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Minigarten in der Böblinger Altstadt: Ein Farbtupfer im Kleinstadtdschungel

Sommer-Serie "Meine grüne Insel" (2):Die Brasilianerin Voneide Cabral de Kossack hat 100 Töpfe mit blühenden Sommerstauden zur kleinen Oase entlang einer Hausmauer in der Böblinger Altstadt komponiert.

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    Intensive Pflege gibt es jeden Tag

Artikel vom 10. August 2020 - 15:08

BÖBLINGEN. Das Paradies von Voneide Cabral de Kossack ist 20 Meter lang, einen Meter schmal und endet wenige Zentimeter bevor die Autoreifen das Kommando übernehmen. Seit zehn Jahren versorgt die Brasilianerin die Böblinger Altstadt mit leuchtender Sommerpracht an einer Stelle, wo sonst Stein, Asphalt und Mauerwerk den Ton angeben.

Wer die steile Turmstraße Richtung Marktplatz emporkommt, der ist schon mittendrin: Entlang der Mauer eines Fachwerkhauses gegenüber der Stadtkirche reiht sich Topf an Topf mit allem, was der mitteleuropäische Sommer botanisch so zu bieten hat. Üppig und in voller Blüte stehen Margariten neben Nachtkerzen, wippt der Sonnenhut im Sommerwind, buhlt der Storchenschnabel mit der Samtnelke um die Aufmerksamkeit, während die Prachtscharte als wippender Landeplatz für eine dicke Hummel dient - ein Bauerngarten wie im Bilderbuch.

Seit zehn Jahren lebt Voneide Cabral de Kossack in dem alten Haus neben dem Fleischermuseum. Als sie aus Altdorf hierhergezogen ist, hat die 63-Jährige einige Terracottatöpfe und die Liebe zu Blumen mitgebracht. Da ihre Wohnung weder Balkon noch Garten hat, reservierte Voneide Cabral de Kossack sich das kleine Fleckchen Erde entlang der Hauswand, um sich den Traum von der kleinen Blumeninsel vor der Türe zu verwirklichen.

Von Beruf ist Voneide Cabral de Kossack Krankenschwester. Als Mitarbeiterin der Sozialstation ist sie viel bei älteren Leuten auf Hausbesuch unterwegs. Und von dort stammt auch die Inspiration für den Minigarten. "Ich habe oft bewundert, was für schöne Bauerngärten viele Menschen haben", erzählt sie. "Das möchte ich auch", lautete der Beschluss der Dame, die die Liebe vor 32 Jahren nach Deutschland verschlagen hat. Mit dem Umzug nach Böblingen wurde aus dem Wunsch Realität, aus einigen Töpfen sind mittlerweile 100 geworden, aus der Blumeninsel wurde ein Blütenmeer und für Voneide Cabral de Kossack die Sache zu einer richtigen Aufgabe.

Gestern Morgen um zehn war sie bereits drei Stunde in ihrem Minigarten beschäftigt. Auslichten, ausputzen, anbinden, düngen, umtopfen, neu drapieren, fegen, und: gießen, gießen, gießen. Wie viele Liter Wasser sie mit der Gießkanne jeden Tag ihren Blumen verabreicht, hat Voneide Cabral de Kossack noch nicht gezählt. Zwei Mal pro Tag während der Sommerhitze sind Pflicht. Mindestens. Rund 20 Stunden, schätzt die Hobby-Gärtnerin, widmet sie pro Woche dem blühenden Farbtupfer. Dafür bedanken sich die Stauden mit üppigem Wuchs und strahlenden Farben - von April bis Oktober.

Wer Voneide Cabral de Kossack dabei beobachtet, wie sie sich mit Hingabe über die Blütenstengel beugt, die Triebe begutachtet, Verblühtes abschneidet und jede einzelne Blume beim Namen nennt, der muss auch nicht lange fragen, warum hier kein gelbes Blatt Nährstoffmangel signalisiert oder welkes Grün auf Vernachlässigung hindeutet.

Als Nahrung gibt es nur Kompost, Gemüsewasser und Kaffeesatz. Und damit nichts schief geht im bunten Blumenvolk, dafür sorgt Voneide Cabral de Kossack selbst: "Die Pflanzen", sagt sie, "sind auch deshalb gesund, weil ich ständig da bin und sie beobachte." Und Läuse? Von dieser Heimsuchung wird auch das kleine Biotop am Rande des Marktplatzes nicht verschont. "In diesem Jahr war das eine echte Plage", erzählt Voneide Cabral de Kossack. Dennoch: Chemie kam ihr an die blühenden Freunde nicht ran: Aufgelöste Schmierseife hat das Problem der ungebetenen Gäste schließlich gelöst.

Bewunderung durchs Autofenster

Lange ist Voneide Cabral de Kossack nie alleine, wenn sie bei ihren Blumen ist. "Ich werde jeden Tag von Menschen angesprochen, wenn ich meine Pflanzen pflege", erzählt sie. Viele bedankten sich, dass sie für die bunten Tupfer am Rande des Marktplatzes sorgt, manche Leute kämen regelmäßig vorbei, um sich das kleine Biotop an der Hauswand anzuschauen. Auch viele Autofahrer nehmen das blühende Band am Rande der Altstadtstraße zum Anlass, um anzuhalten. Dann, berichtet Voneide Cabral de Kossack, drehen sie ihr Seitenfenster herunter, und teilen ihre Bewunderung für die farbigen Wegbegleiter mit.

So ist Voneide Cabral de Kossacks grüne Insel viel mehr als ein kleines Ausrufezeichen der Natur mitten im Böblinger Kleinstadtdschungel. "Es ist ein Ort der Kommunikation und Geborgenheit", sagt sie - und für die Besitzern auch ein Ort der Verantwortung: Denn zwei Tage ohne Wasser überleben ihre Pflanzenfreunde nicht. "Ich verlasse meine Blumen ungern", erklärt Voneide Cabral de Kossack. Urlaub gibt's nur im Winter. Wenn das kleine Paradies Pause macht.