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Soko-Tierschutz-Vorsitzender: Den guten Schlachthof gibt es nicht

Friedrich Mülln ist Vorsitzender der Soko Tierschutz. Der Verein hat zuletzt mit heimlich gefilmtem Material Tierquälereien am Gärtringer Schlachthof aufgedeckt. Seine feste Überzeugung: Gärtringen ist kein Einzelfall.

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    Schweinehälften im Gärtringer Schlachthof: Je kleiner der Betrieb, desto größer das Stümpertum, so die Aussage der Tierschützer Foto: Archiv/Sterk

Artikel vom 10. September 2020 - 13:29

Herrn Mülln, Ihre Video-Veröffentlichung hat eine enorme mediale Welle verursacht. Damit haben Sie im Voraus sicher gerechnet?

Jein. Das ist immer ein bisschen unberechenbar. Manchmal hat uns da auch schon der Volkszorn getroffen, als würde man lieber den Überbringer als den Verursacher der schlechten Nachricht erschlagen. Wir sind aber dafür, niemanden zu erschlagen. Die Leute dachten, sie zahlen gutes Geld für Fleisch, das von Tieren stammt, die nicht so grausam gestorben sind. Im Gärtringer Fall haben wir vor allem Anfeindungen von Metzgerei-Vertretern erhalten, die der Genossenschaft zuzuordnen sind.

 

Nun wurde der Schlachtbetrieb vorübergehend eingestellt. Halten Sie den Schritt für richtig?

Einen Stopp einzuziehen, ist immer richtig. Damit gibt es die Möglichkeit für eine Entwicklung. Bei einem "Weiter so" wie beispielsweise beim Schlachthof in Düren, bei dem wir auch Missstände aufgedeckt haben, kommt das Schlechteste raus. Hier kamen ja nicht nur menschliches Versagen ans Tageslicht, sondern zudem auch massive technische Probleme.

 

Bevor der Betrieb wieder aufgenommen werden kann, muss erst ein neues Konzept her, heißt es jetzt.

Das Landratsamt hat das in der Tat verlautbart. Das lehnen wir ganz klar ab. Damit spielt man dem Schlachthof wieder in die Hände. Das geht dort ja schon Jahre und Jahrzehnte so. Aus unserer Sicht gehört da mit dem harten Besen ausgekehrt. Und außerdem stinkt der Fisch vom Kopf.

 

Heißt konkret?

Ich vermisse Forderungen, dass der Schlachthof-Chef Wilhelm Dengler gehen muss. Er hat die Medien noch am Montag nach dem Wochenende, an dem der Skandal aufgedeckt wurde, belogen. Er hat in einem Radio-Interview am Vormittag behauptet, die Aufnahmen stammten nicht aus seinem Betrieb. Er hat erst eingelenkt, als das Veterinäramt auf unserer Seite war. In meinen Augen ist er als Person indiskutabel. Er ist der Kopf, der das zu verantworten hat.

 

Kritiker Ihrer Aktion sehen eine starke Komprimierung des 100-stündigen Materials und dadurch eine Überdramatisierung der Zustände. Was antworten Sie denen?

Ich weiß nicht, woher die Aussage mit den 100 Stunden Videomaterial kommt. Wir haben Filmmaterial aus einem Zeitraum von gut zwölf Tagen - dabei ist extrem viel Nichts zu sehen. Häufig herrscht ja gar keine Aktivität in dem Schlachthof. Das kritische Material entstand an nur drei Schlachttagen. Die schlachten dann jeweils ungefähr zwei Stunden lang, und dann ist das durch. Das heißt, wir hatten nur ein paar Stunden Videomaterial von Schlachtungen! Und wir haben nicht jeden Zwischenfall im Video gezeigt.

 

Erleben Sie so eine Reaktion öfter?

