Torgau von vor 30 Jahren: Demos und Proteste

Frank Henjes, seine Ehefrau Marianne und Stadtrat Edwin Bendrin erinnern sich an die Großdemos in Torgau Ende der 80er-Jahre

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    "Ohne Stasi, merkt euch das, macht das Leben viel mehr Spaß!" - Großdemo in Torgau im November 1989. Tausende gingen in Sindelfingens Partnerstadt auf die Straße Fotos: Erdmute Bräunlich/Archiv/Dannecker

Ost-Berlin, Halle, Leipzig, Dresden: Das sind die Großstädte, mit denen man die Friedensdemos in der ehemaligen DDR verbindet. Doch auch in Sindelfingens Partnerstadt Torgau gingen vor 30 Jahren Tausende auf die Straße und in die Kirchen, um gegen das SED-Regime zu demonstrieren.

Artikel vom 01. Oktober 2018 - 17:30

Von Siegfried Dannecker

TORGAU/SINDELFINGEN. Am morgigen Tag der Deutschen Einheit werden auch viele Sindelfinger wieder in Gedanken bei ihrer Partnerstadt Torgau sein. Jener Kleinstadt an der Elbe, mit der sie vor nunmehr 30 Jahren einen Bund eingegangen sind. Ein Jahr vor dem Mauerfall am 9. November 1989, den damals keiner so vorhersehen konnte.

Wenn Dr. Frank Henjes und seine Ehefrau Marianne an dieses Datum zurückdenken, bekommen sie "heute noch eine Gänsehaut". Henjes, bis zur Zurruhesetzung ein bestens bekannter Augenarzt, und seine Marianne, ehemals Lehrerin, hatten das historische Datum verschlafen. Buchstäblich. "Wir mussten frühmorgens zur Beerdigung der Mutter meines Mannes", erinnert sich Marianne Henjes: "Deshalb sind wir früh ins Bett. Wir haben also die Dynamik der Ereignisse verpennt." Dafür wurden die beiden anderntags von der historischen Neuigkeit geweckt. Als Marianne Henjes wie immer zum Frühstück das Radio anmacht, berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk, die Mauer sei gefallen. Augenblicklich stehen dem Paar Tränen in den Augen. Freudentränen.

Denn nun kann der Augenmediziner Johann Wolfgang von Goethes Spruch über seinem Schreibtisch anhängen. Die Vision des Geheimrats ist eingetroffen. "Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde", lautet Goethes Weissagung. "Sie gab mir Kraft. Ich habe immer daran geglaubt", berichtet Frank Henjes.

Wie viel Kraft, das sieht man auch an seinem Alter - was nicht wörtlich zu nehmen ist. Henjes wirkt weitaus jünger. Aber sein Pass sagt, er sei 77 Jahre. 28 davon hat der in Torgau so bekannte wie beliebte Mann der SPD gewidmet. Seit 1990 und der ersten freien Wahl in der Ex-DDR ist er SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat, auch wenn seine Partei dort keinen leichten Stand hat. Nämlich nur (noch) vier von 22 Sitzen. So viele wie die Linke.

Und doch weitaus mehr als die Grünen. Edwin Bendrin, 66, Baumspezialist in der kommunalen Grünpflege, ist Alleinkämpfer im kommunalen Parlament. Als in der Deutschen Demokratischen Republik eine friedliche Revolution stattfand, war dieser eigenständig denkende Kopf Mitte 30: "Meine Sturm- und Drangzeit", scherzt er: "Ich eckte ständig an und ließ mir von keinem was sagen. Auch von keinem Kommunisten. Von denen schon gar nicht." Bendrin stand unter Beobachtung der Stasi und deren Spitzel. "Es gab schon Pläne, was mit mir passiert wäre, wäre die Opposition damals gescheitert", sagt der kauzige Kerl: "Es wären Kasernierung und Bestrafung gewesen - wie wenn man einen Republikflüchtling gefasst hätte." "Jahre in Bautzen", dort, wo die "Politischen" einsaßen, das, sagt er, hätte ihm geblüht.

Wenn das Ehepaar Henjes und Edwin Bendrin als Zeitzeugen so in die Vergangenheit gucken, kann das Zuhörende schon mal frösteln lassen. Sonntags seien die Demos gegen die Honecker-Diktatur in Torgau gewesen. Sonntags? Weshalb das? Einfacher Grund: Damit man montags an der Demo in Leipzig teilnehmen konnte und Zeit hatte, unauffällig dorthin zu gelangen. Denn einfach, erzählen die drei, sei das nicht gewesen. Sondern gefährlich.

Panzer zum Niederschlagen der Aufständischen standen bereit

Gefährlich wie die Drohkulisse der Staatsmacht in jenen Städten, die abends in der Tagesschau und den Tagesthemen beständig Schlagzeilen machten. Edwin Bendrin hat gesehen, "wie in den Nachbarstraßen der Demos Panzer standen mit Schutzschildern, auf die man Spieße aufgeschweißt hatte. Damit hätte die Staatsmacht die Protestierenden niederwalzen können." Er, Bendrin, habe mit Unteroffizieren gesprochen, die gesagt hätten: "Wenn wir den Befehl dazu kriegen, schießen wir."

Hätten sie es tatsächlich getan? Wer will das abschließend wissen. Die Soldaten, sagt auch das Ehepaar Henjes, hätten auch Angst gehabt vor einer möglichen Eskalation, vor fließendem Blut, weil: "Sie hätten vermutlich auch auf ihre eigenen Verwandten und Bekannten schießen müssen." Gott sei Dank sei es dazu nicht gekommen.

Erzählen Familie Henjes und Edwin Bendrin, kann Zuhörenden schon mal das Blut in den Adern gefrieren. 6000 Leute hätten zuletzt auf dem Marktplatz mit ihren Plakaten in Torgau gestanden und freie Wahlen und Reisefreiheit verlangt. Bei um die 20 000 Einwohnern, die die Elbestadt damals überhaupt nur hatte, eine immense Kulisse, die den politischen Druck im Kessel bewies. Ein Glück, dass die damals eifrig in Torgau fotografierende Erdmute Bräunlich vieles davon im Bild festgehalten hat. Die heute 82-jährige Seniorin hat ihre Dokumente längst denen vermacht, die in Torgau dafür sorgen, dass die Geschichte einer friedlichen Revolution auch denen erhalten bleiben wird, die sie nur aus Geschichtsbüchern kennen.

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