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Helferin aus Aidlingen auf verlorenem Posten in Lesbos

Die Aidlingerin Pia Limmeroth weilt mit einer nichtstaatlichen Hilfsorganisation auf Lesbos beim Flüchtlingscamp Moria. Nachdem das Lager niedergebrannt ist und Corona grassiert, macht sich selbst unter den Helfern ein Gefühl der Hilflosigkeit breit.

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    Nach dem Brand: Menschen ziehen durch die Straßen Morias, viele suchen unter Überresten noch nach ihren Habseligkeiten Fotos: Salomé Wiedmer

Artikel vom 14. September 2020 - 16:17

MORIA AUF LESBOS. Mein erster Eindruck vom Camp: Es ist viel größer als erwartet. Die Menschen haben sich aus Holz und Blech "structures" gebaut, in denen sie teilweise wohnen, teilweise Essen, Lebensmittel, Hygieneprodukte, SIM-Karten verkaufen. Es war krass, die schlimmen Zustände zu sehen, die fehlende Privatsphäre, die vielen Menschen auf engem Raum. Gleichzeitig haben viele Menschen ein "normales" Leben aufgebaut, sie haben gewaschen, Musik gehört, Kinder haben gespielt, Essen verkauft, mit anderen zusammengesessen.

So viele Fragen in meinem Kopf: Wie kann ich diesen Menschen helfen? Was kann ich denen schon geben? Meine Kurdisch-Kenntnisse kann ich nicht einsetzen, weil fast keine Kurden im Camp sind. Wo sind all die arabischen Leute, die ich erwartet habe? 70 Prozent sind Afghanen und dann noch Menschen aus dem Kongo, Somalia, Kamerun und anderen afrikanischen Ländern . . .

In der vergangenen Woche habe ich nach meiner Quarantänezeit die Arbeit aufgenommen: bei den "New Arrivals". Das ist ein Ort für Menschen, die nach zwei Wochen Quarantäne neu im Camp sind. Solange sie noch keinen Platz im Main Camp haben, werden sie hier von uns mit Essen, Kleidung, Hygieneartikeln versorgt. In einer großen Halle mit Wänden aus Folie haben wir minderjährige Flüchtlinge untergebracht, die in den ihnen eigentlich vorbehaltenen Sektionen des Hauptcamps keinen Platz mehr gefunden haben.

Es gibt so viele Widersprüche im Camp: Zeichen des Mitgefühls, Menschen, die sich gegenseitig unterstützt und geholfen haben, aber gleichzeitig ein großer Hass der verschiedenen Menschen untereinander, Rassismus, Diskriminierung, Feuer, Kämpfe untereinander. Dazwischen aber Kinder, die miteinander spielen, mit kaputten Bällen, kaputten Kinderwagen und kaputten Fahrrädern. Menschen, die für ihre Rechte kämpfen und diskutieren und andere, die aufgegeben haben. Zeichen der Liebe, Freude und des Mitgefühls und Zeichen der Wut, der Frustration, des Hasses.

"Was am meisten gebraucht wurde, konnten wir nicht geben: Antworten"

Überall im und um das Camp gibt es unglaublich viel Müll. Die Plastikverpackungen des Essens, leere Flaschen, Plastiktüten überall in den sonst so schönen Olivenhainen um das Camp. Ich verstehe die Wut vieler Griechen, die mit dem ganzen Müll konfrontiert sind, die viele ihrer uralten Olivenbäume verlieren, weil Flüchtlinge sie abholzen und zum Bauen oder Feuermachen verwenden. Es wächst aber auch das Verständnis für die Flüchtlinge, die nicht das Gefühl haben, dass ihnen geholfen wird, die sich allein gelassen fühlen von Griechenland, von Europa, von den Menschen.

Als letzte Woche der erste Corona-Fall im Camp diagnostiziert wird, mussten die Nicht-Regierungsorganisationen im Camp ihre Mitarbeiter-Zahl reduzieren. Und dann kam der Dienstagabend und danach die Nacht.

Am Abend haben wir die Information bekommen, dass es noch mehr Corona-Fälle im Camp gibt, weshalb nur noch ganz wenige Mitarbeiter im Camp aushelfen dürfen. Alle, die zuletzt im Camp waren, sollen in Quarantäne. Ein Schock und eine traurige Nachricht für uns. Aber im Vergleich zu dem, was danach kam, irgendwie nicht mehr so relevant. Am Mittwochmorgen bin ich aufgewacht mit der Nachricht, dass Feuer ausgebrochen sind und ein Großteil des Camps nicht mehr existiert. "Moria finished", "Moria kharapa" (kaputt), sagen viele der Flüchtlinge: Moria gibt es nicht mehr. Verzweiflung, Tränen, Wut, Sorge um die Menschen kommen hoch. Und Fragen, wie es jetzt weitergeht. Fragen, was wir jetzt machen können, wie wir helfen können. Die Antwort war erstmal - gar nicht.

