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Lesung in Sindelfingen: Mit 80 auf dem Jakobsweg

Die 95-jährige Editha Humburg erzählte im Sindelfinger Atelier der Tochter von ihrer Reise im Jahr 2003

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    Mit 80 Jahren pilgerte Editha Humburg auf dem Jakobsweg, mit 95 Jahren ist sie immer noch fit und in Erzähllaune Foto: Thomas Bischof

Artikel vom 23. September 2018 - 19:54

Von Anne Abelein

SINDELFINGEN. Im Lebensherbst noch einmal auf den Jakobsweg? - Das geht doch nicht, waren sich alle einig. Editha Humburg hat es trotzdem getan und ihre Erlebnisse auch festgehalten. Heute ist sie 95 und schilderte am Samstag im Atelier T 7 dem gespannten Publikum Eindrücke von ihrer Reise. Zeitgleich eröffnete ihre Tochter Okuli Bernhard dort eine Ausstellung mit Bildern über Island.

Das kleine, aber feine Publikum sitzt umgeben von Darstellungen sturmzerzauster Küstenstriche, barock anmutender Abendhimmel und heiteren Stillleben im Atelier T7. 2017 hat Okuli Bernhard die Kunsträume mit Galerie in der Altstadt mit drei Kolleginnen gemietet, und heute empfängt sie einen ganz besonderen Gast: ihre Mutter Editha Humburg aus Ochsenwang.

Seit über 30 Jahren schreibt die umtriebige Lebenskünstlerin Theaterstücke, nimmt Hörspiele auf und hat auch Ausdruckstanz-Gruppen geleitet. Sie kleidet christliche Weisheiten in märchenhafte Geschichten und hat ihre Theaterstücke zum Beispiel in Stuttgarter Gottesdiensten und auf dem Kirchentag 2015 aufgeführt. Immer mit dabei: Familienmitglieder wie ihre Enkelin Silke Kriese und ihr Mann Jörg, die auch an diesem Tag anwesend sind. Sie wirken in den Stücken mit und stellen ihr neues Haus bei Backnang für die Proben zur Verfügung.

2003 war Editha Humburg für sechs Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs. Warum noch in diesem hohen Alter? - "Ich wollte meine Sorgen abwerfen und aus familiären Prägungen herauskommen", erklärt Editha Humburg. Da sie mit ihren Theaterstücken jahrelang im Rampenlicht stand, hoffte sie außerdem, "mal ganz unscheinbar unterwegs zu sein" und brach deshalb absichtlich in "uralten und unansehnlichen" Wanderklamotten auf. Der "Camino" präsentierte sich an den ersten Tagen sehr unwirtlich: Als sie die Pyrenäen durchquerte, tobten Unwetter und Sturm, und es goss in Strömen. Das war nicht ganz ungefährlich: "Der Weg war ein Fluss", so Editha Humburg. Doch die betagte Pilgerin kämpfte sich tapfer durch; in der Herberge lieh ihr ein Mann einen Föhn, um die Schuhe zu trocknen, und in einer Privatunterkunft entzündete ihre Wirtin ein wärmendes Kaminfeuer.

Von da an ging es stetig vorwärts, etwas langsamer als die Jungen natürlich, aber beharrlich. Mit Bildern von rustikalen steinernen Brücken, urtümlichen Dörfern und einsamen Ebenen zaubert die Enkelin Silke Kriese den staunenden Zuhörern den Weg auch bildlich vor Augen. Mit ihren 80 Jahren erregte Humburg auf dem Pfad natürlich bald Aufsehen. Insofern hat sie ihr Ziel, "unscheinbar" zu bleiben, eindeutig verfehlt. Und das ist das Glück des Publikums, denn diesem weiß sie sie jetzt ein reiches Panoptikum der verschiedensten Pilger- und Herbergsvater-Charaktere zu schildern.

Da ist eine geschwätzig europäische Buddhistin, die überall schon Humburgs Kommen ankündigt, da ist die überforderte "Lazarettgruppe", die sich auf dem Weg Verletzungen und Erkrankungen zugezogen hat, und ein verbitterter Sinnsucher mit einem Totenkopf-Tattoo, der Humburg ein Stück Weges begleitet und bei ihr für kurze Zeit Halt findet. Da gibt es "die Raser und Wichtigtuer", die bereits um 4 Uhr in der Früh lautstark knisternd, klimpernd und schlurfend ihren Aufbruch vorbereiten. Da ist auch der "Lackaffe" - ein Herbergsvater, der fußkranken Pilgern die Herberge verwehrt, weil sie nur eine Etappe von zehn Kilometern zurückgelegt haben. Nur einen Tag dürfen Pilger an einem Ort bleiben, dann müssen sie weiter. Die Wallfahrer legen Teilstrecken des Wegs gemeinsam zurück, speisen zusammen, verlieren sich aus den Augen und finden sich dann unverhofft wieder. Editha Humburg lernt, negative Gedanken "wie Saboteure über Bord zu werfen". "Ich habe das Alleinsein mit Gott gesucht und gefunden", ist ihr Fazit, und sie spricht sogar von "einer Werbekampagne" für den Glauben.

Ganz im Gegensatz zu mancher staubigen, kargen Wegpassage auf dem Jakobsweg stehen die Bilder in Öl und Ölwachskreiden, die Editha Humburgs Tochter Okuli Bernhard ausstellt: Diese sind mit erdigen Farben gesättigt und zeigen moosgrüne, feuchte Wiesen, schroffe Felsen und sogar Lavahöhlen. Über all dem entfaltet sich das rastlose Formenspiel der Wolken.

Okuli Bernhard aus Filderstadt hat an der Kunstakademie Stuttgart Freie Malerei studiert. Seit 1984 ist sie freiberuflich als Künstlerin tätig, und 2003 begann sie auch zu unterrichten. Heute kann man bei ihr zum Beispiel an der Gospel Art Kunstschule Stuttgart Stunden nehmen. Mit der Island-Reise hat sich Okuli Bernhard einen Traum erfüllt. "Ich war überwältigt", sagt sie. Jedem sein persönlicher Wallfahrtsort.

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