Kepler-Darsteller Hans-Georg Latt führt durch Weil der Stadt

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    Hans-Georg Latt tritt seit bald 20 Jahren als Johannes Kepler auf - auch auf der CMT am Stand von Landkreis und Stadt Weil der Stadt

Artikel vom 08. April 2018 - 06:00

Von Matthias Weigert

WEIL DER STADT. Wenn Hans-Georg Latt die Haube eines Universitätsgelehrten aufsetzt und sein Gewand trägt, dann ist Johannes Kepler wieder einmal zu Besuch in seiner Geburtsstadt Weil der Stadt, wo er am 27. Dezember 1571 geboren wurde, aber nur die ersten fünf Lebensjahre verbrachte.

Seit bald 20 Jahren schlüpft der mittlerweile pensionierte Lehrer mit der Fächerkombination Deutsch, Ethik und Englisch nicht nur bei wichtigen gesellschaftlichen Anlässen in der Keplerstadt in die Rolle des berühmten Astronomen, sondern Latt nimmt auch Aufgaben als Stadtführer wahr und eröffnet auch den Kepler-Weihnachtsmarkt.

Als sich am 11. August 1999 die Sonne verfinsterte, ritt Johannes Kepler alias Hans-Georg Latt in die Stadt und wurde von den Weil der Städtern herzlich empfangen. "Das war ein kosmisches Ereignis, zumal sich die Keplerstadt verpflichtet fühlte, das Ereignis angemessen zu begehen", erinnert er sich. Zu dieser Gelegenheit suchte man einen Darsteller, der auf einem Pferd als Kepler in seine Heimatstadt reitet - natürlich in passendem Outfit. Und so schaute Latt in der Stuttgarter Oper vorbei und ergatterte ein geeignetes Kostüm: "Spanische Hoftracht der Habsburger, das passte, und ich habe es gleich mitgenommen." Ein paar ordentliche Stiefel brauchte es auch noch als Reisender. "Es waren gebrauchte Ballettstiefelchen der Größe 40 eines inzwischen berühmten Ballettchoreografen", ergänzt Latt.

Er gibt noch dazu gern und regelmäßig den kundigen Fremdenführer. Auch an diesem Sonntag, 8. April, wird Kepler vom Sockel seines Denkmals steigen und aus seinem Leben erzählen. In der Kleidung der damaligen Zeit vermittelt der 73-Jährige ab 14 Uhr in kurzweiligen 90 Minuten im Dialog mit den Teilnehmern Interessantes aus den ersten Lebensjahren Keplers und zur Geschichte der Stadt. Erwachsene kostet der Spaß vier Euro, Kinder sind frei. Treffpunkt sind die Rathausarkaden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Spontanität ist auch für Latt eine Tugend: "Schließlich habe ich Jung und Alt in meinen Führungen. Und von den Landfrauen bis zum Institut für Physik der Uni Tübingen war schon alles und jeder da", schmunzelt Latt, der alle dort abholen will, wo sie sich begeistern lassen.

Deshalb hat er auch keinen fertigen Vortrag und improvisiert stattdessen gern - gut vorbereitet muss er aber trotzdem sein: Als die Gelehrten der Universität Tübingen vorbeischauten, konnte er sie mit einem Originalbrief aus dem Jahr 1590 beeindrucken, in dem der Weil der Städter Rat die Universität Tübingen bat, dass man das ausgeschriebene Stipendium an Johannes Kepler vergeben solle. "Dieser Bitte wurde sogar zweimal entsprochen. Das Dokument enthält den entscheidenden ,alhie geboren zu Weyl', der Weil der Stadt als Geburtsort von Kepler ausweist", erinnert sich Latt, der sich im Lauf der Zeit eingelesen hat in das Leben und Werk des Gelehrten.

Doch eines ist dem Kepler-Darsteller wichtig. Er wollte niemals und nirgends den dummen August spielen, sondern mit großer Ernsthaftigkeit die damalige Zeit verstehbar machen. Seine Motivation nährt sich aus dem Genie und Menschen hinter dem Astronom: "Die Keplerschen Gesetze sind nach wie vor gültig. Die heutige Raumfahrt fliegt nach ihnen und auch die Entfernungen zu erdähnlichen Planeten können mit seinen Formeln berechnet werden", bringt Latt die Erkenntnisse anschaulich auf den Punkt. Und kommt auch auf den Mensch Kepler zu sprechen: "Er war nicht nur Astronom, sondern auch ein Mensch, der alle Höhen und Tiefen seiner Zeit erlebte. Vom Tod vieler seiner Kinder bis zum Hexenprozess der Mutter und dem Seelenleid seiner ersten Ehefrau."

Auf diesen Sonntag freut sich der Kepler-Darsteller. Schließlich ist bestes Frühlingswetter angesagt. Und egal, wie viele warten - es zähle vor allem das Interesse. Aber auch wenn nur drei Besucher mit von der Partie sind, könne es schon mal länger werden.

Aus einem reichen Erfahrungsschatz kann der ehemalige Schulmeister schöpfen. In seiner Zeit als Lehrer hat er am Johannes-Kepler-Gymnasium in Leonberg für viele Anlässe geschrieben: "Manchmal war es Pflicht, oft aber auch Vergnügen", denkt der 73-Jährige zurück, der immer noch zur Feder greift und sich aufs Reimen versteht. 27 lange Jahre hat er den Kappenabend im Heimatmuseum gestaltet - viele Sketche und Liedtexte geschrieben. "Ich versuch' den Leuten ein Lächeln abzutrotzen. Allerdings ist mein Talent leidlich ausgenutzt worden", meint Latt, der alltägliche Beobachtungen in Worte fasst und sie in ästhetischer Form mit einer Portion Ironie garniert.

Auch an diesem Wochenende wird Hans-Georg Latt nicht zum Stubenhocker, stattdessen wird er spazieren gehen oder sich aufs Rad schwingen - denn er ist gern im Freien: "Letztes Jahr radelte ich mit meinem Sohn an der Donau von Passau bis nach Wien."

 

  Zur Person: Geboren wurde der Kepler-Darsteller Hans-Georg Latt am 4. Oktober 1944 in Dresden. Seine Flucht aus der DDR endete im Südwesten Deutschlands. Latt besuchte in Weil der Stadt 1956 die fünfte Klasse des JKG-Progymnasium in Weil der Stadt. Nach Abitur und Studium war er 35 Jahre lang als Lehrer für Deutsch, Ethik und Englisch am Johannes-Kepler-Gymnasium in Leonberg tätig. Verheiratet ist Hansgeorg Latt mit Ehefrau Maria. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Latt engagiert sich seit vielen Jahren im Heimatverein von Weil der Stadt und seit der Sanierung des Weil der Städter Kapuzinerklosters auch bei der von seiner Frau mitorganisierten Musikreihe "Klassik im Klösterle".
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