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Foodsharing-Station in Sindelfingen startet am 1. Oktober

Im Sindelfinger Haus des Christlichen Vereins Junger Menschen eröffnet am 1. Oktober eine Station für übrig gebliebene Lebensmittel. Wer mag, kann diese dort kostenlos abholen.

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    Wollen was gegen die massenweise Vernichtung von Essen tun (v.l.): Meike Baur, Luca Torreblanca und Sophia Häußler Foto: Eibner/Drofitsch

Artikel vom 02. September 2020 - 16:20

SINDELFINGEN. Laut einer Studie der Naturschutzorganisation WWF werden in Deutschland jährlich rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Auf den Kalender gerechnet heißt dies, dass ab dem 2. Mai jedes Jahres alle danach produzierten Nahrungsmittel im Müll landen. Mit den weggeworfenen Waren geht auch ein riesiger Verlust an Ressourcen und Wasser einher.

Grund genug, dieser Wegwerfmentalität den Kampf anzusagen, dachten sich drei junge Menschen aus dem Kreis Böblingen: Meike Baur, Sophia Häußler und Luca Torreblanca. Gemeinsam mit weiteren Unterstützern streben die drei danach, das Konzept "Foodsharing" auch im Kreis Böblingen zu etablieren. Ihr Ziel: Übriggebliebene, aber genießbare Lebensmittel kostenfrei zugänglich zu machen und sie dadurch vor der Mülltonne zu retten.

"Ich habe im Familienkreis gehört, dass in Stuttgart-Sillenbuch eine solche Foodsharing-Station eingerichtet wurde. Da dachte ich: 'Das muss es doch in unserem Kreis auch geben'", erinnert sich die Maichingerin Meike Baur an den Moment, als die Projektidee in ihrem Kopf geboren wurde. Positiv-Beispiele wie in Stuttgart oder Tübingen gebe es in der Region genug, sagt auch die Wahl-Tübingerin Sophia Häußler, die in Hildrizhausen aufgewachsen und derzeit in der Stadt am Neckar Biochemie studiert.

Um diese Nachhaltigkeits-Initiative auch im Landkreis zu etablieren, haben sich die Initiatoren den CVJM ausgesucht. "Wir waren auf der Suche nach einem seriösen, im sozialen Bereich erfahrenen Akteur und dabei ist uns der CVJM in den Sinn gekommen", erläutert der Böblinger Luca Torreblanca die Wahl des evangelischen Vereins. Nachdem Meike Baur intern beim CVJM-Vorstand vorfühlte und auf Begeisterung stieß, begannen die konkreteren Überlegungen.

Als Standort wurde der Innenhof des CVJM-Hauses am Rande der Sindelfinger Altstadt gewählt. Starttermin für den "Lebensmittelpunkt", wie die Abgabestelle heißen wird, soll der 1. Oktober werden. Bis an diesem Tage der nachhaltigen Lebensmittelnutzung beginnen kann, bedarf es noch mehr Werbung für das Konzept. "Bislang gibt es im Landkreis noch keine Foodsharing-Station. Es wäre also eine Premiere", freut sich der gelernte Veranstaltungskaufmann Torreblanca.

In einem kleinen Häuschen im Innenhof soll es von 6 bis 23 Uhr übriggebliebene Lebensmittel zur Abholung geben. so die Pläne der drei. Bis auf wenige, besonders empfindliche Produkte wie rohen Fisch oder Eierspeisen können die "Kunden" eine breite Waren-Palette finden, darunter Obst, Gemüse, Brot oder Molkereiprodukte.

Mit ihrem gemeinnützigen Projekt wollen die Foodsharer keinesfalls in Konkurrenz zu den Tafeln stehen. Ganz im Gegenteil, betont Luca Torreblanca, denn "teilweise arbeiten Beide bereits gut zusammen." Sophia Häußler fügt in diesem Zusammenhang hinzu: "Wir richten unser Angebot an alle Menschen. Bedürftige sind genauso angesprochen wie Rentner, Familien, Paare oder Alleinerziehende. Einfach jeder, der etwas gegen die Lebensmittel-Verschwendung unternehmen möchte, ist eingeladen."

Sechs Supermärkte unterstützen das Projekt

Inklusivität schreiben die Initiatoren groß. Jeder soll abgeben und abholen dürfen. Privatpersonen könnten Produkte aus ihrem Kühlschrank oder der Vorratskammer vorbeibringen, bevor sie beispielsweise in den Urlaub fahren. Auch wenn statistisch der Großteil aller weggeworfenen Lebensmittel aus Privathaushalten stammt, sehen die Initiatoren auch die Supermärkte in der Verantwortung. Sechs Betriebe im Kreis beteiligen sich schon am Foodsharing-Kreislauf. "Vom Biomarkt über den Discounter zum Supermarkt sind einige dabei", so Meike Baur, die hauptberuflich als Assistentin an der Goldberg-Realschule tätig ist.

Nun muss das Thema noch tiefer in die Köpfe der Menschen. Dabei bedürfe es einer Bewusstseins-Schaffung. Ob Produzenten oder Konsumenten: alle müssten der Wegwerfmentalität entgegentreten, finden nicht nur die drei. Auch aus dem Freundes- und Bekanntenkreis gebe es ausschließlich anerkennende Worte. Nachteile bei der Weitergabe von Lebensmittel sehen die drei nicht. Bei der Frage nach der Genießbarkeit der Lebensmittel haben sie sich ebenfalls ihre Gedanken gemacht. "Das Mindesthaltbarkeitsdatum mag mal überschritten sein, aber fast immer sind die Waren noch gut genießbar", so Häußler. Auf der sicheren Seite sei, wer wie sonst auch das Motto "Gucken, Riechen, Schmecken" anwendet.

Dass Nahrungsmittel nicht mehr essbar seien, sei erfahrungsgemäß aber das geringste Problem, wissen die drei aus ihrem ehrenamtlichen Engagement. Die größte Hürde stecke eher in den Gewohnheiten der Menschen und den Interessen der Wirtschaft. Um genau hier für ein Umdenken zu sorgen, ruhen die Hoffnungen der drei auch auf der Anfang September angekündigten Infoveranstaltung in Sindelfingen. Damit wollen die Foodsharer ihrem Traum vom nachhaltigen Lebensmittel-Konsum einen Schritt näher kommen.