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Dem Coronavirus auf der Spur

Die Covid 19-Pandemie bestimmt auch mehr als sechs Monate nach ihrem Auftreten den Alltag im Gesundheitsamt Böblingen. Drei Mitarbeiter und der Leiter geben Einblicke in eine Arbeit, die durchaus der eines Kriminalermittlers ähnelt.

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    Im Dienste des Infektionsschutzes leisten die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes täglich eine Art Ermittlungsarbeit Foto: Stefanie Schlecht

Artikel vom 28. August 2020 - 17:26

BÖBLINGEN. Die Zeiten, als das Gesundheitsamt außerhalb der Öffentlichkeit stand und nur für vergleichsweise wenige Bürger eine alltägliche Adresse war, sind spätestens seit dem 27. Februar 2020 vorbei. Damals vermeldete der Landkreis erstmals eine Corona-Infektion. Danach gab es in der Böblinger Behörde keinen Tag, an dem das Virus nicht den täglichen Takt vorgab. Seitdem gilt es, dem Erreger so schnell wie möglich Einhalt zu gebieten.

Auch ein halbes Jahr später hat sich diese Maxime nicht geändert. Einige der insgesamt zirka 60 Behörden-Mitarbeiter haben ihren Platz in den Büros im Untergeschoss des Amtes. Unter grellem Neonlicht sitzen diese, fein getrennt von Plexiglasscheiben, vor den Computern, telefonieren mithilfe von Headsets und machen sich fleißig Notizen. Sie sind nun wieder zurück im vor sechs Monaten rasch antrainierten Anti-Corona-Modus. Nach einem strammen Beginn im März, einer leichten Entspannung während des Lockdowns um Ostern und dem deutlichen Rückgang zu Sommerbeginn, steigen die Neuinfektionen wieder kontinuierlich - nicht ohne Effekt auf den Arbeitsalltag des Gesundheitsamtes.

Für die Mitarbeiter bedeutet das: Am Telefon beraten und informieren, Kontakte nachverfolgen, Maßnahmen koordinieren und Termine in den Testzentren vergeben. Der kommissarische Leiter des Gesundheitsamtes, Wilhelm Hornauer, fasst die aktuelle Situation so zusammen: "Wir haben das Geschehen gut im Griff. Die Erfahrung der vergangenen Monate kommt uns dabei zugute." Einiges habe sich im Laufe der ersten Monate zu eingespielt.

Und das, obwohl die Lage momentan nicht mit der im Frühling zu vergleichen ist. Durch die Lockerungen im Privaten, die Öffnung der Schulen und die Urlaubsreisen sei das Infektionsgeschehen komplexer als zu Pandemiebeginn. "Damals hatten wir noch viele einzelne Fälle, die wir schnell bearbeiten konnten. Nun, seitdem die Menschen wieder mobiler sind und sich enger begegnen, haben wir mit großen Gruppen wie Betrieben, Schulen oder Altenheimen zu tun", erklärt Amtsärztin Ingrid Saalmüller.

In ihrem Bereich laufen zahlreiche Anfragen aus der Bevölkerung, aber auch von Arztpraxen, Vereinen oder sonstigen Einrichtungen, ein. "Meine Aufgaben liegen aktuell hauptsächlich im Beraten und Koordinieren", schildert Saalmüller. Zusammen mit zwölf Kollegen wird im Zweischicht-System gearbeitet, oftmals bis in die Nacht und auch am Wochenende. "Nicht nur das hohe Aufkommen an sich stellt eine Herausforderung dar, auch die Dynamik mit sich ständig verändernden Verordnungen und Empfehlungen verlangen größtmögliche Flexibilität", so die Amtsärztin.

Dass das Gesundheitsamt auf neue Situationen schnell reagieren kann, zeigte sich am Anfang der Krise. Wilhelm Hornauer hebt die Solidarität innerhalb des Landratsamtes hervor, als es darum ging, den Mitarbeitern im Gesundheitsamt unter die Arme zu greifen: "In wenigen Stunden hatten sich so genug Kollegen bereit erklärt, von ihrer Abteilung in das Gesundheitsamt zu wechseln." Unter ihnen auch Hornauer selbst, der zusätzlich zum Veterinär- auch das Gesundheitsamt führt. Sollten die Fälle in die Höhe schießen, stünden weitere 60 Mitarbeitende für den Kampf gegen Corona zur Verfügung.

