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100. Geburtstag von Böblingens Alt-OB Brumme: Dirigent einer rasanten Entwicklung

Fleißiger Macher, machtbewusster Stratege und jovialer Stadtvater: Heute wäre Wolfgang Brumme 100 Jahre alt geworden. Böblingens erster Oberbürgermeister leitete 38 Jahre lang die Geschicke der Stadt durch die Zeit der Nachkriegsjahre.

Artikel vom 25. August 2020 - 16:19

BÖBLINGEN. Er war der Dauerläufer unter den Böblinger Oberbürgermeistern. 38 Jahre lang stand er an der Spitze des Rathauses und prägte von dort aus die Stadt von der Nachkriegszeit bis ins Jahr 1986. Heute wäre Wolfgang Brumme 100 Jahre alt geworden.

Dass er kein klares Bild von seiner Karriere hatte, konnte man Wolfgang Brumme nicht unterstellen. Als gerade mal 27-Jähriger tauchte er im Jahr 1948 aus den Tiefen des Stuttgarter Innenministeriums im Landkreis Böblingen auf, um dort Bürgermeister zu werden. Der junge Regierungsinspektor wollte dabei nichts dem Zufall überlassen. Er trat sowohl in Weil der Stadt als auch in Böblingen an und beide Bürgerschaften wollten mit dem Mann aus dem Ministerium in die Zukunft gehen.

Am 22. Februar 1948 wurde Brumme Bürgermeister von Weil der Stadt. Eine Woche später war diese Partnerschaft bereits wieder beendet. Als damals noch parteiloser Außenseiter gewann der Youngster überraschend die Stichwahl in Böblingen gegen den bisherigen Amtsverweser. Brumme entschied sich gegen das vom Krieg verschonte Reichsstädtchen und für die schwer von der Zerstörung gezeichnete Kreisstadt. Damit schmiedete er einen Bund für sein Berufsleben: Bis zu seinem Abtritt 1986 als dienstältester OB des Landes blieb Brumme an der Spitze der ehemaligen Oberamtsstadt. Drei mal wählten ihn die Böblinger wieder, ernannten ihn zum Ehrenbürger und gaben nach seinem Tod im Jahr 1999 einer großen Straße seinen Namen.

Kein Oberbürgermeister hat bisher der Stadt einen vergleichbaren Stempel aufgedrückt wie Wolfgang Brumme. Das war auch den Startbedingungen geschuldet: Als Brumme übernahm, lag die Böblinger Innenstadt im Schutt der Stunde Null. Das kleine Städtchen stand nach dem Krieg vor dem Nichts. Die Bombenangriffe hatten Böblingen schwer gezeichnet, neben dem Wiederaufbau zählte die Integration einer großen Anzahl von Kriegsflüchtlingen zu den drängenden Aufgaben.

Umgeben von einer Gruppe erfahrener Verwaltungsfachleute entpuppte sich der junge Rathauschef als zupackender Manager des Neustarts. Rasch wurden zahlreiche Baugebiete aus dem Boden gestampft, die Menschen eine neue Heimat boten. Getrieben von einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung in den 1960er Jahren das moderne Böblingen - mit breiten Straßen, stolzen Industriegebieten, erfolgreichen Unternehmen und vielen öffentlichen Bauten, die von der guten Kassenlage zeugten: Eine repräsentative Kongresshalle, eine riesige Sporthalle, moderne Schulen und Kindergärten prägten das Gesicht der Stadt, Hertie stellte ein Kaufhaus in die Nähe des Bahnhofs, eines der ersten Einkaufszentren des Landes entstand daneben und namhafte Großunternehmen wählten Böblingen als Firmensitz und Ort ihrer Deutschlandzentrale. Bald zählte die Stadt zu den Wirtschaftszentren und den wohlhabendsten Kommunen im Land. Brumme war es gelungen, eine eigenständige Entwicklung im Windschatten des Daimler-Werkes voranzutreiben. Die Furcht, als Schlafstadt der Nachbarstadt Sindelfingen zu enden, wurde nicht Wirklichkeit.