Das ist ein beliebter Trick: zu behaupten, es gebe hunderte Stunden Material, und da ist ja fast nichts drauf. Obwohl wir nicht viel Beweismaterial aus Gärtringen haben, gibt es eine große Häufung von Misshandlungen. Wir haben auch lange Aufnahmen, aus denen hervorgeht, dass die Tiere nicht gefüttert wurden. Die Verantwortlichen haben ja immer behauptet, die Tiere bekämen am Schlachthof noch einmal Futter. Doch unsere Aufnahmen belegen, dass die Tiere im Prinzip ein ganzes Wochenende im Stall standen und nicht gefüttert wurden.

 

Gibt es überhaupt schonende Schlachtverfahren, die Sie für akzeptabel halten?

Den guten Schlachthof gibt es nicht. Und ich habe sehr viele gesehen. Ich war schon beim Großschlächter Wiesenhof in Bayern und habe Hühner gesehen, die nach Luft schnappen, während sie mit Gas erstickt wurden. Da denkt man sich dann seinen Teil. Bereits über zehn Schlachthöfe in Deutschland haben wir investigativ berichtet. In jedem einzelnen Fall waren die Zustände katastrophal. Wir haben diese auch willkürlich rausgepickt, ohne verdeckte Hinweise bekommen zu haben. Es gibt auch Regierungsunterlagen, die das nachweisen. In Bayern sind laut offiziellen Dokumenten 80 Prozent der Schlachtbetriebe rechtswidrig, in Nordrhein-Westfalen ist die Zahl ähnlich hoch, ebenso in Niedersachsen. Nur in Baden-Württemberg war angeblich fast alles in Ordnung. Das hat uns skeptisch gemacht.

 

Das klingt nach einem Versagen des Systems.

Kontrollen wurden natürlich so durchgeführt, das alles in Ordnung war. Es ist auch ein Unterschied, ob eine Kamera verdeckt filmt oder der Amts-Tierarzt an der Türe klingelt. Natürlich begeht einer keine Straftaten, wenn ihm der Polizist über die Schulter schaut.

 

Fallen Ihnen keinerlei Beispiele für Betriebe ein, in denen alles gut funktioniert?

Das ist das Problem: Die Leute denken, dass es diesen Königsweg gäbe. Den gibt es nach meiner Auffassung aber nicht. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Tönnies oder andere Großbetriebe haben manches technisch besser gelöst, wodurch die Schlachtung schonender vonstatten geht. Doch das zieht wieder einen anderen Rattenschwanz nach sich. Nämlich die ganze Massentierhaltung für die Großschlachthöfe. Vereinfacht gesagt: Bei Tönnies hat ein Mitarbeiter gar keine Zeit, ein Rind mit einer Stange zu quälen, denn in der Zwischenzeit sind schon wieder viele weitere Rinder gestorben.

 

Eben deshalb galt die Auffassung, in den kleinen Betrieben wie Gärtringen läuft manches anders.

Gerade in kleinen Höfen herrscht aber ein Stümpertum. Dort passieren die individuellen Quälereien und Gewaltexzesse. Schlimmer noch: Vor allem kleine Schlachthöfe setzen auf illegale Praktiken, um überhaupt überleben zu können. Sie schlachten gezielt kranke und verletzte Tiere, obwohl dies eigentlich illegal ist. Doch der Schlachthof verdient gut daran, weil er die Tiere günstig vom Landwirt abkaufen kann. Kleinere Landschlachtereien sichern sich ihr Überleben also durch illegale Praktiken. Denn sie können nicht überleben mit Masse, Geschwindigkeit oder internationalen Einkaufs-Beziehungen.

 

Gilt das auch für Gärtringen?

In Gärtringen haben wir nur zwei bis drei Schlachtungen von kranken Tieren in dem fraglichen Zeitraum gesehen. Das ist vergleichsweise wenig, aber trotzdem nicht akzeptabel. Mehrere Tiere konnten nicht selbstständig gehen, ein Schwein wurde am Schwanz hochgehoben, ein anderes von seinen Artgenossen bei der Anlieferung zertrampelt. Es hat wohl schwere innere Verletzungen davongetragen. Man hat die Wahl der Qual und nicht die Wahl zwischen Tierwohl und anderen Wegen.

