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Waldenbucherin spürt entlaufene Hunde wieder auf

Mit sechs weiteren Ehrenamtlichen hat Nadja Pawert aus Waldenbuch sich im Jahr 2014 zusammengeschlossen und seither 77 ausgebüxte Schnüffler in ganz Baden-Württemberg wieder mit ihren Besitzern vereint.

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    Um herauszufinden, ob entlaufene Hunde Futterstellen annehmen, bringen die Hundesucherinnen Wildbeobachtungskameras an Fotos: Melissa Schaich

Artikel vom 11. August 2020 - 11:04

WALDENBUCH. Im Jahr 2013 verschwindet die Hündin Wanja wie vom Erdboden. Über Facebook erfährt Nadja Pawert von der vermissten Schäferhündin und den Bemühungen ihrer Besitzer, sie wiederzufinden. Nach einiger Zeit bietet sie selbst ihre Hilfe an und wird Teil eines kleinen Teams, das sich intensiv mit der Suche nach Wanja beschäftigt. "Wir haben ein Jahr lang nach ihr gesucht, leider ohne Erfolg", erzählt Nadja Pawert in ihrem Garten in Waldenbuch. Doch eine gute Seite hatte die unermüdliche Suche trotzdem: Während dieser Zeit hat das ehrenamtliche Team das nötige Know-how, Equipment und zahlreiche Erfahrungen gesammelt, die für das Finden von entlaufenen Hunden unerlässlich sind. "Am Anfang haben wir viele Fehler gemacht", gibt Nadja Pawert zu. Damals waren sie nämlich alle Anfänger und mussten sich selbst das Wissen aneignen, wie entlaufene Schnüffler wieder erfolgreich zu ihrem Frauchen oder Herrchen zurückgebracht werden können. "Wir versuchen unser Wissen so weiterzugeben, dass wir Hundebesitzer in die Lage versetzen, selbst nach ihren Hunden zu suchen", gibt die Waldenbucherin das Ziel vor.

Jeder Hund sollte bei Tasso gemeldet sein

Tipps gibt sie jedem, der während der Suche nach dem Schützling Kontakt mit ihr aufnimmt: Zunächst sollte die Polizei, Tierheime und vor allem Tasso - ein Melderegister für Haustiere - informiert werden. "Jeder Hund erhält eine Chipnummer, die im Impfpass zu finden ist", erklärt Nadja Pawert. Doch diese bringt nichts, wenn Hundehalter ihr Tier nicht auch tatsächlich bei Tasso registrieren lassen und dort als vermisst melden.

In einem zweiten Schritt sollte Futter und Wasser am Entlaufpunkt bereitgestellt werden. "Das ist wie ein magischer Punkt", sagt Nadja Pawert. Zumeist kehren die Hunde in den ersten 48 Stunden an diesen Ort zurück. Wenn dort jedoch niemand mehr ist und sie kein Futter finden, ziehen die Tiere weiter. "Hier geht oftmals vieles schief: Die meisten Menschen ziehen erstmal mit Suchtrupps los und durchkämmen das Gelände", sagt Nadja Pawert. Doch auch hier gibt es bereits von Hund zu Hund Unterschiede: "Es kommt auch immer darauf an, ob das Tier einen starken Bezug zum Besitzer hat oder nicht", sagt sie. Wenn noch keine emotionale Bindung besteht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass der Hund versucht, seinen Besitzer wiederzufinden.