Wir hatten immer noch die Anweisung, dass wir Zuhause bleiben sollen bis wir neue Informationen bekommen. Also sind wir Zuhause geblieben. Wir haben gebetet, viel gebetet und geweint. Videos angeschaut, Nachrichten gelesen und versucht, zu verstehen, was da gerade passiert ist. Was uns nicht wirklich möglich war. Weil wir irgendetwas machen wollten, haben wir Essen gekocht und es in kleine Boxen gefüllt, falls Flüchtlinge an unserem Haus vorbeikommen sollten. Doch keiner kam.

Irgendwann kam dann die Nachricht, dass wir in kleinen Gruppen losziehen dürfen - jedoch ohne Dinge zu verteilen. Also sind wir zu den Menschen gegangen und haben versucht, mit ihnen zu sprechen. Viele saßen an den Straßen oder auf Parkplätzen. Aber es hat sich nicht sinnvoll angefühlt. Das, was die Menschen am meisten gebraucht haben - Antworten auf Fragen, wie es weitergeht, Essen, Wasser, Decken, Windeln - konnten wir ihnen nicht geben.

Frustration hat sich breit gemacht, das Gefühl, nicht wirklich etwas tun zu können, obwohl man direkt vor Ort ist. Das Gefühl doch eigentlich so viel mehr machen zu sollen. Überlegungen, was man machen könnte: Wasser kaufen und verteilen, mehr Essen kochen, Essen und Windeln kaufen. Aber alles wurde verworfen, weil es doch so schwierig ist, die Menschen zu finden, denen man die Sachen gibt. Weil es gefährlich sein könnte für die Menschen, die etwas bekommen, während die anderen nichts bekommen. Weil es für uns Volontäre gefährlich werden könnte, wenn die Verzweiflung der Flüchtlinge groß genug ist.

Dass wir endlich Nachricht von der griechischen Regierung bekommen, neue Zelte an zwei neuen Orten aufbauen zu dürfen - das war meine Hoffnung: Endlich etwas tun, was sich sinnvoll anfühlt, endlich wirklich anpacken zu können. Aber die Stunden sind verstrichen, Die Nachricht der Regierung kam nicht. Also sind wir mit einem Gefühl der Verzweiflung des Nichtsnutzes, der Frustration nach Hause gegangen.

Auf unserem Weg nach Hause haben wir dann gesehen, dass das Camp wieder brennt - diesmal wurden die Brände aber scheinbar von Flüchtlingen angekündigt und den Leuten gesagt, dass sie gehen sollen. Es war wohl eine gemeinsame Aktion von Flüchtlingen und einigen Griechen. Jetzt ist das Camp ganz weg, jetzt sind wirklich keine Leute mehr da. Straßen wurden von der Polizei blockiert - wahrscheinlich um die Flüchtlinge daran zu hindern, wegzugehen.

Wut auf die Polizei kommt auf aber gleichzeitig auch Verständnis für ihr Handeln. Wenn die Flüchtlinge sich überall auf der Insel verteilen, können sie auch nicht versorgt werden. Können sie nicht in neue Lager verlegt werden, eskaliert die Situation zwischen die Flüchtlingen und der Inselbevölkerung vielleicht noch mehr.

Situation zwischen Inselbewohnern und Flüchtlingen droht zu eskalieren

Also sitzen wir hier mitten in der Krise, in der Katastrophe und können doch nicht mehr machen, als diejenigen, die zuhause sind. Und wir hoffen, dass die Nachrichten endlich etwas bewirken. Dass doch etwas Positives aus der Situation hervorgeht. Dass doch endlich mehr Menschen in andere europäische Länder verlegt werden, weil sie wieder einmal alles verloren haben, wieder einmal alles niedergebrannt ist. Und weil sie wieder einmal auf der Straße schlafen müssen, von Leuten verachtet werden und keinen Platz haben, wo sie hingehen sollen.

Keiner weiß, wie es weitergeht, was mit den Menschen passiert, ob die Lage sich weiter anspannt oder entspannt. Immerhin: Gestern, am Freitag, konnte ein Teil unserer Gruppe ein bisschen Essen und Windeln an Frauen und Kinder verteilen.