Einsatz für Donauschwaben-Kultur: Henriette Mojem

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    2017 verlieh Ministerpräsident Winfried Kretschmann Henriette Mojem den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg Foto: Archiv

Artikel vom 12. Mai 2018

SINDELFINGEN (wrh). Ohne Henriette Mojem liefe im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen nichts. Sie führt die Geschäfte der Stätte der Begegnung, der Erinnerung und des Gedenkens der nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Welt zerstreuten Volksgruppe, sie organisiert Kulturveranstaltungen, begleitet die Treffen der Landsmannschaften. Sie betreut Studenten, pflegt die Sammlungen und betätigt sich so ganz nebenbei als Sozialarbeiterin. Was sie tut, bezeichnet sie als "wunderschöne Aufgabe". "Es glaubt mir niemand, was ich hier schon alles erlebt habe", sagt die 60-Jährige.

Henriette Mojem ist selbst donauschwäbischer Herkunft. Geboren und aufgewachsen ist sie im Banat. 1977 durfte sie mit Eltern, Großeltern und Bruder aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland aussiedeln. Die Familie landete in Stuttgart. Nach dem Studium des Bibliothekswesens und der Japanologie und Romanistik bewarb sich Henriette Mojem um die Stelle in der Bibliothek des Hauses der Donauschwaben in Sindelfingen. Sie erinnert sich noch gut, wie sie Jakob Wolf, der Geschäftsführer des Hauses, und Dieter Hülle, der Kulturamtsleiter der Stadt Sindelfingen, "kreuz und quer ausgefragt haben". Am Ende bekam sie die Stelle, rückte vier Jahre später sogar zur Geschäftsführerin auf.

Das Haus der Donauschwaben sammelt alle Publikationen und AV-Medien, die in irgendeiner Weise mit dem Landstrich zu tun haben, der im ehemaligen Jugoslawien, in Ungarn und Rumänien liegt. 35 000 Bücher sind in dem Haus in der Goldmühlestraße verwahrt, 85 Zeitschriften kommen regelmäßig. "Selbst das kleinste Blättchen kann für die Forschung von unschätzbarem Wert sein", sagt Mojem. Jedes Jahr reisen Studenten aus aller Welt nach Sindelfingen, um sich in ihren Zulassungs-, Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten donauschwäbischer Themen anzunehmen. Henriette Mojem hilft ihnen bei der Recherche, übersetzt, bereitet die jungen Leute auf Prüfungen vor, leidet mit ihnen. "Diese Studenten sind alle meine Kinder", sagt die zierliche Frau, die keine eigenen Kinder hat.

"Da muss ich viel Sozialarbeit leisten"

Ihr zweiter Arbeitsschwerpunkt ist die Vermittlung der Kultur der und von Wissen über die Donauschwaben. Da steht mal ein Operettennachmittag mit Melodien von Emmerich Kálmán auf dem Programm, mal ein Vortrag über Nikolaus Lenau, mal ein Konzert des Paul-Abraham-Ensembles oder eine Lesung des Autors Helmut Erwert. Mojem bereitet für jede Veranstaltung eine Broschüre vor, die umfassend Auskunft über die Künstler, ihre Werke und die Interpreten gibt. Und sie führt durch das Programm. "Manchmal schreibe ich noch an meiner Moderation, wenn die unter schon singen", sagt sie. Bei Operettennachmittagen füllen bis zu 160 Zuhörer den Festsaal.

Im Haus der Donauschwaben finden nicht nur von der Geschäftsführerin organisierte Veranstaltungen statt. Die donauschwäbischen Landsmannschaften halten dort auch ihre Heimatortstreffen ab. Eigentlich könnte sich Henriette Mojem da aufs Auf- und Zuschließen beschränken. Doch sie begrüßt die Gäste, hält - wenn kein Pfarrer da ist - die Andacht. Und beim Totengedenken im Ehrenhof des Hauses spielen sich oft herzzerreißende Szenen ab.

Die erlebt Mojem auch immer wieder, wenn Menschen bei ihr vorbeischauen, die ihre alte Heimat verlassen mussten, und ihr ihre Lebensgeschichten erzählen. "80 Prozent der Donauschwaben der Erlebnisgeneration sind traumatisiert", sagt die geduldige Zuhörerin - und fügt hinzu: "Da muss ich viel Sozialarbeit leis-ten."