Hundebesitzer sollten Flyer und Suchplakte verteilen

Wenn ein Vierbeiner entläuft, sollten ebenfalls Flyer und Suchplakate verteilt werden. "Nach dem dritten Tag sollte der Radius auf 20 Kilometer ausgedehnt werden", rät Nadja Pawert. Hunde kreisen meistens um den Entlaufort - mit jedem vergangenen Tag werden die Kreise größer. Trotzdem müssen die Hundesuchenden bei ihren Aktionen auch immer die Eigenschaften des Hundes selbst im Hinterkopf behalten: "Wir hatten auch schon Hunde, die am Tag 50 Kilometer gelaufen sind", erzählt Nadja Pawert. Sie betont, dass es selten ein Schema F gebe. Doch solange immer wieder Sichtungen gemeldet würden, sei auch die Chance auf Erfolg noch hoch. "Wir haben schon Hunde nach einer oder sechs Wochen gefunden, aber auch nach drei Monaten", erklärt die Ehrenamtliche. Sobald ein Vierbeiner an einem Punkt gesichtet wird, installiert das Team dort eine Futterstelle und kontrolliert diese mit Wildbeobachtungskameras. "Das sollte dann kein Trockenfutter sein, sondern etwas, das vor Geruch explodiert", erklärt Nadja Pawert. Denn, um den Hund von seinem Weg abzubringen und anzulocken, braucht es etwas, das seine Geruchssinne ganz besonders umgarnt. Und Nadja Pawert weiß mittlerweile, bei welchem Geruch jeder Hund schwach wird: Leberwurstbrühe. In Hundesucher-Kreisen hat das Gericht schon an Berühmtheit gewonnen.

In einem letzten Schritt stellt das Hunde-Entlaufen-Team eine Lebendfalle auf. Sobald der Hund in den Zwinger tritt, fällt die Tür zu und sie werden über eine App sofort verständigt.

Manche Hundesuch-Aktionen verlaufen nach Plan, andere sind geradezu dramatisch

An diesem groben Plan orientiert sich das Hunde-Such-Team in den meisten Fällen. Doch es gibt auch Tiere, die den Ehrenamtlichen alles an Kreativität und Geduld abverlangen. So zum Beispiel Linus: Der aus Bulgarien stammende Straßenhund entlief seinen Besitzern Anfang des Jahres. Er stiefelte auf der Autobahn herum, auf der B 27 und der B 10, bewegte sich von Ludwigsburg nach Esslingen und Degerloch. Sein Leben als Straßenhund kam ihm hier zugute: "Er ist immer brav auf dem Seitenstreifen entlang der Fahrbahn gelaufen", erzählt Nadja Pawert. Doch mit der Ausdauer des Hundes konnten die Hundefreunde kaum mithalten. Linus schien immer einen Schritt voraus. In Zuffenhausen wendete sich schließlich das Blatt: "Dort hat Linus an eine unserer Futterstellen angebissen", erzählt Nadja Pawert. Sie brachten direkt einen Hundezwinger an - doch sie hatten sich zu früh gefreut. Über eine Live-Kamera konnten sie zwar beobachten, wie Linus um den Zwinger herum schnüffelte, doch setzte er keine Pfote hinein. "Wir haben alles versucht: Brathühnchen, gebratener Speck, Rinderleber und sogar Chicken Nuggets", sagt Nadja Pawert und lacht. Doch der Hund weigerte sich zwei Wochen lang in die Falle zu tappen und trieb das Team an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Dann die zündende Idee: Obwohl Linus kastriert war, gingen Helferinnen vom Tierheim Ludwigsburg im Gebiet immer wieder mit einer läufigen Hündin spazieren. Und sie behielten Recht: Für Linus war es Liebe auf den ersten Blick, die sogar so weit ging, dass er der Hündin in einen umzäunten Garten folgte, wo ihm nach langem Ringen endlich ein Halsband angelegt werden konnte.

Die Hundesucher stehen unter Daueranspannung

"Bei solchen Suchaktionen steht man praktisch unter Daueranspannung", meint Nadja Pawert. "Da wird jeder Hund zum eigenen Hund." Sie streichelt ihrem Schützling Gibson, der entspannt im Schatten liegt, über das Köpfchen. Dazu komme noch, dass sie auch den Besitzern in dieser Zeit emotionalen Beistand leiste. Doch mit ihrem Team decken sie beinahe ganz Baden-Württemberg ab und können so zahlreichen Besitzern helfend zur Seite springen, wenn sie ihren besten Freund vermissen.

 

  Auf der Webseite hund-entlaufen-baden-wuerttemberg.de gibt es weitere Infos zu den Hundesuchern im Ehrenamt.