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Beruf und Familie unter einem Hut

Dass alte Rollenbilder wackeln und Mütter vermehrt berufstätig bleiben, ist keine Seltenheit mehr. Wie aber können die Aufgaben in Familie und Haushalt fair aufgeteilt werden? Dazu berät die Grafenauerin Sanja Jäger Paare und Familien.

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    Paare Foto: Eibner/Memmler

Artikel vom 30. September 2020 - 15:40

GRAFENAU. Im Jahr 2018 blieben einer Studie des statistischen Bundesamts zufolge, rund ein Viertel aller Mütter mit Kindern unter sechs Jahren zuhause. Der Anteil der Väter hingegen, die bei den Kindern blieben, betrug gerade einmal 1,6 Prozent. Zudem erledigen Frauen pro Tag anderthalb Mal so viel Sorgearbeit als Männer - etwa im Haushalt und der Betreuung von Kindern und Angehöriger, so ein Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaft aus 2019. Dadurch steht das berufliche Leben von Frauen nach der Geburt eines Kindes öfter still.

Abhilfe schaffen kann da das Thema faire Elternschaft: "Faire Elternschaft bedeutet, dass beide Elternteile sich im Klaren darüber sind, was innerhalb der Familie zu bewältigen ist und die Verteilung dieser Aufgaben zur Zufriedenheit aller erledigt wird", beschreibt Sanja Jäger. Dabei gehe es um kein konkretes Modell, sondern darum, die Entscheidungen bewusst und aktiv zu treffen. Die 25-Jährige hilft Familien Lösungen zu finden, wie es möglich ist Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Eine Frage, die der Familienberaterin oft gestellt wird, ist, wie gerade Mütter mit einem weiteren Kind ihre Position in der Firma behalten können. "Bei einem Fall ging es um ein Paar, die bereits ein Kind hatten", erinnert sich Jäger. Die Mutter arbeitete in einer leitenden Position und wollte diese mit dem zweiten Kind nun nicht aufgeben, sondern am liebsten ausbauen. "Da haben wir dann darüber gesprochen, ob der Vater ein Jahr in Elternzeit geht und danach seine Arbeit in Teilzeit wieder aufnimmt."

Für die Mutter schlug Jäger zudem Fortbildungen vor, um für die Firma attraktiv zu bleiben. Der finanzielle Aspekt ist da immer schnell Thema: "Da kann es helfen, die Ausgaben aufzuschreiben, um zu sehen wie viel wirklich nötig ist zum Leben und dann zu entscheiden, ob das Elterngeld reicht oder nicht." Falls es dennoch eng werde, kann auch der Umzug zu den Eltern helfen: "Da kann dann die finanzielle Situation und die Frage der Betreuung gleichzeitig gelöst werden", erklärt Jäger. "Oder aber das Paar bezieht Personen außerhalb der Familie in die Betreuung mit ein", erklärt Jäger. Aber auch Ansätze wie eine Putzkraft oder einen Staubsaugerroboter bietet sie Paaren an. "Es geht darum zu überlegen, welche Aufgaben eventuell abzugeben sind, um so die Arbeitslast zu verringern."

Die Beratung beginnt immer mit einem Fragebogen. "Den füllen die Paare aus und schicken ihn an mich zurück, sodass ich mir ein Bild der Situation machen kann." Darin wird abgefragt, wie die Situation gerade ist und was sich die Paare wünschen. Anschließend gibt?s das erste Gespräch. "Da gebe ich dann den Paaren auch immer einen weiteren Fragebogen mit, in dem es darum geht, wer welche Aufgaben in der Familie und dem Haushalt übernimmt", erklärt Sanja. Dadurch werde deutlich, wie viele Aufgaben es alles gebe. "Einen neuen Kindersitz kaufen oder ein Geschenk für einen Kindergeburtstag besorgen, wird gerne vergessen", weiß Jäger. Dann stellt Jäger gemeinsam mit den Paaren erste Überlegungen an, was verändert werden kann. "Information spielt dabei eine große Rolle", betont die Beraterin. Gerade wenn es um Elterngeld und Elternzeit geht, gebe es viel Unwissen: "Viele wissen gar nicht, wie viel ihnen zusteht." Aber auch das Thema Altersarmut ist ihr ein Anliegen, wenn es darum geht, dass sinnvollerweise beide Partner arbeiten: "Vor allem Frauen sind von Altersarmut betroffen, weil sie oftmals durch die Kinderbetreuung in prekäre Arbeitsverhältnisse rutschen und dann nur wenig Rente bekommen." Der Kostenpunkt liegt bei 80 Euro.

Die Idee war eine Beratungsstelle als Laden in einem Café

Die Idee zu "Kleines ganz groß" war schon länger da, konkreter wurden die Pläne erst mit ihrer Elternzeit im April. Sanja Jäger ist gelernte Erzieherin und studiert derzeit soziale Arbeit. Als sie im Frühjahr selbst Mutter wurde und ihr Partner 15 Monate Elternzeit beantragte, produzierte das Fragen. "Das ist schon ein spezielles Modell, das wir haben", weiß Jäger. "Uns haben viele gefragt, wie wir das denn machen", erinnert sie sich - und spätestens das war der Startschuss. Die Beratungsstelle war ursprünglich als Laden mit einem nachhaltigen Café angedacht. "Aber da hat uns Corona dann einen Strich durch die Rechnung gemacht". So bietet sie nun nur Beratungen an, per Telefon, Videochat, bei ihren Klienten zuhause oder in einer Praxis in Renningen. "Telefon und Videochat sind nicht nur während Corona geschickt, auch weitere Entfernungen lassen sich so bewältigen."

Meist sind es Paare, die frisch Eltern werden oder bei denen sich weiterer Nachwuchs ankündigt, die sich an Sanja Jäger wenden. "Sei es, dass sie nicht wissen, wie sie die neue Situation bewältigen sollen oder aber, sie wollen beim zweiten Kind eine andere Lösung." Die treibende Kraft dahinter sei allerdings meist die Frau. Telefonieren und Videokonferenzen seien dafür bislang die liebste Methode: "Da sind die meisten ehrlicher und trauen sich mehr anzusprechen, weil sie in einer vertrauten Umgebung sein können."

Nachdem Paare einen Überblick über alle Aufgaben gewonnen haben, fällt es ihnen meist leichter, etwas an der Verteilung zu verändern, resümiert Jäger. Schwieriger ist es, was die Aussprache mit dem Arbeitgeber angeht: "Bei der Arbeit nach einer reduzierten Wochenarbeitszeit zu fragen, ist meist schwerer." Bei Frauen spiele dabei eine Rolle, dass sie der Arbeit und der Familie gerecht werden wollen - und bei Männern das immer noch vorhandene Bild von Männlichkeit: Dass etwa Männer arbeiten und nicht bei den Kindern zuhause bleiben. Daran trage laut Jäger vor allem die Erziehung eine Mitschuld.