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Corona-Maßnahmen: "Das schmerzt alles so sehr"

Die Corona-Maßnahmen treffen einige Branchen hart: Was sagen die Betroffenen im Landkreis?

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    Gerade hatte sich das Hotel- und Gaststättengewerbe halbwegs erholt, da müssen die Häuser erneut schließen. "Ein ganz harter Schlag", sagt der DEHOGA-Vorsitzende Peter Kramer Foto: Archiv

Artikel vom 30. Oktober 2020 - 18:12

KREIS BÖBLINGEN. Die verkündeten Corona-Gegenmaßnahmen treffen einige Bereiche besonders hart. Ab Montag müssen Gaststätten und Hotels dicht machen und Kulturveranstaltungen abgesagt werden, auch der Amateursportbetrieb wird komplett eingestellt. Wir haben uns bei betroffenen Verantwortlichen im Kreis Böblingen umgehört.

Gaststätten und Hotels

"Das ist kein Lockdown light. Das ist ein Lockdown wie im April und Mai." Bei Peter Kramer, dem Vorsitzenden des Hotels- und Gaststättenverbands (DEHOGA) für den Kreis Böblingen, sitzt der Schock tief. "Damit hätten wir nicht gerechnet", sagt er. Und das gelte umso mehr, nachdem sich Hotels und Restaurants doch große Mühe gegeben hätten, stimmige Hygienekonzepte zu erarbeiten. Teil dieser Konzepte sei es auch, auf einen Teil der Gäste zu verzichten, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Kramer spricht von einem "ganz, ganz harten Schlag für die Hotellerie, den wir erst mal verdauen müssen". Jetzt müsse viel umstrukturiert werden, "es wartet viel Arbeit auf uns", sagt der Chef des Sindelfinger Hotels Erikson.

Der Lockdown verbietet es Touristen, sich in Hotels einzuquartieren. Bereits erfolgte Buchungen von Privatreisenden wird das Hotel nun von sich aus stornieren müssen - "die erkennen wir an der Rechnungsadresse". Aber auch Dienstreisende werden wegbleiben, ist sich Kramer sicher: Geschäftsleute würden jetzt wieder verstärkt Termine über das Homeoffice und Zoom-Konferenz-Schaltungen wahrnehmen. "Es bricht uns also nicht nur ein Teil der Buchungen weg - das geht über alle Segmente hinweg." Die angekündigte staatliche Hilfe, derzufolge Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern 75 Prozent aus dem Vorjahresmonat erhalten, sei "bitter notwendig" für die Branche.

Genauso hart und unvermittelt treffe es die Gastronomie - gerade in der so wichtigen Vorweihnachtszeit. "Und dass wir im Dezember Weihnachtsfeiern haben werden - damit rechne ich nicht." Schlimm sei der Lockdown auch für die Mitarbeiter. "Die müssen wir jetzt wieder auf Kurzarbeit setzen", so Kramer. "Das schmerzt alles so sehr, das kann ich noch gar nicht in Worte fassen", ist er erschüttert.

Kulturbetrieb

Reichlich frustriert sind auch die Kulturschaffenden. Ob eigene Bühnenauftritte oder organisierte Veranstaltungen - alles muss abgesagt werden. "Ich verstehe das persönlich nicht", schimpft der Schauspieler und Regisseur Axel Finkelnburg, "gerade im Theater zum Beispiel haben wir doch genau auf Abstand und Hygiene geachtet." Der Sindelfinger, der für die SPD im Gemeinderat sitzt, hat mit seiner Truppe die Premiere eines neuen Stücks im Theaterkeller vor der Brust. "Die Grönholm-Methode" sollte in zwei Wochen Premiere haben. "Wir haben extra ein Stück für nur vier Personen inszeniert, bei dem man gut Abstand halten kann", so Finkelnburg, "ich habe sogar Mundschutz und Desinfektionsmittel eingebaut." Der Frust sei jedenfalls groß, bereits im Frühjahr habe man eine Produktion absagen müssen. "Das macht so keinen Spaß mehr, so geht die Branche vollends kaputt", kritisiert der Sindelfinger. Aus seiner Sicht hätte bei der Kultur alles so bleiben können, wie es war. "Von diesen Veranstaltungen gingen doch keine Neuinfektionen aus", sagt Finkelnburg. Nun müsse man eben abwarten und das Beste daraus machen. "Wir stecken den Kopf nicht in den Sand, im Dezember wagen wir einen neuen Anlauf."

Sportangebot

Fast 50 Vereine mit angeschlossenem Sportvereinszentrum tauschten sich am Donnerstagmorgen in einer Zoom-Konferenz des Württembergischen Landessportbundes untereinander aus. Darunter auch Harald Link, Vereinsmanager der SV Böblingen. Tenor: "Es war rauszuhören, dass alle einen gewissen Plan verfolgen, uns diese Maßnahmen also nicht völlig unvorbereitet treffen."

Auch wenn er erst noch abwarten will, wie die Corona-Verordnung für den Sport im Detail ausschaut, sieht er deshalb nicht nur schwarz beim Gedanken an den November. "Die Gemütslage ist besser als im März", räumt er ein. "Wir können zurückgreifen auf das Wissen von damals, müssen uns nicht alles von Null erarbeiten." Klar ist jedoch: "Es wird darauf hinauslaufen, dass wir den Sportbetrieb in den Abteilungen und im Paladion runterfahren werden, eben ein kompletter zweiter Lockdown." Er sagt aber auch: "Was wir in einzelnen Bereichen machen können, wie zum Beispiel dem Reha-Tele-Sport, werden wir weiterhin anbieten." Digitale Formate hätten sich bereits im Frühjahr bewährt, "die Zahlen werden hoffentlich wieder ansteigen". Online-Kurse sollen auch jetzt wieder schnell umgesetzt werden, "damit nicht nur die SVB-Mitglieder, sondern alle zu Hause Sport machen können".

Positiv: Der Betrieb in der SVB-Kindertagesstätte wird wie gewohnt weiterlaufen, "die Hygienemaßnahmen haben wir sogar noch einmal geschärft". Und im Bereich des Kindersports soll wieder ein Beitrag geleistet werden, "damit die betroffenen Familien gut durch die vier Wochen kommen". Dafür muss das Sportstudio zumachen. "Das hat sich angedeutet." Wobei Harald Link auch sagt: "Kommerzielle Anbieter erwägen wohl eine Klage, wir als gemeinnütziger Verein wollen versuchen, unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und einen Beitrag dazu leisten, dass die Infektionszahlen wieder nach unten gehen." Wobei sich gerade im SVB-Sportstudio das ausgeklügelte Hygienekonzept bewährt hat. "Wir hatten in den vergangenen acht Monaten nur einen singulären Fall. Das zeigt, dass die Maßnahmen greifen."

Hilfreich ist auf jeden Fall, dass auch die Sportvereine Bestandteil des Unterstützungspakets der Bundesregierung sein werden, wonach Unternehmen, Soloselbständige oder eben auch Vereine in den betroffenen Branchen mit 75 Prozent des Vorjahresumsatzes entschädigt werden sollen. "Wenn das so passiert, dann kriegen wir das auch hin", ist Link überzeugt. Ein Vergnügen ist dieser erneute Lockdown trotzdem nicht für ihn. "Dieser Rhythmus, mal ist alles auf, dann wieder zu, kann schon sehr belastend sein für die Psyche."