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Uhrendieb verrät sich auf Ebay

Als Filialleiter eines Juwelierladens hat ein 37-Jähriger teure Uhren abgezweigt, um sie im Netz zu Geld zu machen - Dafür erhält er zwei Jahre auf Bewährung

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    Das Urteil von Amtsrichter Kömpf fiel einigermaßen milde aus: zwei Jahre auf Bewährung Foto:red

Artikel vom 18. Oktober 2018 - 14:44

Von Jan-Philipp Schlecht

SINDELFINGEN. Der Angeklagte sitzt auf seinem Platz im Gerichtssaal und hat die Hände wie zum Gebet gefaltet. Sein leerer Blick geht durch die weißen Vorhänge des Gerichtssaals irgendwohin nach draußen. Markus R. (Name geändert) blinzelt nervös, reibt sich die Hände am Hosenbein. Dann betritt Amtsrichter Werner Kömpf den Gerichtssaal, alles erhebt sich. Was dann folgt, ist die Aufarbeitung einer großen Dummheit in R.'s Leben, für die er am Ende bestraft werden wird. Doch eins nach dem anderen.

Die kriminelle Laufbahn des ledigen Mannes aus Böblingen beginnt vor drei Jahren, als er nach einer gescheiterten Selbstständigkeit als Handelsvertreter im Schmuckbereich eine neue Stelle als Store Manager in der Filiale eines Stuttgarter Juweliers beginnt. Damals startet er mit rund 60 000 Euro Schulden in diesen neuen Lebensabschnitt. Sein neuer Arbeitgeber verkauft teuren Schmuck, vor allem Trauringe. Der gelernte Einzelhandelskaufmann denkt sich folgende Masche aus, um zu Geld zu kommen: Er fingiert die Rückgabe von Ringen durch einen Kunden und stellt dafür Wertgutscheine aus, die er dann wieder im Laden für einen Einkauf bei sich selbst einlöst. Mit diesem Trick ergaunert er sich in einem halben Jahr über 20 000 Euro, indem er die Ringe woanders einschmelzen lässt.

Erstaunlich: Die Masche betreibt R. ein gutes halbes Jahr lang, ohne aufzufliegen. Doch dann wird die Geschäftsführung doch stutzig. Denn die fingierten Buchungen zur Rückgabe des Schmucks sind ungewöhnlich: Zwischen Kaufdatum und Rücknahme liegen lange Zeiträume. Die damals mit dem Fall betraute Polizistin vom Präsidium Stuttgart sagt am Mittwoch als Zeugin vor Gericht aus, dass Trauringe bei Nicht-Gefallen häufig schon nach wenigen Tagen oder Wochen zurückgegeben werden. Im Fall von R. lagen aber mehrere Monate dazwischen. Außerdem traten die ominösen Gutschein-Buchungen immer nur dann auf, wenn R. am Arbeitsplatz war. Befand er sich im Urlaub oder war krank, blieben sie aus.

Obwohl schon aktenkundig, klaut der Dieb weiter

Der Schwindel fliegt deswegen auf, R. wird fristlos gekündigt. Der Geschäftsführer schaltet Anwälte und die Polizei ein, die den Sachverhalt lückenlos aufklären kann. Markus R. ist geständig, man einigt sich aber außergerichtlich. Der 37-Jährige vereinbart mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, den entstandenen Schaden in Höhe des Einkaufspreises in Raten zurück zu zahlen. Doch obwohl schon aufgeflogen und aktenkundig, macht Markus R. weiter.

Am 1. Mai 2017 tritt er eine neue Stelle bei einem Uhrengeschäft in einem Sindelfinger Einkaufszentrum an. Sein Geldhunger scheint nach wie vor groß, weshalb er seine Masche erneut anwendet. Wieder das gleiche Muster: Fingierte Rückgabe, Gutschein und dann Einkauf bei sich selbst. Einziger Unterschied: Die Armbanduhren kann man nicht durch Einschmelzen zu Geld machen. Daher wählt R. einen Verkaufsweg, der ihm letztlich das Genick bricht: Ebay. Auf der Online-Plattform tummeln sich Käufer und Verkäufer gleichermaßen, Neues oder Gebrauchtes wechselt entweder per Auktion oder mit Festpreis den Besitzer. R. vertickt auf diesem Weg über zwei Monate hinweg insgesamt 28 teure Zeitmesser, viele der Marke Junghans. Insgesamt nimmt er damit 19 306 Euro ein. Sein Fehler: Er tut dies unter seinem Klarnamen für jeden sichtbar. Doch erst ein Kunde, der nach einem Garantieschein für die Markenuhr fragt, lässt die Trickserei auffliegen. Denn der fragte bei dem Unternehmen nach, wo man dann anfängt nachzuforschen und R. auf die Schliche kommt. Da die Juweliers-Kette die Kriminalpolizei einschaltet, steht die kurz darauf bei R. vor der Wohnung - mit einem Durchsuchungsbeschluss in der Hand.

Auf der Wache ist der 37-Jährige Uhrendieb nach kurzem Zögern geständig. Auch vor Gericht gibt er alles zu. Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre auf Bewährung sowie 3000 Euro Strafe. Der Verteidiger folgt dem Antrag, auch wenn er die 3000 Euro als zu hoch gegriffen sieht. Immerhin habe der Angeklagte noch erhebliche Altlasten zu tragen, mache derzeit eine Privatinsolvenz durch. Amtsrichter Werner Kömpf belässt es bei den zwei Jahren, brummt R. aber nur 1200 Euro auf, zahlbar über 20 Monate. Als der das vernimmt, atmet Markus R. laut hörbar aus. Ein Seufzer der Erleichterung.

Zugute kommt ihm, dass er in den Ermittlungen kooperiert, bereits einen Teil der ersten Diebstahlserie wiedergutgemacht und sich darüber hinaus in Psychotherapie begeben hat, um seinen "neuen Lebensweg weiter gehen zu können", wie er sagt.

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