Dass das alles auch politisch reibungslos funktionierte, dafür war gesorgt. Im Gemeinderat hatte eine konservative Mehrheit aus CDU und Freien Wählern das Sagen, angeführt von einigen mächtigen Honoratioren und dem mittlerweile der CDU angehörigen Verwaltungschef. Als "verschworener Haufen" bezeichnete Wolfgang Brumme diese Konstellation viele Jahre später, als er schon längst nicht mehr dazu gehörte.

Sporthalle, Busbahnhof, City-Center: Vieles von dem, was damals als Renommierstücke einer aufstrebenden Mittelstadt galt, hat den 100. Geburtstag seines Baumeisters nicht überlebt, manches wurde zum Inbegriff der "häßlichen Stadt" - "Beton-Brumme" zum geflügelten Wort. Bekundungen, die den gebürtigen Tübinger nicht unberührt gelassen haben. Angesprochen auf diese Kritik, verteidigte er seine Wahlheimat noch aus dem Ruhestand heraus. Böblingen habe doch auch viele schöne Ecken, betonte Brumme, auch wenn er einräumte, dass in der Hektik des Aufbruchs schon mal architektonisch was daneben gegangen sei.

Wolfgang Brumme ging nicht nur als Architekt des Aufbaus in die Geschichte der Stadt ein. Wenn er es denn als nötig erachtete, betätigte er sich auch schon einmal als Bremser. Seine Stadt teilen mit der Nachbarin Sindelfingen, so wie es die Entscheider im Landtag sich vorstellten? Niemals. Wolfgang Brumme wurde zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen die Fusionspläne, die 1975 über den beiden Städten heraufzogen. Noch 20 Jahre später war er stolz auf "die beste Rede" seines Lebens, die er bei einer Protestveranstaltung damals gehalten hatte. Expansion war mit Brumme dennoch machbar, wenn es strategisch passte: 1971 wurde Dagersheim Teil von Böblingen - und damit eine nicht unwesentliche Fläche des späteren Industriegebiets Hulb.

Fleißiger Macher, strikter Konservativer und machtbewusster Stratege - es waren nicht nur diese Eigenschaften, die Brumme Zeit seines Amtes mit Nachdruck für seine Stadt einsetzte. Wolfgang Brumme galt auch als jovialer Mensch, der mit den Leuten konnte und bis zu seinem Tod 1999 am Leben in der Stadt teilnahm. Diese Qualitäten erleichterten sicherlich auch 1956 den Schritt zur ersten Städtepartnerschaft Böblingens. Dass mit der Stadt Pontoise nur elf Jahre nach Kriegsende eine französische Kommune zur Schwesterstadt wurde und Böblingen damit zu den Pionieren der deutsch-französischen Annäherung auf lokaler Ebene zählte, unterstrich Brummes Wille, den damals noch jungen Europäischen Gedanken mit Leben zu erfüllen.

Ein Experiment, das funktionierte: Noch Jahre später erinnerte sich Wolfgang Brumme an den ersten Besuch einer französischen Delegation in Böblingen. Der frostige Empfang endete in herzlicher Freundschaft. "Dia Kerle", erzählte er schmunzelnd, "hen mir en da Zug neischieba müsse, sonschd wäred dia heid no do."

38 Jahre als Dirigent einer rasanten Entwicklung, als Lenker einer Stadt, die es vom Provinznest mit 11 000 Einwohnern zur reichen Industriestadt mit 42 000 Menschen gebracht hat, das machte auch Wolfgang Brumme zum ungläubigen Beobachter einer Stadtgeschichte, an der er wesentlich mitgeschrieben hat. "Das lässt mich manchmal mit den Ohren schlackern", erzählte Wolfgang Brumme der Kreiszeitung bei einem Besuch anlässlich seines 75. Geburtstags im Jahr 1995.