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Böblinger Brautmodengeschäft setzt auf Nachhaltigkeit

Inmitten einer turbulenten Zeit für den Einzelhandel eröffnet Valentine Jung ein Hochzeitsmoden-Geschäft in Böblingen. Sie setzt auf erschwingliche Second-Hand-Ware und Outletkleider. Damit besetzt sie eine bislang wenig beachtete Nische in der Branche.

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    Die Böblinger Jung-Unternehmerin mit einem ihrer vielen Exemplare
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    Zu einem schönen Brautkleid gehören natürlich die passenden Schuhe
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    Valentine Jung, 21 Jahre jung, will Akzente in der Brautmoden-Branche setzen
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    In Valentine Jungs Brautmodengeschäft strahlt nicht nur der Kronleuchter von der Decke, sondern auch zirka 150 Brautkleider von der Stange Fotos: Eibner/Drofitsch

Artikel vom 20. Oktober 2020 - 12:25

BÖBLINGEN. Weiß, wohin man schaut. Schneeweiß die unzähligen Kleider, die an weißen Birkenstämmen befestigten Stangen hängen. Weiße Wände und große Schaufenster lassen den Verkaufsbereich des Geschäfts hell erleuchten und großzügig wirken. Im Raum nebenan lädt ein Sofa zum Verweilen ein, auch die Dekoration stimmt ein auf das heimelige und gemütliche Gesamt-Ambiente, das Valentine Jungs Brautmodengeschäft in Böblingen ausstrahlt.

"Hier verbringen Frauen einen im Leben ganz einzigartigen Tag. Sie wählen das Kleid aus, das sie an ihrer Hochzeit tragen möchten", betont die Inhaberin die Besonderheit eines Brautmodengeschäfts. "Das ist ein sehr intimer Moment, den man mit wichtigen Personen wie der eigenen Mutter, Schwester und den Freundinnen teilt." Auch deshalb ist die Wohnzimmer-Atmosphäre in Jungs "Zaubermomente - dein Brautatelier" kein Zufall, sondern wichtiger Teil des Konzepts.

Ebenfalls integral, hebt die Böblingerin hervor, ist der Nachhaltigkeitsgedanke. In ihrem Brautmodenladen werden unter anderem bereits verwendete Kleider angeboten wird. Second-Hand bedeute aber nicht "abgenutzt und schmutzig", im Gegenteil: "Wir haben ständig neue Kollektionen, alle Kleider sind wie neu und natürlich gereinigt", unterstreicht Jung. Ungetragen sind die Outlet-Ware, die sie zu stark reduzierten Preisen in ihrem Böblinger Laden verkauft.

Seit Ende September ist ihr Geschäft in der Sindelfinger Straße nun geöffnet. Zweifel, ausgerechnet während Corona eine Neueröffnung voranzutreiben, wollte sie nie zulassen. Ihre Idee mit dem Brautmodengeschäft, war zu fest in im Kopf verankert. Und da das vorangegangene Projekt, das Mitbetreiben des Squash-Tempel in Magstadt, endete, schlug die Jung-Unternehmerin beruflich einen gänzlich neuen Weg ein.

Dass die 21-Jährige ein Geschäft mit grünem Hintergedanken gründen würde, ist ihrer Vergangenheit geschuldet. Als Kind habe sie früh Anknüpfungspunkte mit Second-Hand machen können: "Meine Eltern hatten in Tschechien, der Heimat meiner Mutter, einen der ersten Second-Hand-Läden überhaupt. So war ich früher schon nah dran", erinnert sie sich. Auch schulisch führte sich diese Linie fort: Mit dem Besuch eines Waldorf-Kindergartens und eines Waldorf-Gymnasiums wandelte sie ebenso auf alternativen Pfaden.

Auch dass sie als studierte Sportökonomin schlussendlich im Bereich Brautmoden gelandet ist, ist nicht aus der Luft gegriffen: "Ich habe mich früher schon für Natur, die üppigen Barock-Kleider und das Nähen interessiert." Obwohl sportbegeistert und bis zuletzt im Squash-Tempel tätig, sah sie sich nie in der Rolle der Sportlehrerin. "Ich wollte immer selbstständig werden, nur war nicht klar, was es mal werden könnte." Nun führt sie mit ihrem Verlobten das Brautatelier.

Muss etwas einmal Getragenes wie ein Brautkleid so viel Geld kosten?

Verlobt ist auch das Stichwort dafür, dass sie sich überhaupt mit dem Metier auseinandergesetzt hat. "Ich habe mich gewundert, wie teuer die Kleider sind, obwohl sie so kurzlebig sind und nach nur einmaliger Benutzung im Schrank verschwinden." So kam ihr die Frage, ob man nicht ressourcenschonender mit einem Produkt arbeiten könnte, das sonst durchschnittlich 2000 Euro kostet. Rein zufällig waren Jung und ihr Verlobter im Januar an den leeren Verkaufsräumen in der Sindelfinger Straße vorbeigelaufen. Daraufhin wurde die Idee konkreter. Trotz Corona schritten die Pläne und Renovierungen nach Valentine Jungs Vorstellung voran. Ein halbes Jahr später konnten die Brautkleider aus der eigenen Wohnung, wo sie zwischenzeitlich gelagert wurden, an ihren Ort der Bestimmung gebracht werden.

"Es war viel Arbeit, immerhin haben wir alles selbst gemacht", lässt sie die vergangenen Monate nochmals Revue passieren. Nun steht der Laden, der in mit seinem Second-Hand- und Outlet-Konzept in ein geschäftliche Nische treten möchte. 150 Kleider von klassisch bis trendig hängen an Stangen zwischen raumhohen Birkenstämmen. "Die Stämme sind tatsächlich echt. Wir haben sie von einem Förster bekommen." Sie sorgen für das zusätzliche Natur-Feeling.

Das Dekorative ist ein wichtiges Element im Geschäftskonzept. Es trägt dazu bei, sich wohlzufühlen, während man sich stundenlang durch reichlich Stoff probiert. Die Zufriedenheit der Kundinnen ist der Chefin dabei besonders wichtig. "Sollte ein Kleid nicht hundertprozentig passen, findet unsere Schneiderin individuelle Lösungen. Außerdem bekommen wir wöchentlich neue Waren." Viele ihre Kundinnen bringen konkrete Vorstellungen mit, meist geprägt durch digitale Medien. Und wenn noch vor dem geistigen Auge noch kein Kleid stehen sollte, ist Valentine Jung ganz die Helferin und berät bis das Traumkleid gefunden ist.

Und über zu wenig Arbeit kann sich die Böblingerin nicht beklagen. Hochzeiten stehen weiter hoch im Kurs. Selbst das Kontaktverbot hat Trauungen nicht zum Erliegen gebracht. "Ich habe mehrere Anprobe-Termine in der Woche", berichtet Jung. Und die Pandemie hat sogar die Kreativität gefördert, wie die 21-Jährige mit einem Lächeln erzählt: "Wir verkaufen bald auch Hochzeits-Masken, sogar mit Spitze." So eröffnete Corona noch ein neues kleines Geschäftsfeld.