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Mit dem Lastenrad durch Böblingen

Seit dem Sommer gibt es in Böblingen zwei Elektro-Lastenräder kostenlos zum Ausleihen. Nach ein paar Kilometern Eingewöhnungsphase entpuppt sich die rollende Wanne als geräumiger Einkaufshelfer. Die Nachfrage ist groß.

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    Ab in den Kaufladen: Von der Bierkiste bis zum Katzenfutter schleppt das Lastenrad die Einkäufe staufrei nach Hause F: Jonathan Schwenk/ Eibner

Artikel vom 28. Oktober 2020 - 16:59

BÖBLINGEN. Die Kinder, den Einkauf, den Müll: Was transportiert man nicht jeden Tag alles so durch die Straßen und gerät dabei manchmal ordentlich unter Stress. Seit dem Sommer ist es in Böblingen möglich, diese Touren auch auf zwei Rädern und um den einen oder anderen Stau herum abzuwickeln. Die Stadt hat zwei Lastenräder angeschafft und leiht diese kostenlos an die Bürgerinnen aus. Wie rollt es sich so mit dem Zweirad-Lkw? Ein Praxistest.

Roland Schmitt wartet schon. Der Böblinger ADFC-Vorsitzende hat vor dem Bahnhof bereits aufgestellt, was uns die nächsten sieben Tage zum Begleiter auf den Straßen der Stadt werden soll: Ein Gerät, das eher einer rollenden Wanne als einem Fahrrad gleicht und mit seiner beeindruckenden Länge aussieht, als ob die Konstrukteure einmal testen wollten, wie viel Fahrrad am Stück geht.

60 Kilo wiegt das Ding, 70 Kilometer Reichweite hat es im Akku gespeichert, mit seinen 2,30 Metern ist es fast so lang wie ein Smart, sieht nur ganz anders aus: Statt eines Daches gibt es viel frische Luft, zwischen Sitz und Vorderrad haben die Erbauer eine 300-Liter-Box als Kofferraum geklemmt und der Fahrer tritt nicht aufs Gas, sondern in den Kettenantrieb.

Also: rauf auf den Sattel und rein in die Böblinger Straßen. Keine so gute Idee, meint Roland Schmitt und rät zur Zurückhaltung: "Erst einmal ein paar Meter auf einer freien Strecke rollen und das Lenken testen", lautet seine Empfehlung. Ein guter Rat: Sobald die Füße den Boden verlassen, macht sich Hochsee-Gefühl hinter dem Lenkrad bemerkbar. Wie ein Tanker schwankt das Riesenrad schwerfällig die ersten Meter vor dem Bahnhofsgebäude entlang. Aber dann kommt schnell Schwung in die Sache. Anfahrhilfe, Automatikschaltung, Trittfrequenzwahl und die richtige Motorunterstützung: Ist die Technik erst mal kapiert, gleitet das Gefährt geschmeidig über den Asphalt.

Da kommt der häusliche Notstand wie gerufen: Die Dosen, die Glasflaschen und die Plastikfolien sollten längst auf den Wertstoffhof, die Vorräte weisen Löcher auf, ein neuer Kasten Bier täte dem Keller auch mal wieder gut. Alles kein Problem für die Box. Der Behälter schluckt die Fracht mit links und hat noch jede Menge Luft im Bauch. Ohne Parkplatzproblem rollt das Entsorgungsmobil wenige Minuten später direkt vor die Wertstoff-Container, bei der Brauerei nehmen wir selbstbewusst den Auto-Parkplatz: Einmal Kistentausch, bitte und schon schaukelt eine Ladung Hefeweizen mit 15 km/h die Lange Straße Richtung Käppele hinauf. "Tour" steht auf dem Display des Fahrrads: Motorstufe 2 von 4. Da ist noch jede Menge Unterstützung in der Hinterhand.

Nix wie weiter auf die Hulb. Am ersten Ampelstau wird deutlich, was es bedeutet, mit Lastenrad und ohne Fahrradweg unterwegs zu sein: brav hinten anstellen. Denn wie sonst sich mal so kurz um die Autos herum nach vorne mogeln, geht mit unserem Langrad nicht. Als die Lichter dann auf Grün stehen, wartet Fahrvergnügen pur. Der Motor schnurrt eifrig vor sich hin, hinterm Lenker stellt sich ein diskretes Mit-der-Harley-auf-dem-Highway-Feeling ein. Einziger Schönheitsfehler: das hartnäckige Gefühl, dass nicht alle Autofahrer akzeptieren, dass der Fracht-Express eine Straßenspur für sich benötigt. Dafür gibt's viele aufmerksame Blicke aus den Autofenstern und hin und wieder einen echten Cargo-Bonus, wenn ein freundlicher Wink aus dem Pkw dem Zweirad den Vortritt lässt.

