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Gerlinde Kretschmann beim Singpause-Projekt in Böblingen

Viertklässler der Justinus-Kerner-Grundschule führen Baden-Württembergs First Lady das 2018 eingeführte "SingPausen"-Projekt vor

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    Vor den Augen von Gerlinde Kretschmann und weiteren Gästen führen die Schüler der vierten Klasse ihre "SingPause" durch Foto: Eibner/Bürke

An Böblinger Schulen wird seit 2018 mehr gesungen. Verantwortlich dafür sind die Stadt und die Musikschule, die das Projekt "SingPause" eingeführt haben. Baden-Württembergs First Lady Gerlinde Kretschmann machte sich am Dienstag an der Justinus-Kerner-Grundschule ein Bild von der Musikalität der Böblinger Schüler.

Artikel vom 05. März 2020 - 11:20

BÖBLINGEN. Wie ein Dirigent ohne Taktstock steht Clemens König vor der Klasse. Hinter ihm an der Tafel eine Tonleiter, vor ihm sitzen 22 Grundschulkinder und singen. Die Singpause ist mittlerweile zwar nichts Neues mehr für Lehrer und Schüler, dennoch ist heute kein normaler Tag für die 4 b der Justinus-Kerner-Grundschule. Das liegt vor allem an den Gästen, die hinten im Klassenzimmer Platz genommen haben.

An diesem Dienstagvormittag lauschten neben Rainer Kropf, Leiter der Musikschule Böblingen, Siegfried Bauer, Vorstandsmitglied der Stiftung "Singen mit Kindern", nämlich auch Oberbürgermeister Stefan Belz und die First Lady von Baden-Württemberg, Gerlinde Kretschmann. Für Kretschmann war der Schulbesuch ein Gang ins Vertraute. Immerhin war die 72-Jährige früher selbst Grundschullehrerin.

Trotz jahrzehntelanger Erfahrung im Schuldienst und großer Sympathien für das Singen - was Kretschmann in Böblingen präsentiert bekommt, war durchaus neu für sie. "Ich habe als Lehrerin den Unterricht immer mit einem Lied begonnen. Für mich war das selbstverständlich. Das Böblinger Format kannte ich bisher noch nicht", so Kretschmann, die auch Vorsitzende der Stiftung "Singen mit Kindern" ist.

2018 begann das Projekt "SingPause" an der Justinus-Kerner-Grundschule und der Eichendorffschule. Inzwischen profitieren auch die Erich-Kästner- und die Paul-Lechler-Schule vom Angebot. Ab dem nächsten Schuljahr folgt die Friedrich-Silcher-Schule. Das Prozedere ist stets dasselbe: Zweimal in der Woche wird der reguläre Unterricht für 20 Minuten unterbrochen. Statt kleinem Einmaleins oder Rechtschreibung üben die Schüler Noten ein, trainieren ihre Stimme und singen Volkslieder.

Ob in der Justinus-Kerner-Grundschule oder anderswo - wenn "SingPause" ist, ist immer auch eine ausgebildete Lehrkraft dabei. Clemens König zum Beispiel ist Musiklehrer mit 30 Jahren Chorleitererfahrung. Zusammen mit fünf anderen Lehrkräften geht er an derzeit vier städtische Grundschulen. Für die rund 800 Schüler gehe es aber um mehr als nur eine kurze musikalische Abwechslung.

"Singen verbessert die Konzentration und das Sprachvermögen. Es steigert das Selbstbewusstsein, erhält altes deutsches Liedergut und fördert sogar die Integration", sagte König. Bei den beiden Darbietungen wurde schnell deutlich, wie enthusiastisch und gekonnt die Kinder die einstudierten Lieder zum Besten gaben. Textlücken Fehlanzeige. Von Scham, vor anderen alleine zu singen, auch keine Spur.

Wie recht König mit dem Punkt Integration hat, bewiesen die Viertklässler auf ihre künstlerische Weise. Beim ersten Lied trugen sie mit "Komm lieber Mai, und mache" einen deutschen Liedklassiker vor. Danach beeindruckten sie mit dem türkischen Volkslied "Üsküdara" auf Deutsch und Türkisch die Zuhörer. "Das ist gelebte Vielfalt", freute sich Rainer Kropf.

Der Leiter der Musikschule betonte noch einen weiteren integrativen Aspekt: "Bei der "SingPause" können alle Kinder erreicht werden, nicht nur jene, die ohnehin Musikunterricht nehmen." Auch OB Stefan Belz würdigte die integrative Wirkung. Anders als mit Instrumenten sei das Singen jedem offen, egal welchen Hintergrund man habe. "Bei diesem niederschwelligen Angebot kann jeder mitmachen", so der OB, der selbst Trompetenspieler ist.

Das Ziel der Initiatoren war, wieder mehr Musikalität unter die Menschen zu bringen. Dabei gehöre Musik nicht nur in den Alltag junger Menschen, "auch Pädagogen sollten Sanges-Kompetenzen haben", meinte der ehemalige Landeskirchenmusikdirektor Siegfried Bauer. Dem pflichtete auch Gerlinde Kretschmann bei: "Singen muss wieder in unseren Schulalltag verankert werden. Musik gehört einfach zum Menschsein dazu."

Mit den Jahren ging dies verloren. Schon zu ihrer Zeit als Lehrerin habe das Fach einen immer kleineren Stellenwert eingenommen. "Musik wurde degradiert, auch das Singen verschwand zunehmend. Als eine der wenigen, die dem im eigenen Unterricht entgegensteuerten, empfand ich das als verheerend", erinnerte sich die baden-württembergische First Lady.

Umso mehr freue sie sich, dass in Böblingen Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse gefördert werden. Als sie von Rainer Kropf erfährt, dass auch Menschen in Böblinger Pflegeheimen musikalisch beglückt werden, scheint die Frau des Ministerpräsidenten noch glücklicher zu sein. "Das wäre mein nächster Wunsch an Sie gewesen."