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Maßarbeit am Böblinger Verdauungstrakt

Im Zuge des Elbenplatzes werden auch die Versorgungsleitungen erneuert. Im Untergrund treffen sich Kabel, Rohre und eine Unterführung. Dies macht die Baustelle zu einer komplizierten Sache.

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Artikel vom 07. Oktober 2020 - 10:47

BÖBLINGEN. Die Stadt zeigt ihre Innereien. Dort, wo früher einmal eine Unterführung den Elbenplatz durchquert hat, geht's ans Eingemachte. Die Bagger haben sich mit ihren Schaufeln tief ins Innere von Böblingen gefressen, bis sie auf ein dickes Betonrohr stoßen: Ein dezentes Kloaken-Aroma verdeutlicht, was da normal durchfließt. 4,50 Meter unterhalb der Grubenkante liegt der Kanal, der all das, was Böblingen so von sich gibt und nie wieder sehen möchte, Richtung Kläranlage transportiert. Das Rohr ist mit dafür verantwortlich, dass der Umbau der Herrenberger Straße und des Elbenplatzes eine der größten und schwierigsten Baumaßnahmen ist, die es in der Stadt zu bewältigen gilt.

"Die Dimension ist einzigartig", sagt Frank Bader. "Dass so ein großer Abschnitt Straßenraum am Stück saniert wird, das gibt es nicht oft", meint der Leiter des Tiefbauamtes der Stadt. Seit über einem Jahr sind die Bauleute schon damit beschäftigt, den Kanal in der Herrenberger Straße von der Kreuzung mit der Berliner Straße bis zum Elbenplatz zu erneuern. Über einen halben Kilometer Rohre werden in dieser Zeit ausgetauscht.

Die 500 Meter alleine wären nicht das Problem. Zur Länge kommt die Tiefe und die Unübersichtlichkeit in den Eingeweiden der Stadt. Der Mann, der den Überblick hat, ist Dieter Weidmann. Der Tiefbauer ist Herr über dieses Projekt, das neben den Bauleuten auch den Verkehrsteilnehmern jede Menge abverlangt. Weidmann zeigt in das große Loch, das die Bagger am Elbenplatz gebuddelt haben. Dort, ganz unten liegt es, das Betonrohr: 4,50 Meter tief, sanierungsbedürftig und seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen.

Mit einem einfachen Raus-Rein ist es nicht getan

Vor rund 50 Jahren haben es die Vorväter versenkt. Wohlüberlegt, wie Sigrid Müller von der Stadtentwässerung Böblingen erzählt. Denn Abwasser muss fließen, auf seinem Weg zur Kläranlage benötigt es Gefälle, und Gefälle benötigt Tiefe. Alles kein Problem, so lange das System funktioniert. Aber nun hat das Rohr seine Schuldigkeit getan. Ein halbes Jahrhundert im Böblinger Untergrund fordert seinen Tribut und die Gelegenheit war günstig: Da die Umgestaltung des Elbenplatzes ohnehin anstand, verordneten die Kanal-Sachverständigen der Unterwelt an dieser Stelle eine Verjüngungskur.

Doch mit einem einfachen Raus-Rein war es nicht getan. Denn der Elbenplatz ist nicht nur ein Treffpunkt für die Abwasserleitungen in der Unterstadt, sondern auch ein Ballungsraum für sämtliche Versorgungsleitungen, die so durch die Unterstadt kriechen. Und: vor vielen Jahren haben die Stadtbauer eine Riesenröhre durch den Untergrund getrieben, die bis vor einigen Jahren die Fußgänger unter dem Verkehrsknoten hindurch transportiert hat. Die Fußgängerunterführung unterhalb des Elbenplatzes.

Unterführung, Leitungs-Wirrwarr und Kanalrohr: Dieter Weidmann muss in diesem komplexen Stück Böblingen entflechten, sortieren und steuern. Ein Job, bei dem die Überraschung zum täglichen Brot gehört. "Wir wussten lange nicht, wie die Gasleitung die Unterführung quert", erzählt er. Erst die Grabarbeiten brachten Klarheit. Denn in den Zeiten vor der Satellitenvermessung wurde mit dem Meterstab hantiert. Heißt: Wenn die Aufzeichnungen verschwunden oder die Hausecken, an denen sich die Altvorderen orientierten, längst gefallen sind, wird die Suche zum Glücksspiel und die Bauplanung zur Lotterie. Die Niete zogen Weidmann und Kollegen gleich zum Auftakt: Die Gasleitung verlief anders als erwartet, die Poststraße musste eine Woche lang gesperrt werden. Ungeplant.

Neun Meter Rohrtausch schaffen die Bagger pro Tag, wenn alles gut geht. Ein Austausch im Zeitlupentempo, der mit der Leitungssuche beginnt. Denn klar ist nur: 60 bis 100 Zentimeter unter der Straßendecke verläuft die Stromleitung, irgendwo in 1,50 Meter Tiefe schlängelt sich die Wasserversorgung und darunter kommt irgendwann das Gas. "In den Plänen", berichtet Dieter Weidmann, "erkennt man nur Striche."

Ob die gezeichnete Wirklichkeit mit der Realität im Untergrund übereinstimmt, zeigt sich erst, wenn der Bagger am Start ist. Dann ist Maßarbeit angesagt. "Wir müssen ganz vorsichtig graben", sagt Dieter Weidmann. Bis die Leitungen gefunden sind, begleitet immer ein Bauarbeiter die Baggerschaufel bei der Arbeit. Erst wenn sämtliche Stränge frei liegen, darf der Mann an der Schaufel alles geben. In sechs Metern Tiefe ist er am Ziel. Damit die Baugrube nicht einstürzt, wird zunächst ein "Verbaukasten" versenkt - eine riesige Sonderkonstruktion aus Schalplatten, die die Statiker genau bemessen haben.

Dann beginnt der Austausch im Untergrund. Das 80 Zentimeter-Rohr aus Stahlbeton wird durch ein leistungsfähigeres 100-Zentimeter Rohr aus Kunststoff ersetzt - der Böblinger Verdauungstrakt ist für die nächsten 50 Jahre vor Verstopfung gesichert. Denn neue Wohnprojekte wie das See-Carrée", sagt Tiefbau-Chef Bader, "bedeuten auch mehr Abwasser."

Abschnitt für Abschnitt arbeitet sich die Kolonne vorwärts entgegen. Frank Bader macht kein Geheimnis daraus, dass Tiefbauers Traum anders aussieht: die komplette Straße sperren und den Kanal am Stück ausbuddeln, das wäre optimal und die Baustelle in wenigen Monaten erledigt. Doch ein Jahr die Unterstadt verkehrstechnisch komplett abhängen - das hätte Böblingen nicht überlebt.

So müssen die Bauexperten nicht nur das Leitungs-Mikado entwirren, sondern auch danach schauen, dass die Bauarbeiter genügend Arbeitsraum haben, der Aushub nicht zwischen Grube und Straße gepresst werden muss und das Ziel Parkstraße bald erreicht wird (siehe auch Hintergrund). Dann ist erst einmal Durchatmen angesagt. Wenn der neue Kanal in den nächsten Wochen vollends versenkt ist, "ist das Gröbste vorbei", sagt Frank Bader.

Bis die Spuren der Exkursion ins Eingemachte komplett beseitigt sind, dauert es indes noch eine Weile: Fertiggestellt sein wird der Elbenplatz erst im nächsten Sommer.