Neue AK-Leben-Vorsitzende: "Zu unruhig für Ruhestand"

Das Interview: Margit Wagner, neue Vorsitzende im Arbeitskreis Leben e. V., will der Suizidprävention mehr Augenmerk schenken

  • img
    Wenn die Schattenseiten des Lebens Menschen in Not erfassen, sind Wege zurück ans Licht gefragt Foto: red

Menschen, die der Lebensmut verlässt, beizustehen - das ist keine leichte Aufgabe. Aber eine lohnenswerte, findet Margit Wagner. Der Arbeitskreis Leben e.V. Böblingen hat die 64-jährige Sindelfingerin jetzt zu seiner neuen Vorsitzenden gewählt. Ein Amt, das sie mit Elan angeht - und mit Respekt und Demut zugleich.

Artikel vom 03. April 2018 - 17:36

Von Siegfried Dannecker

Frau Wagner, Sie lösen Matthias "Mattis" Steinmann ab, der als Rohrauer Pfarrer den "AKL" lange geleitet hat. Das sind schon gewisse Fußstapfen, oder?
Ja, ich habe gesagt, ich mache das jetzt mal für zwei Jahre, dann sieht man weiter. Ich bin nicht so vermessen zu sagen: Ja klar, ich kann das mit links schultern.

Wie kamen Sie zum Arbeitskreis Leben?
Ich las in der Zeitung, dass Mitstreiter gesucht würden und ging zu einem Treffen. Dann blieb ich hängen.

Klingt wie die Jungfrau zum Kinde.
(Lacht) So in etwa.

Sie laden sich jedenfalls ein ordentliches Paket auf.
Gewiss. Aber ich finde, ich bin mit 64 noch zu unruhig für den Ruhestand.

Sie waren Berufsschullehrerin und haben an der Gottlieb-Daimler-Schule 2 zuletzt im Gesundheitsbereich Arzt- und Zahnarzthelferinnen unterrichtet. Sie wissen also, gewissermaßen, wo's wehtun kann im Leben - buchstäblich und im übertragenen Sinn.
Ja. Ich komme ja ursprünglich aus der Krankenpflege, habe am Olgäle in Stuttgart gelernt und dann in Mannheim eine Fachausbildung in Anästhesie und Intensivmedizin absolviert. Schließlich war ich Unterrichtsschwester und habe danach noch studiert - Lehramt für berufliche Schulen in Esslingen, Fachbereich Gesundheitswesen und evangelische Theologie.

Haben Sie persönlich in ihrem Leben Erfahrungen gemacht mit Lebensmüden?
Oh ja. Viele und schon als Kind mit acht oder neun. Ich komme ursprünglich aus einer kleinen Stadt in Hohenlohe, wo ich von Suizidenten gehört und Fälle selber mitbekommen habe. In der Regel waren das Männer zwischen 50 und 60, manche selbstständig, die sich erhängten. Die Ehefrau eines Lehrers ging ins Wasser. Dieses Thema begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Wenn Sie in der Intensivpflege tätig sind, wie ich es war, kriegen Sie solche Fälle von Selbstmordversuchen ja auch regelmäßig mit.

Im Landkreis Böblingen, besagen es die Zahlen, haben im letzten Jahr 32 Männer und sieben Frauen den Freitod gewählt.
Jeder einzelne ist ein Fall zu viel. Deshalb wollen wir im Arbeitskreis Leben Menschen helfen, aus ihren Depressionen, Burn-Outs und dunklen Lebensphasen heraus und wieder ans Licht zu kommen. Dafür haben wir ja den Telefondienst eingerichtet, treffen uns zweimal als Gruppe im Monat, haben Fortbildungen an Wochenenden und einmal im Monat Supervision.

Verteilt sich die Last auf genügend Schultern?
Nein, wir könnten dringend noch mehr Frauen und Männer brauchen, die uns unterstützen. 2017 hatten wir 91 Anfragen per Anrufbeantworter beziehungsweise per E-Mail. Die Hilfesuchenden wandten sich an unseren Verein, weil sie trauern, sich überfordert fühlen, psychisch auffällig sind oder weil das Verhältnis zu Angehörigen beeinträchtigt ist. Aus den Anfragen ergaben sich 68 Begleitungen, die teilweise über ein Jahr dauern. Die Treffen in Cafés oder bei Spaziergängen sind zeitintensiv. Deshalb wäre es gut, wir hätten ein paar Freiwillige mehr. Manche dieser Hilfesuchenden wünschten sich einen freundschaftlichen Begleiter fürs ganze Leben. Das können wir natürlich nicht leisten. Es gibt in Deutschland 10 000 vollendete Selbstmorde im Jahr. Das sind mehr als Verkehrs-, Aids- und Drogentote zusammen. Erschreckend.

Sie vermitteln nach Erst- und Fortsetzungsgesprächen aber auch gezielt professionelle Hilfe mit entsprechender Qualifikation.
Schon, ergänzend müssen wir dennoch da sein, quasi als Überbrückung. Wir machen oft die Erfahrung, dass die Suche unserer Klienten nach einem geeigneten Therapieplatz sich äußerst schwierig gestaltet. Die Wartezeiten sowohl in den psychologischen Beratungsstellen als auch bei den niedergelassenen Therapeuten und psychiatrischen Praxen reichen von minimal vier Wochen bis maximal sechs Monaten.

Ihr ehemaliger Vorsitzender Matthias Steinmann hat angeregt, die Themen Lebenskrisen und Selbsttötungsgefahr in weit größerem Maße als bisher präventiv anzugehen.
Richtig, das ist sehr sinnvoll. Wir müssen das Thema aus der Tabuzone holen, wo es immer noch viel zu sehr steckt, die Problematik öffentlicher machen. Wer an Selbstmord denkt, steckt ja in tiefster Not und macht das nicht aus Jux und Tollerei. Wir wollen Veranstaltungen machen in Schulen, Altersheimen, Seniorenakademien oder Volkshochschulen. Auch dafür bräuchten wir noch neue Leute.

Gefühlt nehmen die Seelenqualen vieler Menschen zu - nicht nur bei Älteren. Und die Gesellschaft wird immer älter.
Ich empfinde es ähnlich. Aber aus meiner Seelsorge an der Schule weiß ich, dass Überforderung, Traurigkeit und Depressivität auch bei Jugendlichen zunehmen. Das sorgt mich sehr. Auch die Trauergruppe für Angehörige nach einem Suizid, die guten Zulauf hat, zeigt alle Nöte. Die Hinterbliebenen plagen oft immense Schuldgefühle, jahrelang: Warum habe ich nichts gemerkt, warum habe ich nichts getan? Das zehrt unglaublich. Da hilft die Gruppe. Nach einem Vorgespräch mit Barbara Gogoll oder mir ist jeder zu dem Monatstreffen willkommen.

  Der Arbeitskreis Leben e.V. ist zu erreichen unter (0 70 31) 3 04 92 59 oder akl-boeblingen@ak-leben.de.
Verwandte Artikel