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Darmsheim: Das Thema Amazon polarisiert

Wie groß könnte das Verteilerzentrum des Internet-Riesen im Darmsheimer Gewerbegebiet "Häslach" werden? Noch macht dazu niemand eine konkrete Aussage. Auch in Maichingen kursiert gerüchteweise, dass sich das US-Unternehmen dort umsehe.

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Artikel vom 25. September 2020 - 14:40

DARMSHEIM/MAICHINGEN. Hat der US-amerikanische Internet-Riese Amazon nicht nur das Gewerbegebiet "Häslach" auf dem Radar, sondern auch den Sindelfinger Teilort Maichingen im Auge? Das Gerücht kursiert dort in kommunalpolitischen Kreisen. Genaues weiß man nicht. Genaues sagt auch Amazon-Pressesprecherin Virginia Sutter, in München lokalisiert, nicht: "Da kann ich im Augenblick nichts Konkretes zu sagen." Man prüfe grundsätzlich mögliche Standorte für Verteilerzentren dort, wo hohe Kundennachfrage existiert - in Ballungsräumen.

Wie berichtet, ist Amazon daran interessiert, auf dem Areal "Häslach" im Nordosten von Darmsheim ein Verteilerzentrum zu betreiben. Die Größe einer solchen Halle und ihrer Andienungsflächen ist momentan nicht definiert; zumindest nicht offiziell. Schätzungen besagen, dass Amazon für so ein Zentrum zwei bis drei Hektar Fläche benötige. Das wäre rund ein Fünftel bis ein Viertel des Gewerbegebiets, das zu 80 Prozent der Familie Zürn gehört. Die anderen 20 Prozent gehören der Stadt und sind wohl fünf Handwerksbetrieben vorbehalten.

Die Stadt sagt (noch) nichts

Vonseiten der Sindelfinger Stadtverwaltung gibt man sich zugeknöpft. Von dort heißt es nur so viel: "Für die städtischen Grundstücke im Gewerbegebiet Häslach gibt es seitens Amazon bisher kein Ansiedlungsgesuch. Zu privaten Flächen kann die Stadtverwaltung grundsätzlich keine Aussage treffen." Nichts sagen will gestern auch Ortsvorsteher Martin Lambert. Solange man als Ortsverwaltung und Ortschaftsrat keine konkreten Gespräche mit Amazon geführt habe, werde er sich nicht äußern, bittet das Ortsoberhaupt um Verständnis.

Nach KRZ-Informationen sind Stadtverwaltung und Amazon aber dabei, einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren. Stadtpressesprecherin Nadine Izquierdo bestätigt, dass Verwaltungsspitze, Wirtschaftsförderung und Amazon im Austausch miteinander stünden. In der nächsten Sitzung des Gemeinderats kommenden Dienstag werde im nicht öffentlichen Teil der Gemeinderat informiert. Nicht öffentlich deshalb, weil es dabei auch um unternehmensinterne Details gehe. Anschließend solle die Öffentlichkeit informiert werden, so das Rathaus.

Die Redseligkeit offizieller Stellen scheint mithin wenig ausgeprägt. Das ärgert auch einen Maichinger Ortschaftsrat. Seit Monaten, sagt der, wolle er wissen, an wen eine Hallenfläche auf dem Solo-Areal verkauft worden sei. Ob das Amazon sein könne - möglicherweise mittels einer zwischengeschalteten Immobiliengesellschaft. Aber er erhalte keine Auskunft. Dabei gingen doch Grundstücksverträge grundsätzlich über den Schreibtisch des Finanzbürgermeisters. Das empfindet der langjährige Bürgerschafts-Vertreter als einen Affront. So könne man doch nicht mit Mandatsträgern umgehen. "Wenigstens die Fraktionsvorsitzenden gehören über solche Geschäft informiert", sagt der Mann.

Logistik für die "letzte Meile"

Zumindest nicht nur oberflächlich informiert sind offensichtlich die Fraktionen des Gemeinderats. Wie zu erfahren war, sollen alle zu Gesprächen mit der Familie Zürn eingeladen gewesen sein. Oder dort noch aufschlagen.

Was Amazon für Darmsheim plant, ist die kleinstmögliche logistische Einheit in dem dreistufigen Verteilerprozess vom Hersteller zum Kunden. Station eins sei ein Logistikzentrum mit Lager, sagt Amazon-Frau Virginia Sutter. So eine Immobilie sei groß, weil dort Ware gelagert werden, kommissioniert und verpackt. Amazon an der Autobahnausfahrt Pforzheim-Nord ist so ein Großareal mit 110 000 Quadratmetern, 17 Fußballfelder groß. Als Mittelstation des Warentransport- und Umschlagsprozesses fungiert ein Sortierzentrum, ein letztmaliger Umschlagsort. Und zuletzt - wie eben für Darmsheim im Gespräch - rangiert das Verteilerzentrum für die "sogenannte letzte Meile". Was freilich nicht wörtlich zu nehmen ist. Wie hoch der Radius, nach Postleitzahlen differenziert, ist, kann Virginia Sutter nicht sagen. Die Größe der Immobilie sei in Maßen gestaltbar, müsse eben logistischen Effizienzkriterien genügen.

Was die Zahl der Fahrzeugbewegungen anlangt, sind bislang auch nur vage Aussagen zu erfahren. Die Lkw-Andienung passiere nachts, sagen Insider. Tagsüber gingen Elektro-Lieferautos auf Achse. Schätzungen sagen 300 pro Tag. Sie müssen über die Zu- und Abfahrt am südöstlichen Eck des "Häslach"-Geländes, eine per Ampel geregelte Kreuzungs-Situation. Wären dann auf der Hauptverkehrsachse zwischen Sindelfingen und Darmsheim Staus vorprogrammiert? Virginia Sutter sagt Nein. Die Fahrer kämen "in Wellen an. Deren Verkehrsaufkommen verteilt sich ohne Nadelöhr-Effekt."

Hört man in die kommunalpolitische Landschaft hinein, polarisiert das Thema Amazon außerordentlich. Die Spannbreite reicht von Befürwortern bis zu Gegnern und dürfte noch für viele hitzige Debatten sorgen. Auf der einen Seite stehen Positionen, die sagen, man könne die Veränderungen im Verbraucherverhalten nicht ignorieren, selbst wenn das dem Einzelhandel abträglich sei. Außerdem entstünden hier Arbeitsplätze, wie man sie auch im Sinne vieler weniger Qualifizierter benötige. Auf der anderen Seite wird das enorm expandierende, in Deutschland auch immer wieder mal bestreikte US-Unternehmen bezichtigt, in Sachen Bezahlung, Arbeitnehmerrechten oder -Vertretung alles andere als ein Vorbild zu sein. Und nennenswert Gewerbesteuer brauche man bei so einem Logistiker auch nicht zu erwarten.

"Wir schaffen Arbeit", sagt Amazon

Amazon selbst schildert das anders. "An allen unseren Standorten wollen wir ein guter Nachbar sein. Wir schaffen Arbeitsplätze und engagieren uns für gute Zwecke in der Gemeinde", teilt Virginia Sutter mit.

Für den oben erwähnten Gemeinderat ist die viel entscheidendere Frage freilich, was der Bebauungsplan für Darmsheim und/oder Maichingen besagt; ob er die Amazon-Ansiedlung baurechtlich also ermöglicht. Seiner Kenntnis nach sei das für beide Standorte erfüllt, so der Kommunalpolitiker: "Dann können wir als Gremium gar nichts machen." Sein Nachsatz: "Mir wäre eine Technologiefirma mit hochwertigen Arbeitsplätzen und Produkten auch lieber."