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Jugendlicher Straftäter bringt Fass zum Überlaufen

Das Amtsgericht Böblingen verurteilt einen gewaltbereiten, wiederholt auffälligen 17-Jährigen zu einer einjährigen Haftstrafe.

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    Keine Besserung in Sicht: Der 17-Jährige sieht dieses Schild häufiger Foto: Archiv/Bischof

Artikel vom 01. Oktober 2020 - 10:45

Von Martin Dudenhöffer

BÖBLINGEN. Es schien zunächst wie einer der alltäglichen Fälle, die Richter Ralf Rose sonst auch verhandelt: Junge Männer, mit teils schwieriger Biografie, sitzen auf der Anklagebank. Oftmals lautet der Vorwurf Körperverletzung - so auch diesmal. Ganz gewöhnlich verlief der Beginn dieser Verhandlung trotzdem nicht, denn anstatt wie geplant vier Herren saßen links vom Richterstuhl nur drei: der Angeklagte Hamid F. (alle Namen geändert), sein Verteidiger und der Verteidiger des zweiten Angeklagten. Von jenem zweiten Angeklagten fehlte aber jede Spur. Einige Minuten später brachte ein Telefonat Licht ins Dunkel: Der zweite Angeklagte war bereits im August nach Serbien abgeschoben worden.

Damit konzentrierte sich die Anklage auf die Straftaten von Hamid F. Der 17-Jährige ist für Behörden und Justiz kein unbeschriebenes Blatt. In den vergangenen Jahren musste er aufgrund zahlreicher Fehlverhalten gleich sechsmal die Jugendhilfe-Einrichtungen und zweimal die Pflegefamilie wechseln. Bis heute pflegt Hamid F. einen regelmäßigen Drogenkonsum. Entsprechende Screenings in der Vergangenheit bestätigten den Drogenmissbrauch des jungen Mannes. Im April dieses Jahres saß er zuletzt im Amtsgericht an selber Stelle.

Am Dienstag wurden dem Schüler Nötigung, zweimal Körperverletzungen und ein Diebstahl zur Last gelegt. Besonders im Fokus standen die Übergriffe F.s in Bussen, da sich durch das Nichterscheinen eines wichtigen Zeugens der Tatvorwurf der Nötigung nicht verfolgen ließ.

Der Angeklagte schlug und trat ohne Anlass auf Mitfahrenden ein

Die Angriffe ereigneten sich im November 2019 und am Neujahrsmorgen. Während sich der 17-Jährige nicht erinnern konnte, im November einen Busfahrer geschlagen zu haben, schilderte der Geschädigte Jakub T. deutlich, was geschehen war. "Ich fuhr mit dem Bus die Haltestelle Katholische Kirche in Aidlingen an. Dort stiegen zwei Männer ein. Ich habe beide um ihre Fahrausweise gebeten. Einer hatte ein gültiges Ticket, der zweite nicht." Der zweite, Hamid F., verweigerte den Kauf eines Fahrscheins und versetzte Jakub T. einen harten Schlag ins Gesicht, traf dabei die Brille und das Auge des Mannes.

Der Busfahrer erlitt Verletzungen, blutete und war für eine Minute ausgeknockt: "Ich habe geblutet, hatte Kopfschmerzen und musste erst wieder zu mir kommen." F. und sein Begleiter hauten ab, der Busfahrer verständigte die Zentrale. Er konnte seine Fahrt nicht fortsetzen und wurde zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht. Nun verfolgt ihn die Angst, bei seinen nächtlichen Fahrten wieder von jungen Männern angegriffen zu werden.

Auch der zweite tätliche Übergriff trug sich in einem Bus zu. F. war mit einer Gruppe Bekannter unterwegs. Wie beim Angriff auf Jakub T. soll er wieder alkoholisiert gewesen sein. Als der Bus Dagersheim durchfuhr, soll es laut zweier Zeugen zu einer Auseinandersetzung gekommen sein. Laut dem Angeklagten habe der Fahrgast E. ihn beleidigt, sodass er sich nur in Notwehr verteidigt hätte. Die Aussagen der übrigen Zeugen widerlegten diese eigenartige Darstellung des Angeklagten. E. sei vielmehr "friedlich und entspannt" gewesen. Der Angeklagte schlug und trat nach Ansicht der Zeugen auf E. ein, dieser kauerte, um sich zu schützen und war hilflos ob der Aggressivität. Sogar als sich das Opfer in den vorderen Teil des Busses retten wollte, verfolgte ihn der Aggressor. Auch andere Männer hätten sich vermutlich an den Schlägen beteiligt. Aufgrund von Bildmaterial wurde er am Neujahrstag vorläufig festgesetzt. Schon da war klar, der Verhaftete ist für die Polizei kein Unbekannter.

F. hatte vom Gericht auferlegte Arbeitsstunden nicht absolviert, zu den Terminen mit der Jugendgerichtshilfe war er mehrfach ferngeblieben. Das Gesamtbild, die Schilderungen von fast einem Dutzend Zeugen, eine schlechte Sozialprognose und die prall gefüllte Strafakte deuteten daraufhin, dass der junge Mann diesmal nicht mit Bewährung davonkommen würde.

Richter Rose rügte bei seiner Urteilsverkündung die "sinnlosen Gewalttaten" und das "asoziale Verhalten" des 17-Jährigen. Keine Läuterung und keinerlei Bereitschaft, sich zu bessern, habe er gezeigt. Stattdessen sammelt er fleißig Vorstrafen - soweit, dass er direkt nach der Verhandlung wegen des Verdachts einer mutmaßlich begangenen, besonders schweren räuberischen Erpressung in Haft gekommen ist. Das Urteil vom Dienstag, ein Jahr Haft ohne Bewährung nach Jugendstrafrecht, ist somit nur der Anfang weiterer Gerichtstermine.