Was ein breiter und gut gemachter Radweg wert ist, zeigt die Ankunft in der Herrenberger Straße. Klar über die Kreuzung geführt und sicher an den Autos vorbei geht's mit einem Wohlgefühl und einem Gruß an die Radwege-Planer durch das neue Böblinger Fahrradparadies entlang der Calwer Straße zum Ziel.

Am Supermarkt angekommen wird dem Lkw-Radler schnell bewusst, dass er ein echtes Gefährt lenkt. Der Fahrradständer erweist sich mit dem XXL-Teil, das da gerne parken möchte, überfordert. Aber kein Problem, ein Premium-Parkplatz findet sich direkt neben dem Eingang. Allerdings: So einfach abstellen ist nicht immer. Wenn es eng wird muss unser Packesel schon mal mit Schiebekraft rückwärts-seitwärts eingeparkt werden. Alte Fahrschulzeiten lassen grüßen.

Eine halbe Stunde später stapelt sich ein Teil des Markt-Sortiments in der Box: Nudeln, Obst, Küchentücher, Klopapier, zwölf Milchpackungen und für die tierischen Freunde eine Palette Katzenfutter sowie ein 30-Liter-Sack-Katzenstreu. Null Problem für den rollenden Laster: Die Box schluckt den Einkauf mühelos. Bis zu 270 Kilo (inklusive Fahrer) kann der rollende Lastenesel aufsatteln. Unsere Gedanken sind in diesem Moment beim Smart und auch ein wenig mitleidend: Das Kleinwägelchen wäre längst wegen Überfüllung geschlossen.

Die Heimreise gerät zur relaxten Sache, trotz erheblicher Tonnage. Der Motor arbeitet hörbar, die Beine unterstützen entspannt. Daumen hoch für die Ver- und Entsorgungs-Tour. Einziger Nachteil: Unser Laster will über Nacht auch irgendwie geparkt werden. Das Auto überlässt in den nächsten Tagen dem Gast den Garagenplatz.

Der Ausflugstrip mit dem neuen Begleiter wird am tristen September-Sonntag zur schmalen Angelegenheit. Einmal Dagersheim und zurück muss reichen. Dort gibt's beim Kumpel leckere Äpfel: Ortslage, direkt aus dem Hühnergarten, voll bio. Mit leerer Obstkiste in der Transportbox und viel Schwung geht's los. Ohne Probleme saust es sich flott über den Lieblings-Highway an der Calwer Straße. Schluss mit lustig ist erst, als es nach der Hulb über die Autobahn geht. Für den Gegenverkehr mit einem Transport-Bike ist der Radweg über die Brücke nicht gemacht: Also absteigen und die Entgegenkommenden durchradeln lassen.

Einige Meter weiter die erneute Begegnung mit einer Unzulänglichkeit des Böblinger Radnetzes. Die 180-Grad-Kurve ins Schwippetal hinunter, schon für das Normalrad eine Herausforderung und kaum zu toppende Meisterleistung des Radwegebaus schlechthin, wird zum echten Test für das Zweimeter-Gefährt: Wird's reichen um die Kurve? Mit dieser bangen Frage konfrontiert, sausen wir auf die Haarnadel-Biege zu, und: schaffen es gerade so ums Eck. Hätte ein Radler in diesem Moment die Idee gehabt, den Berg hochzukommen, der GAU im Begegnungsverkehr wäre sicher gewesen. Mit 26 km/h rollen wir dann am Dagersheimer Hausbach vorbei. Höchstgeschwindigkeit. Der Motor regelt ab. Wer schneller will, muss ordentlich ackern und 60 Kilo per Beinarbeit nach vorne treiben. Der Heimweg: Volle Obstkiste, Motor macht seine Arbeit vorbildlich. Fahrer genießt die Schwippe, den Vortrieb und später lecker Apfel.

Steilkurven-Feeling

Dann nach sieben Tagen der Abschied. Ganz ehrlich: Der Transporter hat sich ein wenig ins Radlerherz eingeschmeichelt, auch wenn das nicht sichtbare Vorderrad im Ampelstau ein letztes Mal mit der Stoßstange eines wartenden Autos ungewollt Kontakt aufnimmt. Und weil's so schön war, gönnen wir uns zum Abschluss eine Genusstour übers Flugfeld: Noch einmal die satte Straßenlage rund um den Langen See genießen, noch einmal das Steilkurven-Feeling auf dem Motorworld-Parkplatz mitnehmen, an all den Porsches, Ferraris, Bentleys und Lambos vorbeisausen, die dort in Reih' und Glied stehen. Deren Prahlen vom ultimativen Fahrvergnügen lässt uns in diesem Moment ehrlich gesagt ziemlich kalt.

Fazit: Die rollenden Wanne gehören an jede Leihstation.