Sobald die Labore einen Coronabefund vermelden, kommt das Team der Kontaktnachverfolgung um Nardos Tecle ins Spiel. Sie und ihre knapp zwanzig Mitstreiter hängen dann stundenlang an den Hörern und leisten Ermittlungsarbeit. "Wir fragen die Infizierten nach ihren Symptomen, den Kontaktpersonen der letzten Tage, wo sie waren und wie nah sie ihren Mitmenschen kamen." Daraufhin ergebe sich eine Einstufung. "Kategorie 1" beispielsweise bedeute weniger als 1,50 Meter Abstand oder länger als 15 Minuten Face-To-Face-Kontakt, erzählt Tecle.

Desto mehr Kontakte genannt werden, umso komplizierter werde es - vor allem, wenn Passagierlisten von Flugzeugen, Gästelisten von Restaurants oder gar im Ausland nach Personen geforscht werden muss. "Das können in komplexen Fällen auch mal 100 Kontaktpersonen sein, die ausfindig zu machen und zu informieren sind", so Tecle. "Die meisten Personen erreichen wir innerhalb von eins bis zwei Stunden. Sollte es dies nicht gelingen, informiert die örtliche Polizeibehörde die Leute zuhause."

In den meisten Fällen, berichtet Tecle, treffen sie bei den Bürgern auf Verständnis. Nur wenige sträuben sich gegen die Maßnahmen, sprechen die Unwahrheit oder äußern gar Verschwörungstheorien. "Manche sagen uns, dass sie nicht an die Existenz des Virus glauben. Dann erklären wir ihnen, dass sie auch nicht daran glauben müssen, die Quarantäne gibt es aber trotzdem", sagt die Gesundheitsamt-Mitarbeiterin, während sie und die restlichen Gesprächspartner entsprechend der Corona-Bestimmungen mit Mundschutz und reichlich Abstand um einen großen Tisch sitzen.

Mehrere tausend Anrufe am Tag lassen die Leitungen glühen

Ähnliche Erfahrungen macht auch Christian Lehmann. Er leitet das Hotline-Team und verbringt selbst etliche Stunden am Telefon. Auch seinem Eindruck nach zeigt sich der Großteil kooperativ. "Manche sind verunsichert, was ein Positivbefund für sie bedeutet." Gerade in der Zeit vor dem Lockdown glühten die Leitungen förmlich. "In der Hochphase hatten wir schon über 10 000 Anrufer an einem Wochenende", erinnert sich Lehmann. Davon sind sie derzeit weit entfernt. Aber noch immer kommen im Schnitt 1500 Anrufe am Tag rein.

Für die insgesamt 30 Mitarbeiter, ebenfalls in Schichten verteilt, ein stattliches Programm. Ab 8 Uhr beraten sie, klären auf, vergeben Termine in den Testzentren und nehmen auch so manchen verärgerten Anruf entgegen. "In einigen Fällen ist das nachvollziehbar. Wenn Menschen innerhalb der Frist zwischen dem Gesundheitsamt, dem Testzentrum oder dem Hausarzt wie in einer Odyssee umherspringen, kommt es eben auch zu Frustration", so Lehmann.

Wilhelm Hornauer fügt hinzu: "Es ist leider utopisch, bei einem großen Anruferaufkommen alle gleichzeitig zu bedienen. Damit antwortet der Leiter auch auf die öffentliche Kritik, das Amt sei schwer zu erreichen. Viele Anrufer wählen die Hotline, obwohl ihr Anliegen eigentlich nicht zu Christian Lehmann und Co. gehören. Das belastet bisweilen die Leitungen. Die Personaldecke ist fast durchgehend zu dünn. Das zuständige Ministerium in Stuttgart suche händeringend nach Bewerbern - bislang erfolglos.

"Natürlich passieren auch Fehler", meint Hornauer selbstkritisch. Das liege an mehreren Faktoren. Wenn das Testergebnis zum Beispiel noch nicht vorliege, lasse sich keine Quarantäne aussprechen. Das war auch ein Knackpunkt in der Causa GSV Maichingen, die jüngst für Aufruhr sorgte. "Hier gab es Versäumnisse, für die wir uns entschuldigt haben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das Testresultat noch ausstand und die Informationen seitens des Vereins nicht gleich stimmig waren", erläutert Hornauer.

Trotz einiger Herausforderungen blickt er zuversichtlich in die nahe Zukunft und bemüht die antike griechische Erzählung über die Büchse der Pandora. Solange es noch keinen validen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, bleibe vor allem die sogenannten AHA-Regeln übrig: Abstand, Händewaschen, Alltagsmaske tragen. Und noch eines möchte der ausgebildete Veterinärmediziner Wilhelm Hornauer nicht vergessen. Ganz wie im griechischen Mythos setzt auch er in der Coronakrise auf das einzig Positive in der Büchse der Pandora: Der Hoffnung.