Flüchtlingshelfer zeigen Dokumentarfilm über Rettungsschiff

AK Asyl Weil der Stadt und "Seebrücke" im Kreis Böblingen zeigen den Film Iuventa und kommen mit Seenotrettern ins Gespräch

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    Das Seebrücken-Team Utz Mörbe, Tobias Bacherle, Dominik Ernst mit Kapitän Thomas Nuding (hintere Reihe von links) sowie Rettungseinsatzleiter Olaf Oehmichen, Alicia Krull, Sanja Jäger, Ute Wolfangel (vordere Reihe von links) Foto: red

Artikel vom 01. Februar 2019 - 16:42

WEIL DER STADT (red). Keine leichte Kost für die fast 90 Besucher gab es am Mittwochabend im Kino "Kulisse" in Weil der Stadt. Die Bewegung "Seebrücke" im Kreis Böblingen und der AK Asyl Weil der Stadt zeigten gemeinsam den Dokumentarfilm "Iuventa - der Film", der zwei Jahre das Rettungsschiff "Iuventa" und dessen Crew begleitet, auf dem Wasser und an Land. Der Film illustriert unkommentiert die Geschichte der zivilen Nichtregierungsorganisation "Jugend rettet".

Die Aufzeichnungen beginnen 2015 bei der Teambildung durch eine Gruppe junger, hochmotivierter Menschen im mittelmeerfernen Berlin. Gemeinschaftlich gründen sie den Verein "Jugend rettet", kaufen und restaurieren einen alten Fischkutter aus DDR-Zeiten. Sie stellen ihre künftige Crew zusammen und bilden diese für die Seenotrettung aus. Was folgt, geht an die Nieren. Neben dramatischen Rettungseinsätzen auf dem Mittelmeer nahe der libyschen Küste bis hin zu der Festsetzung der "Iuventa" im August 2017 zeigt der Film Momentaufnahmen menschlicher Verzweiflung und Hoffnung, einer Mischung aus Emotionen, die die Seenotretter mit den Geflüchteten teilen. "Ich würde es nicht wieder tun", gesteht ein junger Geflüchteter zwei Crew-Mitgliedern in Sizilien. Zu hart waren die Erlebnisse seiner Flucht durch die Wüste, die Misshandlungen in libyschen Internierungslagern, die Todesangst in einem seeuntauglichen und völlig überfüllten Schlauchboot, mit dem er dieser Hölle entflohen ist. "Doch es gibt Menschen, die haben keine andere Wahl, als aus ihrer Heimat zu fliehen", fügt er hinzu. "Weil sie politisch verfolgt werden, homosexuell sind oder die falsche Religion haben." Und so treten immer mehr Menschen den weiten Weg an, um ins sichere Europa zu kommen, und nehmen in Kauf, auf ihrem Weg nach Europa zu sterben.

Die Gründe für Flucht sind vielfältig. Thomas Nuding und Olaf Oehmichen, Kapitän und Seenotretter der Hilfsorganisationen Sea-Eye und Lifeline, stehen vor und nach dem ergreifenden Film für die Fragen der Zuschauer zur Verfügung und berichten aus erster Hand von ihren Erfahrungen in der Seenotrettung.

Klimawandel und Migration

"Kein Mensch flieht ohne Grund aus seiner Heimat", betont Thomas Nuding nach dem Film und fügt hinzu: "Die Industrieländer und die Zivilgesellschaft sind in der Verantwortung, den Menschen in armen Ländern zu helfen, eine sichere und lebenswerte Heimat mit den notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sie keinen Grund zur Flucht mehr haben." Die großen Problemfelder in der Welt sind für Nuding der Klimawandel und die Migration. Diese könne man nur mit einer konsequenten Klimapolitik und Fluchtursachenbekämpfung in den Griff bekommen: "Die reichen Industrieländer und wir, die Zivilgesellschaft, sind in der Pflicht", so Nuding weiter, "die armen Länder durch Hilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen und zu stabilisieren, anstatt deren Bodenschätze und Reichtum aus dem Land tragen und Bündnisse mit korrupten Despoten einzugehen."

Nuding ist überzeugt: "Von einer politischen Stabilität und wirtschaftlichen Selbstständigkeit der schwach entwickelten Länder werden nicht nur diese Länder selbst profitieren. Eine faire Weltpolitik ist Voraussetzung für eine Sicherung des Lebensstandards in Deutschland und Europa." "Die Seenotrettung ist eine reine Symptombehandlung", meint Olaf Oehmichen, "aber nicht die politische Lösung. Es ist europäisches Gesetz, Menschen in Not zu retten. Wir handeln nach dem Gesetz und übernehmen die Arbeit der zuständigen offiziellen Seenotrettung, die sich aber immer mehr zurück zieht."

Die zivilen Seenotrettungsorganisationen wie"Jugend rettet", Seawatch, Pro Aktiva und Lifeline kämpfen im Namen der Menschlichkeit und aus ethischer Selbstverständlichkeit um das Leben Geflüchteter, trotzdem ertrinken immer mehr Menschen im zentralen Mittelmeer. Grund dafür sind laut den Aktivisten des AK Asyl und der Seebrücke erschwerte gesetzliche Rahmenbedingungen für die zivilen Seenotretter, die in der EU verhängt wurden. Es würden zunehmend Schiffe festgesetzt, Häfen gesperrt, Retter und Geflüchtete wochenlang genötigt, auf den Schiffen auszuharren. In dieser Zeit könnten keine Seenotrufe empfangen und Menschen gerettet werden. "Wir wissen, dass die Flüchtlingsboote ablegen, egal ob wir da sind oder nicht", sagt ein Crewmitglied im Film. Die Verzweiflung der Retter im Film steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Einige unter ihnen kämpfen inzwischen um ihre eigene Zukunft und Existenz. Sie wurden wegen des Vorwurfs der Schlepperei angeklagt und ihnen drohen langjährige Haftstrafen mit horrenden Prozesskosten.

Zuspruch und Unterstützung

Trotzdem geben die Organisationen nicht auf, finden Zuspruch und Unterstützung von Prominenten, einzelnen Organisation und Initiativen wie der "Seebrücke"-Bewegung, von lokalen Politikern und Gemeinden. "Solange Menschen Gründe haben zu fliehen und übers Mittelmeer zu uns nach Europa kommen, solange werden wir alles tun, um sie vor dem Ertrinken zu retten", beendet Olaf Oehmichen den Abend unter großem Beifall der Besucher.

Die Spendeneinnahmen des Abends kommen der Organisation "Jugend rettet" zugute.

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