Torgaus Bauten sind schöner als die der Antike

ISPAS hofft, dass die nächste Bürgerfahrt in die sächsische Partnerstadt von Sindelfingen nicht erst wieder in 13 Jahren stattfindet

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    Die Reisegruppe aus Sindelfingen vor Schloss Hartenfels in Torgau Foto: red

Artikel vom 31. August 2017 - 16:24

SINDELFINGEN/TORGAU (red). Zwar regnete es in Strömen, als der Bus mit 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der von der Initiative Städtepartnerschaften Sindelfingen (ISPAS) organisierten Bürgerfahrt nach Torgau in Sindelfingen abfuhr, doch der Laune des erwartungsvollen Völkchens tat das keinen Abbruch.

Die erste Station der Fahrt war Erfurt, die Hauptstadt des Freistaates Thüringen. Nach einem mittelalterlichen Mittagessen zwischen Ritterrüstungen und rustikalem Ambiente brachen die Sindelfinger zur Stadtführung auf. Das Collegium Maius, das ehemalige Hauptgebäude der Alten Universität und heutige Landeskirchenamt der evangelischen Kirche, die Kramerbrücke, ein Wahrzeichen der Stadt, der Fischmarkt mit den Patrizierhäusern aus der Renaissance, der Waidspeicher, in dem ab dem 13. Jahrhundert die Farbe "Deutsches Indigo" hergestellt wurde, und der Dom mit der "Gloriosa", der größten frei schwingenden mittelalterlichen Kirchenglocke der Welt, gehörten zu den Zielen der Tour. Doch die Zeit drängte, schließlich war ja Sindelfingens Partnerstadt Torgau das eigentliche Ziel der Bürgerfahrt.

Im Restaurant "Herr Käthe" in Torgau wartete als kulinarischer Abschluss des ersten Reisetages ein fünfgängiges "Reformationsmenü" mit Köstlichkeiten aus der Zeit Martin Luthers wie Kürbissuppe, mit Speck ummantelten Wachteln mit Hirsebrei, sautiertem Flussfisch mit Flusskrebsen, Entenkeule mit Erbsenbrei und Plinsen (Pfannenkuchen) mit Apfelkompott auf die Gäste. Der zweite Reisetag war der "Torgau-Tag". Vormittags empfing Oberbürgermeisterin Romina Barth die Gäste aus der Partnerstadt im Rathaus. Ein von Torgauer Gymnasiasten produzierter Film über Luthers Frau Katherina stimmte die Sindelfinger auf die Stadtführung mit Silvia Meinel alias Katharina von Bora (auch Herr Käthe oder Katharina Luther genannt) ein.

Ein Bummel durch die historische Altstadt von Torgau gleicht einer Reise in die Renaissance. "Besonders beeindruckend ist der Markt mit dem Renaissance-Rathaus und dem Ensemble prächtiger Patrizierhäuser", fasst die ISPAS-Vorsitzende Brigitte Stegmaier ihre Eindrücke zusammen. Zudem sind in der Stadt das älteste Spielwarengeschäft Deutschlands und eine der ältesten Apotheken Sachsens, die Mohrenapotheke. Viel Zeit verbrachten die Gruppe aus Sindelfingen in dem zum Museum ausgebauten Bürgermeister-Ringenhain-Haus. Dieses von außen schlichte Bürgerhaus überrascht innen mit seinen aufwendig gestalteten Decken- und Wandgemälden des 16. Jahrhunderts. Das Haus ist das kultur- und kunsthistorisch bedeutendste Bürgerhaus der Renaissance in Mitteldeutschland. "Torgaus Bauten übertreffen an Schönheit alle aus der Antike", hat schon Martin Luther über die Stadt mit den heute 500 Baudenkmalen gesagt.

Das beeindruckendste Bauwerk der Stadt ist Schloss Hartenfels mit dem großen Wendelstein. "Wie ein Schneckenhaus führt die elegant gewundene steinerne Treppe nach oben", schildert Brigitte Stegmaier das Bauwerk. Die Schlosskirche wurde nach Luthers Vorgaben errichtet und vom Reformator 1544 geweiht. Doch nicht nur Luther selbst wird in Torgau geehrt. 1552 floh seine Witwe vor der Pest mit ihren Kindern dorthin, wo sie kurz darauf verstarb. In ihrem Sterbehaus erinnert ein Museum an die "be-

Sindelfinger spekulieren auf einen Gegenbesuch zum 30-Jahr-Jubiläum

rühmteste Pfarrfrau der Welt", Katharina von Bora. Stimmungsvoller Abschluss der Stadtführung war ein Orgelkonzert von Ekkehard Saretz in der Schlosskirche. Saretz hat mehrfach Orgelkonzerte in Sindelfingen gegeben.

Die Lutherstadt Wittenberg erkundeten die Sindelfinger am dritten Tag. Eine Schifffahrt führte sie in das Unesco-Weltnaturerbe "Flusslandschaft Elbe". Höhepunkte der Stadtführung waren die Schlosskirche, die Stadtkirche St. Martin, das Melanchthonhaus und das Lutherhaus. Die Schlosskirche war zu Luthers Zeit die Aula der Universität. Ihre hölzerne Tür diente den Studenten und Professoren als schwarzes Brett, an das Martin Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen hat. Die Originaltür wurde durch ein Feuer vernichtet. Heute ist eine Bronzetür angebracht, auf der die Thesen dargestellt sind. "Wieder zurück in Torgau ließen wir den Abend dank einer Einladung der Torgauer Feuerwehr mit sächsischen Bratwürsten und Bier ausklingen", berichtet Brigitte Stegmaier.

Der letzte Tag der Bürgerfahrt führte nach Weimar. Eng verbunden mit Weimar sind die Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ihre Wohnhäuser sind beliebte Ziele für Touristen. Vor dem Nationaltheater steht seit 1857 das Goethe-und-Schiller-Denkmal. Im Zentrum Weimars liegt der "Park an der Ilm", dessen Gestaltung von Goethe stark beeinflusst wurde. In der Stadtmitte liegt das Residenzschloss, das ebenso zum Weltkulturerbe der Unesco gehört wie die Herderkirche (Stadtkirche St. Peter und Paul) mit dem dreiflügligen Altarbild, das von Lucas Cranach dem Älteren begonnen und von Lucas Cranach dem Jüngeren vollendet wurde.

In Weimar wurde 1919 das Bauhaus gegründet, das für modernes Wohnen und Design steht. Nach einem Blick auf diese Facette der Stadt trat die Gruppe die Rückreise nach Sindelfingen an. "In einem waren wir uns alle einig", heißt es am Ende von Birgitte Stegmaiers Bericht. "Auf die nächste Bürgerfahrt nach Torgau werden wir nicht wieder 13 Jahre lang warten, sondern diese definitiv früher planen." Anlass dazu könnte die Landesgartenschau sein, die 2022 in Torgau stattfindet. Darüber hinaus äußerten die Verantwortlichen bei ISPAS die Hoffnung, dass die Torgauer anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Partnerschaft im kommenden Jahr eine Bürgerfahrt nach Sindelfingen vorsehen.

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