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Endstation Weil der Stadt

Keplerstadt steht zu Hermann-Hesse-Bahn, lehnt aber Dieseltriebwagen und Endhaltepunkt Renningen ab

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    Der Bahnhof Weil der Stadt soll laut dem Willen der Stadt zum Endhaltepunkt für die neue Hermann-Hesse-Bahn werden KRZ-Foto: Thomas Bischof

Bahnprojekte haben es mitunter in sich und das nicht nur in Stuttgart. Auch die von Calw in den Landkreis führende Hermann-Hesse-Bahn stößt schon während der Planungsphase auf Kritik. Nach Renningen befasste sich jetzt auch die Weil der Städter Ratsrunde mit dem Projekt.

Von Regine Buess

Artikel vom 18. Dezember 2013 - 17:30

WEIL DER STADT. Erstmals fand am Dienstagabend der direkte Informations- und Meinungsaustausch zwischen Vertretern der Landkreise Calw und Böblingen und dem Weil der Städter Gemeinderat zum Thema "Hermann-Hesse-Bahn" statt. Der Calwer Kreiskämmerer Albrecht Reusch, dessen Projektmitarbeiter Michael Stierle sowie der Böblinger Verkehrsdezernent Andreas Wiedmann standen dem Weiler Gemeinderat Rede und Antwort. Die Standpunkte der Beteiligten erscheinen nach wie vor unvereinbar.

"Die Hesse-Bahn ist das wichtigste Infrastrukturprojekt im Landkreis Calw", betonte Albrecht Reusch. Nur eine einzige Streckenführung von vielen geprüften sei wirtschaftlich vertretbar: die von Calw über Heumaden, Althengstett und Ostelsheim durch einen neuen Tunnel über Weil der Stadt zum Endbahnhof Renningen. Die "Standardisierte Bewertung" mit dem sogenannten "Nutzen-Kosten-Indikator" (NKI) habe für diese Planvariante bei einem Betrieb mit Dieseltriebwagen einen Faktor von 1,37, bei elektrifiziertem Betrieb einen Faktor von 1,15 ergeben, die Variante Calw-Weil der Stadt hingegen nur einen NKI von 0,5. Um Fördergelder vom Bund oder Land zu erhalten, muss der Indikator die Marke 1,0 überschreiten.

Die aktuelle Variante rechnet tagsüber an Wochentagen mit einem 30-Minuten-Takt zwischen Calw und Renningen, der zum S-Bahn-Takt passt. Für die Strecke Weil der Stadt-Calw werden 18 Minuten gebraucht, von Weil der Stadt nach Renningen weitere 6 Minuten. Die Fahrzeit zwischen Calw und Sindelfingen beträgt 43 Minuten, zwischen Calw und Stuttgart Hauptbahnhof knapp 60 Minuten. Für die Endstation Renningen spricht aus Calwer Sicht vor allem der direkte Umsteig in die S 60 in Richtung Böblingen. Auf dieser Strecke erwarten die Projektverantwortlichen mit rund 750 zusätzlichen Fahrgästen täglich den Löwenanteil des Zuwachses.

"Wir stehen zur Hermann-Hesse-Bahn, aber nur mit Endhaltestelle Weil der Stadt", bekräftigte Bürgermeister Thilo Schreiber den Standpunkt der Keplerstadt.

Einen Parallelbetrieb von S-Bahn und Hesse-Bahn auf der einspurigen Strecke zwischen Weil der Stadt und Malmsheim lehnen die Weil der Städter kategorisch ab. Sie befürchten, dass der Verband Region Stuttgart mittelfristig beschließen könnte, die S 6 schon in Renningen enden zu lassen. Damit wäre die Keplerstadt vom S-Bahn-Netz abgehängt. "Die S 6 ist für uns die Lebensader!", so Bürgermeister Thilo Schreiber. Auf mündliche Beschwichtigungen von Seiten des Verbands Region Stuttgart mag sich der Weiler Gemeinderat nicht verlassen.

Zweifel an Pünktlichkeit

Die für den Fahrplan zuständige DB Netz hat bescheinigt, dass der Verkehr zwischen Weil der Stadt und Malmsheim von bis zu 12 Verbindungen pro Stunde nicht zu Betriebsstörungen führen werde. Auch dies wird von den Weiler Räten stark angezweifelt.

"Für den S-Bahn-Betrieb im Landkreis Böblingen dürfen durch die Hesse-Bahn keine Nachteile entstehen", bekräftigte Verkehrsdezernent Andreas Wiedmann aus Böblingen. Einen "Stresstest" zur Klärung der Auswirkungen von Verspätungen der Hesse-Bahn auf den übrigen Schienenverkehr hätten die Landkreise Calw und Böblingen gemeinsam in Auftrag gegeben. Das Ergebnis soll im März 2014 vorliegen.

Wiedmann setzt nach positiven Erfahrungen mit den Fahrgastzahlen der Schönbuchbahn auf eine ähnliche Entwicklung für die Hesse-Bahn. Allerdings musste er einräumen, dass die Schönbuchbahn den Landkreis Böblingen mit jährlich 2,9 Millionen Euro Betriebskostenzuschuss belastet. Der Böblinger Verkehrsdezernent hörte auch sehr aufmerksam zu, als die Sprache auf Dätzingen und Schafhausen kam: zwei mögliche Haltestellen im Landkreis Böblingen, die in den vorliegenden Plänen nicht berücksichtigt werden. Der Landkreis Böblingen ist bislang an den Untersuchungs- und Planungskosten der Hesse-Bahn mit 20 Prozent beteiligt. Im Böblinger Kreistag steht im März 2014 ein neuer Beschluss zur Kostenbeteiligung an.

Die Weiler Räte kritisierten die einseitige Orientierung des Wirtschaftlichkeitsgutachtens an der Verbindung zur S 60 in Richtung Böblingen. Die Anbindung an die S 6 nach Stuttgart bleibt für sie das Hauptargument für die Hesse-Bahn. "Blauäugig" nannte Stadtrat Bernhard Weisser die Annahme, die Strecke über Renningen nach Böblingen sei für Berufspendler aus Althengstett oder Ostelsheim attraktiv. Auch kritisierten die Weiler Räte den geplanten Einsatz von Dieseltriebwagen, geringe Einspruchsmöglichkeiten von betroffenen Anwohnern und Risiken beim Tunnelbau. Mehrere Räte hegten auch grundsätzliche Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Projekts. Eine offizielle Stellungnahme wird der Weil der Städter Gemeinderat Anfang nächsten Jahres abgeben.

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