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Maskenpflicht: Polizei setzt Signal

Seit dem 27. April muss wegen Corona beim Einkaufen und in Bus und Bahn eine Alltagsmaske getragen werden. Jetzt kontrolliert die Polizei erstmals in den öffentlichen Verkehrsmitteln im Kreis Böblingen. Dort herrscht Disziplin - mit ein paar Ausnahmen.

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    Mit insgesamt 60 Einsatzkräften war die Polizei am Donnerstag in den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg im Einsatz. Ein Schwerpunkt lag auf der S-Bahn Foto: Stefanie Schlecht

Artikel vom 07. September 2020 - 16:46

KREIS BÖBLINGEN. Morgens, halb zehn am Böblinger Busbahnhof: Polizei-Pressesprecher Peter Widenhorn setzt sich seine hellblaue Atemschutz-Maske mit Polizei-Logo auf und sagt: "Unsere Maßnahme soll vor allem eine Wirkung in der Öffentlichkeit haben." In einer konzertierten Aktion kontrollieren am Donnerstag insgesamt 60 Beamte in den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg, wie gut sich Bus- und Bahnfahrer an die Maskenpflicht halten, die seit dem 27. April in Baden-Württemberg gilt. "Wir haben schon festgestellt, dass mit zunehmender Dauer der Corona-Pandemie die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Anti-Corona-Maßnahmen nachlässt", sagt er. Daher jetzt die Offensive.

Der Kontroll-Trupp teilt sich in drei Teile, 20 von ihnen beginnen am Vormittag im Raum Böblingen, Sindelfingen und Herrenberg. Während vier von ihnen sich die Bussteige auf dem Böblinger Busbahnhof vornehmen, steigen jeweils acht in die S-Bahnen nach Herrenberg und Renningen. Was manch einer nicht so ganz präsent hat: Die Maskenpflicht gilt bereits auf dem Bahnsteig. Ein junger Mann steht am Fahrkarten-Automat und zieht sich ein Ticket - ohne Maske. Als ein Polizist ihn darauf anspricht, reagiert er umgehend und zieht eine aus der Tasche und dann übers Gesicht.

"Die meisten Menschen sind sofort einsichtig", sagt Widenhorn. "Dann ist die Angelegenheit für uns auch erledigt." Wer sich allerdings weigert oder gar keine Maske dabei hat, für den wird es teuer. Widenhorn: "Das Bußgeld liegt bei mindestens 100 Euro und kann bis 250 Euro gehen." In Bus und Bahn keine Maske zu tragen ist also deutlich teurer als kein Ticket bei sich zu haben: Schwarzfahren wird mit lediglich 60 Euro geahndet. Doch die S-Bahnfahrer auf der Linie S1 sind allesamt diszipliniert: Kein einziger findet sich im Zug, der keine trägt.

Begleitet wird die Aktion vom Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart, Thomas Hachenberger. Ihm ist es wichtig, dass die Maskenpflicht eingehalten wird - immerhin riefen immer wieder Fahrgäste an, die sich über die mangelnde Disziplin ihrer Mitfahrer beschwerten. "Da heißt es dann: Solange die anderen sich nicht daran halten, fahre ich nicht mehr mit euch", sagt Hachenberger. Ohnehin machten viele um "die Öffentlichen" seit Ausbruch der Corona-Pandemie einen Bogen, sagt er.

"Im April hatten wir gerade einmal 20 Prozent des normalen Fahrgast-Aufkommens." Zwar seien die Zahlen mittlerweile wieder gestiegen, doch im Juli war man erst bei 70 Prozent des normalen Niveaus. Für den VVS bleibt das natürlich nicht ohne Folgen, vor allem wirtschaftlich. Hachenberger: "Wir rechnen für das laufende Jahr mit 120 Millionen Euro weniger Fahrgast-Einnahmen." Das entspreche einem Einbruch um 20 Prozent. Die Kontrollaktion mit der Polizei soll helfen, die Disziplin zu heben und wieder Vertrauen in Bus und Bahn zurückzugewinnen.

Von der Maskenpflicht befreit sind etwa Menschen mit einer chronischen Lungenkrankheit, sagt die Polizei. Diese bekämen durch den Stoff womöglich zu wenig Sauerstoff. Sie müssten allerdings ein ärztliches Attest dafür vorweisen können, sagt Peter Widenhorn. "Wer sich allerdings ein gefälschtes Attest aus dem Internet herunterlädt und ausdruckt, braucht sich keine Hoffnung machen. Das erkennen wir leicht als Fälschung."

Essen oder trinken wird in der S-Bahn derzeit nicht gern gesehen

Am Bahnhof Herrenberg steht eine Frau mittleren Alters mit Rucksack am Bahnsteig und isst eine Banane. Sonst ein völlig banaler Vorgang, in diesen Zeiten aber streng genommen verboten. Die Beamten fordern sie zum Tragen der Maske auf, die Dame versichert mit vollem Mund, die sei noch im Rucksack und sie ziehe sie gleich auf. "In einem Fernzug von Hamburg nach München muss man allerdings Verständnis haben, wenn jemand einmal etwas essen oder trinken muss", sagt Hachenberger. Doch die durchschnittliche Distanz einer VVS-Fahrt läge bei 10,2 Kilometern, "das schafft man auch mal ohne eine Mahlzeit."

Auf dem Busbahnhof in Herrenberg versammelt sich eine Gruppe Kinder zu einem Ausflug, die Betreuerin zählt noch mal durch. Die Polizisten machen aber auch hier nicht halt. "Du hast aber eine coole Maske", sagt einer der Beamten zu einem kleinen Jungen. "Magst Du sie auch aufziehen?" In der Tat gilt die Pflicht erst für Kinder ab sechs Jahren, sagt er danach. Doch die Mitglieder der Gruppe waren zum Großteil schon älter.

Zurück in Böblingen durchstreift der Tross auch den breiten Durchgang zum Flugfeld im Untergeschoss. Dort gilt keine strenge Maskenpflicht - es sei denn, die geforderten 1,5 Meter Mindestabstand lassen sich nicht einhalten. "Das ist im Berufsverkehr oder bei einer Gruppe von Schulkindern allerdings schnell der Fall", sagt Polizei-Sprecher Widenhorn. In den zwei Stunden zwischen 9 und 11 Uhr haben die 20 Beamten im Bereich Böblingen, Sindelfingen und Herrenberg insgesamt 174 Personen ertappt, die keine Maske trugen. Zehn davon zeigten sich offenbar uneinsichtig und müssen mit einer Anzeige inklusive Bußgeld rechnen.

Noch zwei Mal im September will die Polizei im ÖPNV Kontrollen durchführen. "Dann vielleicht auch mehr in den Randzeiten, wo mehr los ist", sagt VVS-Chef Hachenberger. Eher problematisch sind laut ihm nämlich die Abende am Wochenende, wenn Partyvolk mit Bus und Bahn unterwegs ist. Deren Bereitschaft zum Tragen einer Maske sei weniger stark ausgeprägt als bei den meisten anderen, sagt er.