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Abbruch des City-Centers: Der Betonriese wehrt sich noch

Wie stählerne Tyrannosaurus Rex zermalmen vier Bagger die Betonruine des Böblinger City-Centers. Sie zerlegen den ehemaligen Einkaufstempel bis Jahresende in 4500 Tonnen Schutt. Doch der kämpft bisweilen mit Kräften gegen sein Schicksal.

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    Vier große und mehrere kleine Bagger kämpfen den City-Center nieder. Gut ein Dutzend Mann sind dafür nötig. Fotos: Stefanie Schlecht

Artikel vom 26. August 2020 - 15:27

BÖBLINGEN. Auf der Ruine des City-Centers schmeckt die Luft nach Staub. Vier furchteinflößende Kettenbagger beißen sich durch das Betongerippe des einstigen Kauftempels. Mit stählernen Mäulern, die an den Kopf eines urzeitlichen Tyrannosaurus Rex erinnern, zermalmen sie Mauer für Mauer und Stockwerk für Stockwerk des Ungetüms. Doch das gibt sich nicht kampflos geschlagen. Manch einer der dicken Querträger zeigt sich ganz schön bockig, als wehre sich das Gebäude gegen sein nahendes Ende.

Enif Sijecic steuert den größten Abrissbagger, einen Caterpillar 365B auf Ketten, der mit dem Tieflader angeliefert werden musste. "Acht Stunden pro Tag, von morgens bis abends" rückt er dem Gerippe zu Leibe. Obwohl er den schwersten der vier Bagger manövriert, ist es nicht der mit dem längsten Arm. Immerhin noch 16 Meter hoch kann er ihn zwar nach oben recken, doch der rote Hitachi-Bagger daneben, auch "Langarm" genannt, kommt auf 36 Meter. "Daher muss ich immer aufpassen, nicht zu nah ans Gebäude zu fahren, sonst fliegen mir die Steine auf die Scheibe", sagt Sijecic. Der Job des gebürtigen Bosniers ist kein ungefährlicher, zerbröselt er doch täglich zig Tonnen Stahlbeton über seinem Kopf.

Carsten Teltscher bleibt lieber auf Distanz. Der Projektleiter der Böblinger Baugesellschaft (BBG), die das Gebäude im Februar übernommen hat, blickt von der Abbruchkante im dritten Obergeschoss auf das Geschehen unter ihm. "Der Abbruchunternehmer rechnet mit 4500 Tonnen Schutt", sagt er. Das meiste davon soll weiterverarbeitet werden, zu Schotter beispielsweise im Unterbau von Gebäuden oder Straßen. Wer weiß, vielleicht landen Teile des City-Centers ja wieder an Ort und Stelle? Die Pläne für die Nachbebauung liegen schon seit längerem in der Schublade der BBG.

Dort, wo der City-Center 40 Jahre lang das Quartier um die Bahnhofstraße wie ein Sperriegel von der Wolfgang-Brumme-Allee (ehemals Sindelfinger Allee) abtrennte, soll wieder ein Durchlass entstehen. In den beiden luftigen Baukörpern sind Einzelhandel, Gewerbe und Mietwohnungen geplant. BBG-Pressesprecherin Kathrin Lebherz will darüber noch einmal gesondert informieren: "Angedacht sind Baustellen-Führungen und ein Info-Center, damit man sich das Projekt besser vorstellen kann."

Für Enif Sijecic ist das noch weit weg. Er und seine Kollegen von GL-Abbruch aus Esslingen, in dessen Diensten er schon seit 30 Jahren steht, müssen bis dahin noch tausende Tonnen Gestein zermalmen. Gerade hat er sich in einen Mauervorsprung eines Treppenhauses dritten OG verbissen. Die gigantische Stahlzange seines "Cat", wie er ihn nennt, beißt mit 55 Bar hydraulischem Druck zu. Immer wieder versucht er, Stücke aus dem Mauerwerk zu reißen, wie ein Tyrannosaurus Rex aus einem erlegten Saurier. Doch das Gebiss kommt an diesem Eckteil nicht weiter.

