Demo: "Menschen ertrinken zu lassen, ist unerträglich"

Mehr als 250 Menschen demonstrieren in Sindelfingen für die Seenotrettung im Mittelmeer

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Artikel vom 29. Juli 2018 - 18:36

SINDELFINGEN (red). Nachdem bundesweit in den letzten Wochen bereits weit über 30 000 Menschen unter dem Motto "Seebrücke - für sichere Häfen in Europa" gegen die Abschottungspolitik und das Ertrinken von Flüchtlingen im Mittelmeer protestiert haben, sind am Samstag auch in Sindelfingen gut 250 Menschen auf die Straße gegangen.

"Menschen auf dem Mittelmeer sterben zu lassen, um die Abschottung Europas weiter voranzubringen und politische Machtkämpfe auszutragen, ist unerträglich und spricht gegen jegliche Humanität", hieß es in einer Erklärung mit der ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, kirchennahen Organisationen und Parteien zur Demonstration aufgerufen hatten.

Aus diesem Anlass sind auch Friedhold Ulonska von der Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline und Klaus Stramm von Seewatch bei der Sindelfinger Demonstration. Beide haben als Kapitäne mehrere Seenotrettungsmissionen geleitet. Die Kritik der beiden an der europäischen Abschottungspolitik fiel am Samstag harsch aus. "Dass fast alle zivilen Seenotrettungsorganisationen in Malta festgehalten werden und selbst die Aufklärungsflugzeuge nicht mehr fliegen dürfen, ist ein Skandal mit tödlichen Folgen": Friedhold Ulonska, der zu Beginn der Demonstration redet, ist sichtlich schockiert. "Das Ergebnis sind hunderte ertrunkene Menschen. Früher war die Überfahrt für jeden vierzigsten tödlich, ohne die zivile Seenotrettung stirbt jeder siebte."

Unbeschreiblich schlimme Zustände in Libyen

Unverständnis hat Ulonska auch für die Anfeindungen: "Allen, die ernsthaft die Seenotrettung infrage stellen, rate ich, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen." Das gleiche legt der Kapitän auch jenen nahe, die fordern, die geretteten Menschen wieder zurück nach Libyen zu bringen. Die Situation dort sei für Geflüchtete unbeschreiblich schlimm. "Bei mir auf dem Boot war ein junger Mann. Als die libysche Küstenwache auftauche, ist der Mann von Bord gesprungen: Er wollte lieber sterben, als in eines der Lager zurück zu müssen und den Milizen dort ausgeliefert zu sein."

Die Stimmung auf der Demonstration ist bedrückt, als sich der Zug nach Ulonskas Rede vom oberen Marktplatz zunächst die Ziegelstraße Richtung Domo und dann durch die Altstadt zum Wettbachplatz in Bewegung setzt. Dort gedenken die Demonstranten mit einer Schweigeminute der hunderten Toten auf dem Mittelmeer alleine im Juli, bevor sich der Zug weiter zur Abschlusskundgebung auf dem Planiedreieck bewegt. Dort kann die Seebrücke eine der Bühnen des Lichterfests nutzen. Zunächst spricht Sanja Jäger: Sie unterstützt seit Jahren mit dem Arbeitskreis Asyl junge Geflüchtete bei der Integration. "Diese unfassbaren, unmenschlichen Ereignisse auf dem Mittelmeer und in Libyen mögen sich weit weg anfühlen. Aber wer mit Geflüchteten Menschen spricht, Freundschaften aufbaut, der wird irgendwann mit Erzählungen von Fluchtgeschichten konfrontiert, die einen nicht kalt lassen können und die uns als Gesellschaft nicht kaltlassen dürfen."

Im Anschluss tritt Klaus Stramm ans Mikro. Der Sea-Watch Kapitän und Vorstand des gleichnamigen Vereins geht die europäische Politik und die Bundesregierung scharf an. Eindrücklich wird es, als er seinen Sprechzettel wegsteckt und von der Frustration berichtet, die bei den Crews herrscht, die auslaufbereit in Malta festgesetzt sind: "Alle diese Leute waren bei Seenotrettungsmissionen dabei. Manchmal drohen 20 Menschen zu ertrinken, aber die Helfer haben nur zwei Arme oder kommen zu spät. Alle Crews haben es selbst erlebt, was ohne Seenotrettung passiert. Wir alle mussten schon Leichen, auch von Kleinkindern, bergen. Und jetzt werden wir daran gehindert, die Menschen zu retten."

Inwieweit bedingt unser Lebensstil hier die Fluchtursachen dort?

Es ist zweifelsohne der emotionale Höhepunkt der Seebrücke in Sindelfingen. "Rettungskräfte bei ihrer Arbeit zu behindern, ist in Deutschland ja strafbar. Aber wenn es um Geflüchtete auf dem Mittelmeer geht, wird genau das gefordert und praktiziert."

Neben harscher Kritik an Innenminister Horst Seehofer rückt der Sindelfinger Grünen-Politiker Tobias B. Bacherle zum Abschluss der Kundgebung den Fokus auf mögliche Lösungen. "Menschen fliehen nicht freiwillig, sondern aus einer Notlage. Daher kann Abschottung die Migrationsfrage nicht lösen. Wir müssen uns ehrlich machen und schauen, an welchen Punkten unser Leben, der Klimawandel, vor allem aber unsere europäische Handelspolitik und die Produkte, die wir konsumieren, Fluchtursachen bedingen können."

"Dass hier gut 250 Menschen ein Zeichen gesetzt haben, zeigt: Auch Sindelfingen ist nicht bereit, gleichgültig dabei zu zusehen, wie Europa sich abschottet und dabei Menschenleben bereitwillig aufs Spiel gesetzt", sind sich Sanja Jäger und Tobias B. Bacherle einig. Die beiden hatten die Demonstration initiiert. Weitere Aktionen sollen folgen.

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