Die Treffen der früheren Nachbarn sind hochemotional. Manchmal enden sie tragisch. Henriette Mojem erinnert sich, wie sich bei einem dieser Heimatortstreffen zwei alte Menschen wiederbegegnet sind, die in ihrer Jugend ein Liebespaar waren, von ihren Eltern aber durch falsche Behauptungen auseinandergebracht worden waren und sich seitdem nie wieder getroffen hatten. Die beiden sprachen sich aus, tanzten miteinander. "Mitten auf der Tanzfläche ist er in ihren Armen zusammengebrochen", schildert Mojem das tragische Ende.

Henriette Mojem hat sich vorgenommen, ein Buch über das zu schreiben, was sie rund um das Haus der Donauschwaben erlebt hat. "Das glaubt mir sonst niemand", sagt sie. Nicht alle Erlebnisse waren tragisch. Über manche amüsiert sie sich heute köstlich.

Einsatz zur Not auch auf allen Vieren

Als Innenminister Frieder Birzele einst den Donauschwäbischen Kulturpreis im Festsaal der Kultur- und Erinnerungsstätte in Sindelfingen verlieh, ergoss sich Schlamm aus einem geborstenen Rohr übers gesamte Foyer, in das die Festgesellschaft in Kürze herausquellen sollte. Der Hausmeister alarmierte einen Handwerker, der die gröbste Sauerei beseitigte. Henriette Mojem wischte gemeinsam mit der Familie des Hausmeisters die Reste vom Boden auf. Als Birzele und seine Entourage freundlich grüßend aus dem Festsaal schritten, war der Boden sauber. Die Geschäftsführerin versteckte die schmutzigen Lappen, die sie noch in Händen hielt, schnell hinter dem Rücken.

Legendär ist Henriette Mojems Einsatz, als Land und Stadt 2004 die Jubiläen ihre Patenschaften über die Donauschwaben in der Sindelfinger Stadthalle feierten. Kurz bevor die Tanzgruppe der Sathmarer Schwaben auf die Bühne sollte, übergab deren Leiter der Cheforganisatorin eine CD mit der Musik für den Auftritt, die eigentlich schon längst in der Tontechnik hätte sein sollen. Mojem überwand den Schreck rasch. Sie schnappte den Tonträger und kämpfte sich zur Technik durch, was nicht einfach war, da die Stadthalle damals gerade umgebaut wurde. Sie schüttelte einen Ordner aber, der sich ihr in den Weg stellen wollte, trippelte die Treppe hoch unters Hallendach - und stand vor einem für eine Stöckelschulträgerin unüberwindlich scheinenden Gitterboden, an dessen anderer Seite sie die Techniker sitzen sah. Die aber hörten sie nicht, weil sie Kopfhörer übergestülpt hatten. Henriette Mojem zog ihren engen Rock ein wenig hoch, klemmte die CD zwischen die Zähne und krabbelte auf allen Vieren auf die Techniker zu. "Die dachten, da kommt eine Verrückte", erzählt sie lachend. Doch das minutiös ausgeklügelte Programm konnte nach dieser Aktion unbeeinträchtigt weitergehen. Henriette Mojem krabbelte zurück und stieg wieder auf die Bühne hinunter, wo sie Otto Welker, seinerzeit Vorsitzender des Vereins Haus der Donauschwaben, bereits vermisst hatte.

Henriette Mojem, die für ihren Einsatz fürs Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln des donauschwäbischen Kulturguts von Ministerpräsident Winfried Kretschmann 2017 mit dem Verdienstorden des Landes ausgezeichnet wurde, ist überzeugt, dass das Haus der Donauschwaben auch dann noch eine Daseinsberechtigung als "geistige Tankstelle", als Kultur- und Forschungszentrum hat, wenn von der Erlebnisgeneration niemand mehr lebt.

 

Zur Person: Henriette Mojem wurde 1957 in Jahrmarkt im Banat geboren. Als sie in der achten Klasse war, zog die Familie nach Temeswar, wo sie am deutschsprachlichen Nikolaus-Lenau-Lyzeum das Abitur ablegte.

1977 durfte die Familie nah 13 Jahren Wartezeit aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland aussiedeln. Sie landete in Stuttgart, wo Henriette Mojem in die Welt der Büchereien hineinwuchs. Sie studierte Bibliothekswesen und setzte noch ein Studium der Japanologie und Romanistik drauf.

1985 stellte sie der Verein Haus der Donauschwaben in Sindelfingen als Bibliotheksleiterin ein. Seit 1989 ist sie Geschäftsführerin des Vereins.

2017 wurde Henriette Mojem mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.

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