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Frauenmord in Sindelfingen: Aufklärung nach 25 Jahren

Ein 70-Jähriger soll vor 25 Jahren nahe des Breuningerlandes in Sindelfingen eine Frau aus Stuttgart umgebracht haben. Erst jetzt hat eine DNA-Analyse den mutmaßlichen Täter überführt. Am 23. September beginnt am Stuttgarter Landgericht der Prozess.

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    Im Juli 1995 wurde in der Tilsiter Straße in Sindelfingen eine 35-jährige Frau erstochen. Jetzt soll dem mutmaßlichen Täter der Prozess gemacht werden Foto: Simone Ruchay/Archiv

Artikel vom 08. September 2020 - 11:51

STUTTGART/SINDELFINGEN. Norbert Winkelmann hat in viele menschliche Abgründe geblickt. Ein tödlicher Streit unter Nachbarinnen in einem Hochhaus, ein Wahnkranker, der in Böblingen auf Polizisten einsticht, ein Mann, der aus Australien nach Sindelfingen reist, um seine Ex-Frau auf offener Straße niederzustechen. Nun hat der Vorsitzende Richter der 19. Schwurgerichtskammer einen der ungewöhnlichsten Mordfälle in der Region auf dem Tisch - einen Fall, der 25 Jahre für seine mutmaßliche Aufklärung gebraucht hat. Der Beschuldigte ist eine schillernde Figur, wie sie selbst einem erfahrenen Strafrichter wie Winkelmann nicht sehr häufig begegnet.

Mitten auf der Straße, vor Augenzeugen, offenbar ohne Motiv ist die Stuttgarterin Brigitta J. am 14. Juli 1995 getötet worden. Die Frau ist in der Tilsiter Straße in Sindelfingen in der Nähe des Breuningerlands auf dem Heimweg. Sie hat bis 23.28 Uhr in einem Modeunternehmen als Aushilfe gearbeitet und will zur S-Bahn-Station Goldberg laufen. Gegen 23.40 Uhr begegnet die 35-Jährige einem Mann, der mitten auf der Fahrbahn auf sie einsticht. Tragisch dabei: Vier Zeugen kommen dazu - doch sie lassen sich von dem Täter täuschen, der kaltblütig die Situation verharmlost. Als die Zeugen die Wahrheit erkennen, ist der seriös gekleidete Mann mit den dunklen Augenringen und den schief stehenden Schneidezähnen auch schon in einem Auto davongefahren.

Das Opfer wurde "anlasslos" getötet

25 Jahre später ist die Staatsanwaltschaft und die Sonderkommission Tilsit der Kripo überzeugt, den Täter gefasst zu haben. Eine verbesserte und verfeinerte DNA-Analyse hat Hartmut M. überführt. Laut Anklage soll er das ihm "bis dato völlig unbekannte" Opfer "anlasslos" getötet haben, "mit einem Stichwerkzeug" in den Oberkörper. "Das Mordmerkmal ist Heimtücke", sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Melanie Rischke. Der Beschuldigte sitzt seit Februar in U-Haft und schweigt. Die Puzzleteile scheinen zu passen - nicht nur wegen des genetischen Fingerabdrucks am Tatort. Viktor Hartmut M., der heute 70 Jahre alt ist, hat schon einmal eine Frau umgebracht. Am 28. September 2001 tötete er an der Autobahn A 70 im oberfränkischen Thurnau eine 51-Jährige, die er als Anhalterin mitgenommen hatte.

Eine Bluttat ohne Motiv. Hartmut M. war viele Jahre ein angesehener Geschäftsführer verschiedener Unternehmen mit Topverdienst. Es bedurfte zweier Gerichtsprozesse und einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs, ehe Hartmut M. im Jahr 2007 für die Tat in Franken verurteilt wurde - indes nur wegen Totschlags. In der Zwischenzeit hatte er sich noch als Erpresser einen Namen gemacht - er wollte vom Shell-Konzern vier Millionen Euro. Dafür gab's zusammen dann zwölfeinhalb Jahre.

Für einen Mordprozess im Fall Brigitta J. scheint somit alles klar zu sein. Hartmut M. lebte 1995 in Holzgerlingen, 13 Kilometer vom Tatort entfernt - sein Auto war in der Tatnacht dort gesehen worden.

Die Sache mit dem Handwerkerauto

Allerdings gibt es an dieser Stelle ein paar Ungereimtheiten. In allen Berichten, so auch in einer "XY"-Sendung vom 12. Januar 1996, gedreht in Zusammenarbeit mit der damals ermittelnden Landespolizeidirektion Stuttgart I, soll der Mörder in einem auffälligen, gelben bis ockerfarbigen Handwerkerauto geflüchtet sein. Das hatten zwei US-Piloten berichtet, die mit dem Täter gesprochen hatten. Hartmut M. besaß damals aber einen dunklen Honda CRX. Ein solcher Wagen parkte ebenfalls am Tatort und war wenig später verschwunden. Die Polizei vermutete einen schüchternen Zeugen.

Wie das Leben so spielt: Die Ermittler stießen wegen des Honda-Hinweises 1995 tatsächlich auf Hartmut M. - allerdings ergab sich bei der Überprüfung kein Tatverdacht. Nun stellt sich noch eine ganz andere Frage: Haben die damaligen Tatzeugen einen gelben Lieferwagen nicht von einem sportlichen Auto unterscheiden können - oder war hier ein zweiter Mann im Spiel?

Prozessauftakt am 23. September

Während der jahrelangen Ermittlungen wurde nie erwähnt, dass die Kripo diesen zweiten Mann zu kennen glaubt. Er wäre wohl sogar mit einem gelben Kastenwagen in Verbindung zu bringen. Nur als Täter kommt er offenbar nicht infrage. Also ein Zeuge? Doch warum sollten die Männer ihre Fahrzeuge getauscht haben? Das Rätsel des zweiten Mannes: Er soll das Opfer gekannt und auch Verbindungen zu Hartmut M. gehabt haben. Es wird also spannend für das Gericht und die 19. Strafkammer von Richter Winkelmann.

Der Prozess gegen den 70-Jährigen am Landgericht Stuttgart startet am 23. September. Es sind insgesamt 20 Verhandlungstermine angesetzt.