die Straße nachgeeilt und habe nun gezielt wieder abgedrückt, so die Anklageschriften. Jetzt jedoch versagte der Schlagbolzen - es löste sich kein Schuss mehr. Auch die weitere Verfolgung mit einem langen Küchenmesser verlief ohne Verletzung des Chefs. Lediglich dessen Fahrzeug hatte der Angeklagte durch Schläge beschädigt.

In dem neuerlichen Revisionsverfahren soll die komplizierte Rechtsfrage geklärt werden, mit welchen Absichten der Angeklagte den einen Schuss abfeuerte, der durch das Türblatt ging und dann das Opfer nur leicht verletzte. Nachdem der Angeklagte danach weiterhin seine "Tötungsabsicht- und Tötungswillen" verfolgte, liege ein Verbrechen des versuchten Totschlags vor, heißt es in dem vorletzten Urteil. Doch gerade dieses Urteil hatte der BGH für nichtig erklärt und den Angeklagten aus der Haft entlassen.

Die 19. Große Strafkammer am Stuttgarter Landgericht hat zwei Verhandlungstage angesetzt, um die Rechtslage endgültig zu klären. Das Urteil soll am 9. November verkündet werden.

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