Anleitung zu einer Entdeckungsreise

Arbeitskreis Offene Kirche legt neuen Führer durch die Martinskirche, das spirituelle Zentrum und Wahrzeichen Sindelfingens, vor

  • img

Zwei Jahre lang werkelte ein Arbeitskreis am neuen Führer durch die Martinskirche. Dass bei ihrer Entdeckungsreise durch das Wahr- zeichen Sindelfingens ein veritables Buch herauskommen würde, hätten sich die Frauen und Männer um Ilke Büchler nicht träumen lassen. Jetzt ist es fertig - und lädt zur Erkundung der Martinskirche ein.

Von Werner Held

Artikel vom 18. Juni 2013 - 18:06

SINDELFINGEN. 2008 wurde die 925. Wiederkehr des Tags gefeiert, an dem die Martinskirche geweiht worden ist. Eigentlich wollte die evangelische Kirchengemeinde damals schon einen neuen Kirchenführer herausgeben, waren doch die aus früheren Jahren längst vergriffen. Doch es reichte nur zum Faltblatt "Stationen eines Rundgangs". Das vielfältige Festprogramm in jenem Jahr ließ den Verantwortlichen keine Zeit dafür, um auch noch einen richtigen Kirchenführer auf den Markt zu bringen, sagte Pfarrer Martin Länder gestern vor der Presse.

Der Arbeitskreis Offene Kirche gab sich einen neuen Zeithorizont: Zur 750-Jahr-Feier der Stadt in diesem Jahr sollte das Werk fertig sein, schließlich ist die Martinskirche nicht nur spirituelles Zentrum, sondern auch kultureller Mittelpunkt und Wahrzeichen Sindelfingens. Doch kaum war die Arbeit begonnen, kam dem Arbeitskreis der Vorsitzende abhanden: Pfarrer Markus Schoch wechselte von Sindelfingen nach Riga. Da damals auch schon klar war, dass auch Hans-Martin Fetzer und Martin Länder nicht mehr lange in Sindelfingen sein würden, fand sich kein Pfarrer, der diesen Job übernahm. Schließlich klärte sich Kirchengemeinderätin Ilke Büchler bereit, sich hinter die Sache zu klemmen. Sie lebt seit 20 Jahren in Sindelfingen. "Die Martinskirche", sagt sie, "war für mich von Anfang an ein Hort der Ruhe und Geborgenheit."

Ilke Büchler und ihr Team hatten den Ehrgeiz, Texte, Bilder und Layout des neuen Führers selbst zu erarbeiten; sie wollten auf keinen Fall das Rohmaterial einem Verlag zur Vollendung überlassen. "Wir wollten", formuliert Peter Wax, ein "angeheirateter Sindelfinger", einen Anspruch, "nicht nur die Martinskirche als solche beschreiben, sondern sie in einen historischen Zusammenhang, in die große Weltgeschichte stellen." Dabei flossen immer wieder Details ein, die so bislang nicht bekannt waren. Wax hebt beispielsweise hervor, dass es gelungen sei, eine plausible Erklärung dafür zu finden, warum die Martinskirche laut "Sindelfinger Chronik" aus dem 13. Jahrhundert zwar am 4. Juli 1083 geweiht worden ist, dendrochronologische Untersuchungen aber ergeben haben, dass das Holz des Dachstuhls erst im Winter 1131/2 gefällt worden ist.

Auftakt mit Spurensuche

Stolz sind die Autoren auf das Anfangskapitel "Spurensuche", "das es so noch nie gab, und vermutlich auch nie wieder geben wird", wie der Historiker Klaus Philippscheck sagt. Weil in der romanischen Pfeilerbasilika kaum Ausstattungsstücke erhalten sind, fällt dem unbedarften Besucher wenig ins Auge, was ihn dort verweilen lässt. In mühevoller Kleinarbeit haben die Autoren die Geschichte(n) von Besonderheiten zusammengetragen, die der Betrachter bei genauerem Hinsehen entdecken kann. Die Basen der beiden östlichen Pfeilerpaare im Chor sind beispielsweise deshalb in 2,50 Meter statt in Bodenhöhe, weil dieser Teil einst in der Unterkirche, einer Krypta, "versteckt" war. "Wir wollen den Besucher durch die Martinskirche führen und ihm Hinweise darauf geben, was er finden kann", beschreibt Philippscheck das Ansinnen.

Architekt Immanuel Rühle betont, dass auch der klassische Teil des Kirchenführers viel umfangreicher ausgefallen sei als in früheren Werken. Aufgearbeitet wurden auch die Renovierungen in den vergangenen 100 Jahren. "Die romanische Kirche", meint er, "ist durch die Renovierungen noch evangelischer geworden." Die Autoren haben auch aufgenommen, was es mit dem Evangeliar Heinrichs des Löwen auf sich hat, von dem seit einigen Jahren ein Faksimile in der Martinskirche ausgestellt ist. Auch über Orgeln und Glocken wird geschrieben - und über ein Projekt wie die "Leeren Martinskirche", das seit 1999 regelmäßig stattfindet.

"Wir sind selber auf Entdeckungsreise gegangen", beschreibt Walter Lenk, ehemaliger Leiter der Königsknoll-Schule, der sich 2008 mit seinen Schülern intensiv mit dem Sindelfinger Wahrzeichen beschäftigt hat, die Arbeitsweise. Pfarrer Martin Länder ist sicher: "Auch wer die Martinskirche kennt, wird manch Neues entdecken." 3000 Exemplare des Führers hat die Martinskirchengemeinde fürs Erste drucken lassen. Der Führer, der den schlichten Titel "Martinskirche Sindelfingen" trägt, wird für 9,50 Euro verkauft. Das erste Exemplar übergab Ilke Büchler gestern OB Dr. Bernd Vöhringer, schließlich ist der Kirchenführer ja auch als Geschenk der Gemeinde an die jubilierende Stadt gedacht. "Ich kann mir vorstellen, dass da viel Arbeit drinsteckt", lobte Vöhringer die Autoren. Die stimmten bloß ein herzhaftes Gelächter an.

Verwandte Artikel