 

Viele Bauern und Metzger kommen durch den Betriebsstopp jetzt in Bedrängnis, müssen auf andere Schlachthöfe ausweichen. Wird das Problem dadurch nur verlagert?

Das ist in der Tat so. Es ist traurig, wenn die Fleischerbranche sagt: Wenn wir die Tiere nicht misshandeln dürfen, dann werden die Tiere woanders misshandelt. Wir brauchen doch viel eher eine grundsätzliche Diskussion darüber, ob das, was wir tun, noch zeitgemäß ist. Durch das Ausweichen auf andere Höfe kommen die Tiere vom Regen in die Traufe.

 

Manch einer bringt seine Tiere jetzt zum Schlachthof nach Rottenburg.

Der ist eine Ruine. Offen gesagt: In so einem Loch schlachtet nicht mal in Osteuropa noch jemand. Technisch ist der Hof miserabel ausgestattet. Andere Schlachthöfe pfeifen ebenfalls aus dem letzten Loch. In der Region gibt es noch Pforzheim oder Mannheim, wobei Letzterer auch schon mehrfach in der Kritik stand.

 

Das genossenschaftliche Modell mit regionalen Erzeugern und Abnehmern galt als Vorzeige-Modell, nun ist es in Verruf.

Bei Gemüse mag das ein Vorzeigemodell sein, bei Tieren nicht. Der Metzger von nebenan ist ein riesiger Trugschluss. Die Menschen bauen sich eine psychische Schutzburg. Denn jeder weiß, was mit Tieren in Schlachtung und Masthaltung passiert. Deshalb flüchtet man sich in diesen inneren Schutzraum und denkt, man kauft vom Metzger des Vertrauens, und der hat seine Tiere vom Bauern nebenan. Doch auch bei vielen regionalen Bauern gibt es Intensiv-Haltung. Auch dort werden Schweinen die Schwänze abgeschnitten, da sich die Tiere ihn sonst gegenseitig abbeißen.

 

Also kompletter Fleischverzicht für alle?

Ich halte die Bestrebung, die Fleischindustrie regional zu gestalten, für keine Lösung. In meinen Augen lässt sich das Problem nur lösen, indem viel weniger Tiere geschlachtet oder weniger Tierprodukte gegessen werden. Man muss sich auch einfach mal das harte Schicksal der Tiere vor Augen führen: Das misshandelte Kälbchen in unserem Video kam als Ausschuss der Milchproduktion an den Schlachthof. Was viele nicht wissen: Die Milchkuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kälbchen erwartet. Diese gehen aber vors Messer.

Wo sehen Sie die eigentlichen Schuldigen: Bei den Schlachthof-Betreibern oder den zuständigen Kontrolleuren des Veterinäramts?

Ich sehe Hauptschuldige auf beiden Seiten: bei den Verantwortlichen des Schlachthofes und beim Amts-Tierarzt. Die haben eine Garanten-Stellung und dafür zu sorgen, dass genau so etwas nicht passiert. Beim von uns aufgedeckten Skandal beim Schlachthof in Tauberbischofsheim war es die gleiche Problematik. Am Ende hieß es es durch die Staatsanwaltschaft: Der Staat kann sich nicht durchsetzen, daher sind die Verantwortlichen in den Behörden auch nicht zu bestrafen.

 

Ein Anwalt bemängelte in dem MDR-Fernsehbeitrag, dass die Kontrollen oft wirkungslos seien, da die Tierärzte keine Weisungsbefugnis gegenüber den Schlachthof-Mitarbeitern hätten.

