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Holzgerlinger erinnert sich an die Rettung der Familie der Geschwister Scholl

Von 1943 bis Kriegsende sind Teile der Familie der Geschwister Scholl in einem Bauernhof im Schwarzwald untergekommen. Der Holzgerlinger Rudi Hoffarth war in den 1990er Jahren in jenem Hof zu Gast. Heute erzählt er über die historische Begegnung.

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    Der besagte Bauernhof, Bruderhof genannt, im Örtchen Ewattingen im südlichen Schwarzwald. Hier überlebte unter anderem die Familie Scholl die Verfolgung durch die Nazis. 1945 konnten sie den Hof verlassen. Hans und Sophie Scholl waren da schon hingerichtet worden Foto: privat

Artikel vom 17. September 2020 - 11:23

HOLZGERLINGEN. 1994 reist Rudi Hoffarth als Kreissekretär des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) zusammen mit einer Gruppe Jugendlicher auf einen Bauernhof im Schwarzwald. In der ländlichen Idylle, umgeben von dichten Wäldern und rauschenden Wasserfällen, trifft der heutige Rentner aus Holzgerlingen auf den knorrigen Hausherr des Hofes. Dass der Landwirt, dessen Name aus Rücksicht zur Familie nicht genannt werden soll, mehr als nur der Gastgeber seines Zeltlagers sein und zu einer der für ihn prägendsten Begegnungen werden würde, hätte Hoffarth nicht gedacht.

"Bei all unseren Jugendcamps hatten wir es so gehandhabt, dass der Gastgeber jeden Bauernhofes am ersten Abend sich und seinen Hof vorstellt", erinnert sich Hoffarth. Bei dieser Gelegenheit deutete der Schwarzwaldbauer am Ende seiner Ausführungen etwas kryptisch an, dass sein Hof ein Geheimnis hüte - welches das ist, wollte er seinen Gästen zunächst nicht verraten.

Also trat Rudi Hoffarth am selben Abend noch zu ihm in die große Bauernstube ein und bat darum, zumindest ihm das Geheimnis zu lüften. Was der Hausherr Rudi Hoffarth offenbarte, glich einer historischen Sensation. Hier, wo er und seine Jugendlichen zufällig ihr Camp aufschlugen, befand sich 50 Jahre zuvor, in der Zeit des Nationalsozialismus, das Versteck der vor den Nazis geflüchteten Familie Scholl, deren Kinder als Geschwister Scholl berühmt wurden. Später folgten weitere Verfolgte, darunter der Schriftsteller Theodor Haecker und Inge Scholls späterer Ehemann Otl Aicher.

Im Juli 1943 suchten Magdalena und Inge Scholl, die Mutter und Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl, nach einem Unterschlupf. Deshalb fragt ein Kriegsdienst-Kamerad des Bauern, ob sein Hof Zufluchtsort für seine bedrohten Bekannten werden könnte. Nach Rücksprache mit seiner Schwester habe der Landwirt aus seiner christlichen Überzeugung heraus entschieden, die Verfolgten aufzunehmen. 1944 schloss sich auch Vater Robert seiner Frau und Tochter an.

Fünf Monate zuvor wurden Hans und Sophie nach dem Abwurf von Flugblättern im Foyer der Münchner Universität verhaftet und nach einem denkwürdigen Schauprozess am berüchtigten Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Am 23. Februar 1943 wurden die Geschwister zusammen mit weiteren Mitgliedern der "Weißen Rose" enthauptet. Heute ist die Geschichte der studentischen Widerstandsgruppe weit über die Grenzen bekannt. Unzählige Bücher und sogar Filme wurden über das mutige Geschwisterpaar veröffentlicht.

Viele dieser Bücher stehen im Regal in Rudi Hoffarths sogenannter "Bärenhöhle", seinem Holzgerlinger Arbeitszimmers samt Bibliothek. Das Schicksal der Scholls und die Geschichte des Bruderhofs sind zum Lebensthema des Rentners geworden. Auf Vorträgen und Lesungen, so auch in Schulen, erzählt Hoffarth voller Enthusiasmus das ehemals gut gehütete Geheimnis des Schwarzwaldbauern, mit dem er bis zu dessen Tod 1998 Kontakt hielt. Für diese besondere "Mutgeschichte" erhielt Hoffarth beim Schreibwettbewerb des Kreisseniorenrats Böblingen in diesem Jahr einen Preis.

Auch wenn Hoffarth persönlich nur dieses eine Mal mit dem Bruderhof-Bauern über die damals hochgefährliche Aktion sprach, vergessen könne er den Mann bis heute nicht. "Ich war stets beeindruckt ob seiner Geradlinigkeit. Wenn das, was er aus seinem festen Glauben an christliche Werte auf sich nahm, nach außen gedrungen wäre, hätte ihn und seiner Schwester das Kopf und Kragen gekostet", betont der ebenfalls überzeugte Christ.

Eigentlich sei der Landwirt kein Mann der großen Worte gewesen, bescheiden und durchaus eigenbrödlerisch, aber das Herz habe er am rechten Fleck gehabt: "Er sagte mir in unserem Gespräch, dass er überzeugt davon war, jemanden, der in Not steckt, die Hand auszustrecken." Außerdem hatte der streng katholische Landwirt eine ausgeprägte literarische Ader. "Er war sehr heimatverbunden. So schrieb er Gedichte über die berühmte Wutachschlucht."

Der Gemeinsinn des Bauern hatte aber Grenzen, wie Hoffarth erfuhr. Als ihn die Bürger der kleinen Gemeinde Ewattingen nach dem Krieg zum Bürgermeister machen wollten, lehnte dieser ab. "Zu groß war die Enttäuschung darüber, was auch seine Mitbürger in der NS-Zeit mitgetragen haben." Hoffarth erinnert sich daran, wie ihm der Landwirt den Hofalltag in jener Zeit schilderte, als sich hinter der Wand seiner Bauernstube zwei Jahre lang unter anderem die Familie Scholl versteckte.

Nur einmal gab es wohl eine wirklich brenzlige Situation

"Seine größte Angst war, dass alles auffliegen könnte. Natürlich merkten die Nachbarn, dass im Juli 1943 Unbekannte am Hof ankamen. Sie ahnten aber nicht, um wen es sich bei den Fremden handelte." Nur einmal, so wurde Hoffarth erzählt, habe Inge Scholl in einem Laden eingekauft. Dabei wurde sie so kritisch beäugt, dass sie bis 1945, als sie ihren Unterschlupf verlassen konnte, nie mehr selbst ins Dorf ging.

"Die Geschichte des Schwarzwaldbauern steht für eine bewundernswerte Form der Zivilcourage, die bis heute Geltung hat". Jedes Mal, wenn er von seiner einzigartigen Begegnung erzählt, staunen die Menschen. "Wir müssen diese Geschichte erzählen, da sie ein Beispiel für besonderen Mut ist. Wir müssen sie allerdings auch erzählen, damit wir nicht irgendwann wieder in Verhältnissen leben, in denen es vom Mut Einzelner abhängt, ob jemand leben darf oder nicht", bekräftigt der 1941 geborene Holzgerlinger.