Da kommt ihm ein Kollege zu Hilfe. Mit dem etwas kleineren Bagger legt der ohne fremde Hilfe seine Baggerschaufel auf einen Schuttberg ab und nimmt dafür einen monströsen Meißel an seinem Hydraulikarm auf. Alles, ohne auszusteigen und nur mit dem Joystick. Das Manöver dauert kaum länger als eine Minute. "Früher hat der Wechsel eine halbe Stunde gedauert", sagt Carsten Teltscher. Dank moderner Technik wechseln die Baggerfahrer ihr Abrissgerät heute munter durch, so wie sie es benötigen. Mit dem Meißel wird nun der Vorsprung traktiert. Die Schläge donnern rhythmisch ins Gemäuer, Tok-tok-tok-tok-tok-tok-tok-tok. Und siehe da: Der Widerstand bröckelt.

Efin Sijecic kann wieder anrücken. Er dreht das metallene Maul in die passende Position und kommt jetzt von schräg unten. Die gewaltigen Stahlzähne verbeißen sich in die Mauerkante, bis die schließlich in einer Staubwolke gen Boden kracht. "Staub ist eigentlich kein Problem für mich", sagt Sijecic. Das Führerhaus seines Caterpillar sei gut abgedichtet und sogar klimatisiert, sagt der 50-Jährige. Für seinen Arbeitgeber hat er schon so manches Gebäude dem Erdboden gleichgemacht, zuletzt den Kronprinzbau am Rotebühlplatz in Stuttgart und auch schon Teile des Düsseldorfer Flughafens.

Damit der Baustaub nicht die halbe Böblinger Unterstadt vernebelt, setzt das Abbruchunternehmen - etwas unkonventionell - Schneekanonen ein. "Die sprühen das Wasser viel feiner als ein Feuerwehrschlauch, die Belastung für die Passanten und Nachbarn können wir so niedrig halten", sagt Markus Spengler, der seit vier Jahren in Diensten der BBG ist. Besonders knifflig wird es für die professionellen Abreisser, wenn es an die Nahtstellen zu den Nachbargebäuden geht. An der einen Seite grenzt der City-Center an die Kreissparkasse, an der anderen an die Ara-Passage. "Da braucht man schon Fingerspitzengefühl", sagt BBG-Projektleiter Teltscher. Nur die erfahrenen Arbeiter machten sich an diese Feinarbeit, die allerdings auch per Bagger erledigt wird.

Der Abriss des City-Centers ist teurer als sein Erwerb

"Die zwicken ihnen auch ein fingerdickes Bewehrungseisen ab, so genau lässt sich die Zange dirigieren." Dennoch bleibt der Rückbau ein kompliziertes logistisches Unterfangen. Eindringendes Wasser muss immer wieder abgepumpt, Schutt abtransportiert und Bagger betankt werden. Über die Gesamtkosten für den Abriss schweigt die BBG. Nur so viel: Er allein ist teurer, als das baufällige Gebäude überhaupt gekostet hat.

Bis Jahresende soll der City-Center komplett in Trümmern liegen, sagt Teltscher. Wobei, so ganz stimmt das nicht. "Etwa einen halben Meter hoch soll der Schutt liegen bleiben", so der Projektleiter. Das diene als Beschwerer für die Tiefgarage, die "wie ein Schiff auf dem Grundwasser" liege. Würde die Last oben fehlen, könnte es passieren, dass die Untergeschosse nach oben aufschwimmen. Momentan tragen Baumstämme in der Tiefgarage die Last der Ruine. Wie ein unterirdischer Wald stehen sie dort in der Dunkelheit und stützen, was noch zu stützen ist. Der 40 Jahre alte Beton über ihnen war korrodiert, der Bewehrungsstahl verrostet. Dank der Pfähle können die tonnenschweren Bagger an der Oberfläche ohne Gefahr arbeiten.

Im neuen Jahr will die BBG dann den nächsten Bauabschnitt angehen und auch die Tiefgarage zurückbauen. Das soll noch einmal vier bis sechs Monate dauern. Teltscher: "Die neue Tiefgarage wird dann ein Geschoss mehr haben." Die Wohnungen und Geschäfte benötigen mehr Parkraum. Ab Mitte 2021 werden zwischen der Wolfgang-Brumme-Alle und der Olgastraße dann schon wieder die beiden neuen Gebäudekörper in die Höhe wachsen. Und der City-Center endgültig aus dem Stadtbild getilgt sein.