Dabei hat er aber nur die Staatsanwaltschaft zitiert, die diese Auffassung vertritt. Ansonsten hat der gezeigte Jura-Professor eine klare Meinung: Die Amts-Veterinäre haben volle hoheitliche Befugnisse. Sie können jederzeit das Band stoppen, die Polizei hinzurufen und den Schlachtbetrieb einstellen lassen, wenn Gefahr im Verzug ist.

 

In Gärtringen hat das nicht stattgefunden.

Die Dame vom Veterinäramt stand da wie Salzsäule, das ist in dem Video klar zu erkennen. Vom Landratsamt kam dann der Vorwurf, man habe genau da das Video geschnitten, wo die Tierärztin vorgesprungen sei, um einzugreifen. Allerdings macht sie nur einmal eine Geste mit dem Arm. Dabei ist aber nicht klar, was sie meint. In einer anderen Situation greift sie ein, und erklärt dem Schlächter den Lid-Augen-Reflex. Der Mitarbeiter macht das daraufhin zweimal widerwillig und dann nicht mehr. Die Amts-Tierärztin zeigte also eine Mischung aus Wegsehen und Desinteresse.

Wie eng arbeiten Sie mit den Behörden bei der Aufarbeitung zusammen?

Schwieriges Thema. Ich will aber betonen, dass wir eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden suchen. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht bei immerhin schon 80 Strafverfahren. Aber Landratsämter sind immer heikel. Denn unsere Strafanzeige richtet sich ja gegen die Veterinäre, die sich schuldig gemacht haben wegen Unterlassen. Die Zusammenarbeit mit dem Amt ist da natürlich schwierig, da es befangen ist. Wir wollen aber nichts unnötig aufschieben und stellen zum Beispiel unser Videomaterial immer zur Verfügung. Auch wenn wir wissen, dass dies nachher von den Behörden womöglich zu ihrer eigenen Entlastung oder propagandistisch genutzt wird.

 

Befürchten Sie rechtliche Schritte gegen sich, da das Material unerlaubt entstand?

Wie das Material angefertigt wurde, dazu nehmen wir keine Stellung. Allerdings ist die Rechtslage klar aufgrund mehrerer Urteile, die solch investigative Aufdeckungen ermöglichen. Natürlich gibt es keinen Freibrief, überall zu filmen. Werden aber Rechtsbrüche dokumentiert oder gibt es ein überragendes öffentliches Interesse, dann überwiegt das öffentliche Interesse gegenüber den Rechten der Firmen-Persönlichkeit. Außerdem gibt es einen rechtfertigenden Notstand. Das bedeutet: Wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft wurden, ist das Betreten und Filmen eines Betriebes möglich. Hier war es ja so, dass man zwei Jahre lang von Verstößen wusste und nicht gehandelt hat. Die Staatsmacht war vor Ort und hat nicht eingegriffen.

 

Einen Prozess fürchten Sie nicht?

Wir freuen uns über jeden Prozess, das wäre Publicity für uns. Wir hatten bis jetzt allerdings noch nie einen zu führen. Kein Mitarbeiter der Soko Tierschutz wurde je verurteilt oder auch nur angeklagt. Wir sehen das daher gelassen.

 

Haben sich auch viele Tierschutz-Befürworter gemeldet?

Tatsächlich sind wir nach dem Gärtringer Fall überschüttet worden mit Missstands-Meldungen aus der Fleischindustrie. Das ist wie ein Schlag aufs Wasser, der verursacht Wellen. Und das nicht von Tierschützern. Wir bekommen von dort brühwarm Interna frei Haus geliefert. Einfach deshalb, weil die Veterinärämter nicht reagieren. Manch einer hält es dann nicht mehr aus und sagt: Zieht die Betriebe aus dem Verkehr. Das ist bei der Soko Tierschutz eine einmalige Situation: Wir genießen das Vertrauen von Personen aus der Fleischindustrie, um Recht zu schaffen, wo der Staat versagt.