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Waldenbucher erarbeiten Schutzmaßnahmen gegen sexuellen Missbrauch

Aus dem Netzwerk Jugendarbeit in Waldenbuch hat sich im Jahr 2019 eine Arbeitsgruppe zusammengeschlossen, die sich dem Thema "Sexueller Missbrauch" angenommen hat. Zusammen haben sie ein Rahmenschutzprogramm für Vereine erarbeitet.

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    Zusammen wollen Achim Böll, Aylin Vohl, Uwe Stark, Sylvia Kruse, Gabriele Wieser-Kick (von links) das Rahmenschutzprogramm gegen sexuellen Missbrauch in der Waldenbucher Vereinslandschaft etablieren Foto: Stefanie Schlecht

Artikel vom 07. Oktober 2020 - 17:18

WALDENBUCH. "Sexueller Missbrauch? - Nein, so etwas passiert hier doch nicht." Um dieser Abwehrhaltung entgegenzuwirken, haben Vertreterinnen und Vertreter von Waldenbucher Vereinen zusammen mit Jugendreferent Achim Böll ein Rahmenschutzkonzept gegen sexuellen Missbrauch erarbeitet. "Wir wollen das Thema offensiv angehen", erklärt Gabriele Wieser-Kick, die Initiatorin des Projekts. "Uns ging es darum, einen sicheren Raum zu schaffen und zu signalisieren: Bei uns wird das nicht passieren, weil wir uns darum kümmern", sagt sie. Vor allem sei wichtig die Perspektive herumzudrehen: Solche Maßnahmen sollten als Qualitätsmerkmal gelten, kein Stirnrunzeln oder gar einen Generalverdacht erzeugen.

Bei einer Veranstaltung im Mai vergangenen Jahres hat die Arbeitsgruppe das Thema erstmals den Vereinsvertreterinnen und -vertretern vorgestellt. "Uns war es wichtig, die Notwendigkeit für das Konzept aufzuzeigen", sagt Gabriele Wieser-Kick über diesen Schritt. Ziel sei es präventiv zu handeln und nicht erst, wenn ein sexueller Übergriff stattgefunden hat. Ein gutes Zeichen: Bereits bei der ersten Veranstaltung waren rund 30 Teilnehmende vor Ort, ihre Reaktion: Das ganze solle noch etwas konkreter werden. "Das haben wir als Arbeitsauftrag aufgefasst", sagt Gabriele Wieser-Kick. So machte sich die Gruppe im vergangenen Jahr an die konkrete Konzeptausarbeitung, die bis jetzt in dieser Form im Landkreis Böblingen einmalig ist. "Wir geben den Organisationen und Vereinen damit grundlegende Strukturen an die Hand", erklärt Achim Böll. Die Aufgabe jedes einzelnen Vereins sei es dann, diese Grundlagen auf ihre spezifische Situation und Vereinsstrukturen anzuwenden.

Das Rahmenschutzkonzept gegen sexuellen Missbrauch umfasst sowohl ganz praktische Tipps wie zum Beispiel Anträge für Führungszeugnisse als auch einen Verhaltenskodex, einen Krisenleitfaden und einen Fragekatalog zur Risikobewertung. Außerdem soll es in jedem Verein eine weibliche und einen männliche Präventionsbeauftragte(n) geben, die direkte Ansprechpartner sind. So sollen Ehrenamtliche geschult werden, um mögliche Gefahrensituationen einschätzen zu können. Halten sich Kinder und Jugendliche im Vereinsalltag beispielsweise in Umkleidekabinen auf? Gibt es Räume oder Orte, die nicht gut einsehbar sind? Wie können Risikosituationen, wie zum Beispiel schlecht beleuchtete Flure, vermieden werden? Anhand all dieser Fragen sollen Vereinsmitglieder für ein Thema sensibilisiert werden, das immer noch allzu oft ignoriert oder unter den Teppich gekehrt wird. "Diese Fragen sollen auch dabei helfen, den Ist-Zustand einzuschätzen und zu bewerten, ob es Handlungsbedarf gibt", sagt Gabriele Wieser-Kick. Welche Altersstruktur hat etwa der Verein? Sind viele Jugendliche und Kinder mit dabei und haben diese Ansprechpartner?

