Bonzen-Karossen neben Trabis im Rathaus-Hof

Sindelfingen-Torgau: Von der schwierigen Anbahnung einer deutsch-deutschen Städtepartnerschaft

Artikel vom 01. Oktober 2018 - 17:54

Von Siegfried Dannecker

TORGAU/SINDELFINGEN. Man schreibt den 8. April 1986, als der Sindelfinger Gemeinderat eine Mauer in den Köpfen einreißen will. Er befürwortet Partnerschaften mit Städten in Osteuropa - einstimmig. An eine Stadt in Polen ist gedacht und an eine in der Deutschen Demokratischen Republik.

Zehn Monate lang tut sich zunächst nichts im deutsch-deutschen Verhältnis. Dann besucht eine Delegation unter Führung des damaligen Oberbürgermeisters Dieter Burger die DDR. Die Dienstwagen, so halten es Beobachter fest, zwei Mercedes, Bonzen-Karossen gewissermaßen, werden sofort nach der Ankunft unsichtbar gemacht. Nämlich im Rathaus-Innenhof weggeschlossen. Dort, wo sonst Trabis parken. Burger und die Stadträte Ingrid Balzer, Ingeburg Gstettenbauer, Robert Nadler, Walter Frohnmayer, Hermann Pfeffer und Jörg Hamm werden zwölf Kilometer weit weg von der Elbe beherbergt.

So sahen sie aus, die Anfänge einer nunmehr 30 Jahre alten Partnerschaft, für die ursprünglich bedeutendere Destinationen auserkoren waren. Erfurt beispielsweise. Doch die Brautschau diesbezüglich war zum Scheitern verurteilt. Also tat es auch eine Stadt eine Nummer kleiner. Immerhin konnte Torgau mit ein paar Vorzügen aufwarten - Leistungen bei der Stadtsanierung, das Wirken eines gewissen Martin Luther, das Früh-Renaissance-Schloss Hartenfels. Und dann hatten sich hier an einer vom Krieg zerstörten Elbebrücke am 25. April 1945 amerikanische und sowjetische Truppen die Hände gereicht.

OB Burger schreibt mehrfach an seinen Torgauer Kollegen Horst Strähle und leitet diese Briefe nachrichtlich an das Ministerium für innerdeutsche Beziehungen weiter. Doch Strähle darf solche Ansinnen nicht entscheiden und leitet alle Briefe an die Stasi weiter. Nur die SED hat das Sagen und handhabt Städtepartnerschaften äußerst restriktiv. Das muss der damalige Ministerpräsident Lothar "Cleverle" Späth feststellen, als er im Frühjahr 1987 auf der Messe Leipzig den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker für die Städtehochzeit Sindelfingen - Torgau erwärmen will. "Bis auf Weiteres" wolle man solche Verbindungen nicht.

Das "Njet" freilich hält nicht lange. Bald darauf beschließt die DDR-Führung 40 deutsch-deutsche Partnerschaften, drei davon im Bezirk Leipzig und damit auch Torgau. Das ist der Durchbruch. Was die Motive für die DDR-Oberen waren, darüber haben Sindelfinger Goldberg-Gymnasiasten vor Jahren einmal spekuliert: "Vermutlich spielt das Bestreben nach staatlicher Anerkennung eine Rolle. Städtepartnerschaften geht man nur mit Städten in anderen souveränen Staaten ein." Möglicherweise seien auch wirtschaftliche Überlegungen Motive gewesen: In Sindelfingen produziert man Mercedes, in Torgau gab es damals ein Flachglaswerk, das Windschutzscheiben herstellte.

Als der damalige Geschäftsführer der Torgauer Zeitung in Sindelfingen war, hat ihn "der unermessliche Reichtum" beeindruckt: "Wir kamen uns bei der Besichtigung der Daimler-Fabrik vor wie Lars auf dem Mars." Wie Lars auf dem Mars kamen sich die Sindelfinger Gemeinderäte Manfred Stock (SPD) und Kurt-Heinz Kuhbier (CDU) jüngst beim Tag der Sachsen in Torgau nicht vor. Die beiden stellten aber fest, dass sich in Torgau unheimlich viel getan habe seit der Wende: "Die Stadt ist kaum wiederzuerkennen." Stock über den Handball und Kuhbier über die CDU haben seither viele Verbindungen nach "drüben" und pflegen ihre freundschaftlichen Bande regelmäßig.

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