Das Konzept beinhaltet Checklisten, Ansprechpartner und Maßnahmen

Während der Erarbeitung des Konzepts stellte das Team fest, wie schwierig es ist, das Thema in einer grundlegenden Art und Weise aufzuarbeiten, die allen gerecht wird: "In diesem Feld gibt es einfach so viele unterschiedliche Situationen, die in gewissem Maße alle abgedeckt werden sollten", erklärt Gabriele Wieser-Kick. So ging es in langen Diskussionen vom Großen zum Kleinen und wieder zurück: Zu konkrete Ausführungen mussten gegen zu abstrakte abgewogen werden. Was herausgekommen ist, sind nützliche Impulse und Handlungsvorschläge, die Betroffenen den lähmenden Schock der Frage abnehmen "Und was soll ich jetzt tun?". Mit Checklisten, Ansprechpartnern und Sofortmaßnahmen, die in bestimmten Situationen ergriffen werden können, soll das Rahmenschutzkonzept verhindern, dass Verdachts- oder tatsächliche Fälle von Missbrauch verschwiegen werden oder versanden. In dem Leitfaden findet sich beispielsweise eine Einschätzungshilfe für unterschiedliche Szenarien. Handelt es sich um Gerüchte oder einen beobachteten Übergriff? Je nach Szenario gibt der Leitfaden dann Vorschläge, wer zu informieren ist.

Das Konzept erhebt laut der Projektgruppe jedoch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. In diesem Feld gebe es nicht eine Lösung, die für alle gilt. "Unser Ziel ist nicht, dass Vereine dieses Konzept einführen und dann denken, alles sei toll", sagt die Projekt-Initiatorin. Vielmehr müssten die Grundsätze immer wieder geschult, aktualisiert und wiederholt werden. Hier schwebt der Projektgruppe vor, übergreifende Schulungen zu organisieren, sodass diese Aufgabe nicht bei jedem einzelnen Verein liegt. "Die Chance, dass man mitmacht, ist dann wahrscheinlich höher", sagt Jugendreferent Achim Böll. Im Laufe der Zeit sollen auch Eltern und Kinder miteinbezogen werden. Doch für die Projektgruppe ist erstmal eines wichtig: anzufangen. Denn, wenn der Ball erstmal ins Rollen gekommen ist, können sich die Vereine untereinander austauschen. "Dann wird das Thema ganz schnell konkret", sagt Uwe Stark, der die Ponderosa-Freizeit in Waldenbuch organisiert.

Bei der Vereinsringsitzung am Montag, 12. Oktober, stellt die Projektgruppe das Rahmenschutzkonzept den Vertretern und Vertreterinnen der Vereine vor. "Danach wäre es natürlich toll, wenn interessierte Vereine auf uns zukommen, sodass wir den Prozess unterstützen und bei Fragen helfen können", sagt Achim Böll über die Zukunft des Rahmenschutzkonzepts.

 

Kommentar: Chance für mehr Sicherheit

Sexuelle Gewalt geschieht nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum, sondern ist kulturell verankert und geschieht innerhalb von spezifischen Situationen. Es ist kein Verbrechen, das biologisch vorprogammiert ist. Denn der Schluss daraus wäre, dass man sowieso nichts dagegen tun kann.
Doch das Gegenteil ist der Fall: Sexuelle Gewalt äußert sich in konkreten, kulturellen Handlungen und Sprechweisen, die allesamt veränderbar sind. Diese Handlungen können entweder durch gesellschaftliche Normen begünstigt oder eben auch vermindert werden. Genau das hat das Projektteam um das Waldenbucher Rahmenschutzprogramm verstanden: Mit ihrem Konzept schaffen sie Strukturen, die sexuellem Missbrauch entgegenstehen. Denn allzu oft hakt es genau dort: In Institutionen, Organisationen und Unternehmen fehlen Strukturen, die es Betroffenen erleichtern, sexuelle Übergriffe zu melden. Vielerorts gibt es keine Ansprechperson, die für das Thema sensibilisiert ist und weiß, was in solchen Situationen zu tun ist. So werden Ungerechtigkeiten unter den Teppich gekehrt und übergriffige Personen kommen ungeschoren davon.
Mit dem Waldenbucher Konzept wird deutlich signalisiert: Sexueller Missbrauch ist keine „natürliche“, testosterongesteuerte Eigenschaft, sondern eine Verhaltensweise, die in Institutionen auftritt, die solch ein Verhalten erlauben oder ignorieren. Die Waldenbucher Vereine haben nun die Möglichkeit, einen sicheren Raum für ihre Mitglieder und Ehrenamtlichen zu schaffen. Hoffentlich nehmen sie diese Rolle als Vorreiter wahr.