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Schönbuchbahn: Spalt beim Einstieg birgt Gefahren

Zwischen Schönbuchbahn und Bahnsteigkante klafft vielerorts ein sehr breiter Spalt - unüberwindbar für Rollstühle und Rollatoren

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    Eine nicht zu überwindende Hürde und eine potenzielle Gefahr für Gäste der Schönbuchbahn Foto: Martin Dudenhöffer

Im Winter 2019 nahm die Schönbuchbahn zwischen Böblingen und Dettenhausen ihren Betrieb wieder auf. Fahrgäste mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen waren nach dem freudigen Ereignis aber schnell ernüchtert: Der breite Spalt zwischen Zug und Gleis birgt ernsthafte Gefahren für Jung und Alt.

Artikel vom 05. Februar 2020 - 10:48

BÖBLINGEN. Feierliche Reden, mit Blumen geschmückte Züge, Musikkapellen und Schüler-Big-Bands, die zu allerlei Speis und Trank die Stimmung der Festbesucher aufheitern. Sogar der Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg, Winfried Hermann, gab sich die Ehre an jenem 14. Dezember 2019. Grund für die festliche Atmosphäre war die langersehnte Wiedereröffnung der Schönbuchbahn zwischen Böblingen und Dettenhausen. Doch vielen Fahrgästen verging bald die Feierlaune.

Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, mit einem Rollator läuft oder einen Kinderwagen vor sich herschiebt, kann eben nicht "einfach" ein- und aussteigen. Der Zustieg vom Bahnsteig ist mit wahrhaftigen Schwierigkeiten verbunden. Zwischen der Schwelle des Zuges und der Bahnsteigkante klafft in Weil im Schönbuch und an andere Bahnhöfen ein bis zu 30 Zentimeter breiter Spalt. Eine solche Lücke stellt nicht nur Rollstuhlfahrer vor ernste Probleme. Auch für kleine Kinder ist die Lücke eine Gefahr.

Nach über zwei Jahren Bauzeit nahm die Bahn zwischen Böblingen und Dettenhausen im Dezember nach mehrfachen Verzögerungen wieder ihren regulären Betrieb auf. Schon damals würdigten Böblingens Oberbürgermeister Stefan Belz, Landrat Roland Bernhard und Verkehrsminister Hermann das effizientere und umweltfreundlichere Mobilitätsangebot für die Menschen in den Landkreisen Böblingen und Tübingen.

Für viele der etwa 9000 Fahrgäste, die an jedem Werktag auf der Strecke hin- und herpendeln, steht die Schönbuchbahn tatsächlich für mehr Mobilität. Einfach in Dettenhausen, Weil oder Holzgerlingen ein- und in Böblingen am Bahnhof bequem wieder aussteigen. Doch für Fahrgäste mit Einschränkungen ist es mit der Bequemlichkeit nicht weit her: Der Spalt ist für sie nur mit fremder Hilfe zu überwinden.

Das kann auch Jennifer Graf von der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) in Holzgerlingen bestätigen, die selbst gehandicapt ist. Für sie ist dies eine tiefgreifende Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit: "Der Spalt zwischen Bahn und Bahnsteig ist viel zu groß, um ihn selbst zu überbrücken", sagt Graf. Angesichts eines Spalts von fast 30 Zentimetern bedarf es dann gleich mehrerer helfender Hände, um den Rollstuhlfahrer in oder aus dem Zug zu heben, berichtet sie. Älteren Menschen mit Rollator ergeht es ähnlich.

Sowohl für die Betreiber der Bahn, die Württembergische Eisenbahn-Gesellschaft (WEG), als auch das Landratsamt Böblingen, sei dies ein bedauernswerter Umstand, heißt es. Trotzdem wird sich daran wohl vorerst nichts ändern. Benjamin Lutsch, Pressesprecher des Landratsamtes, erklärt: "Wir sind uns der Problematik bewusst und würden uns auch eine bessere Lösung wünschen. Bis die neuen Züge nächstes Jahr kommen, bitten wir um Vorsicht und Verständnis der Bürger."

Durchsagen im Zug und Hinweise an den Bahngleisen warnen die Passagiere zumindest vor dem großen Spalt. Da es für die Übergangsphase, bevor die bestellten Wagen aus Spanien 2021 eintreffen, auf dem Markt keine geeigneteren Züge gegeben habe, musste man auf die roten Leihzüge der Deutschen Bahn zurückgreifen. Diese sind augenscheinlich nicht mit den Bahnsteigkanten entlang der Strecke kompatibel. Die roten Elektrozüge bereiten Betreibern und Fahrgästen dabei am meisten Kopfzerbrechen. Indes, die gelb-weißen Dieselfahrzeuge der Schönbuchbahn sind nur unwesentlich besser. Auch hier tut sich ein großer Spalt für die Passagiere auf.

Fehlende Barrierefreiheit kann zu ernster Sicherheitsfrage werden

Und das alles, obwohl die WEG gemeinsam mit dem Zweckverband Schönbuchbahn ein "Programm für eine barrierefreie Gestaltung von Bahnanlagen und Fahrzeugen der Schönbuchbahn" aufgelegt hat. Es sollte den ebenerdigen Zugang für mobilitätseingeschränkte Personen sicherstellen. Deshalb wurde der Höhenunterschied zwischen Zug und Bahnsteig beseitigt, dafür lauert unter den Füßen der Abgrund ins Gleisbett.

Auch Jens-Ulrich Beck, Geschäftsführer der WEG, kann vorerst nur auf die Warnhinweise in Zügen und Haltestellen sowie den Durchsagen der Zugführer verweisen. "Der Spalt ist viel zu groß, das ist offensichtlich. Wir sind daher im Austausch mit dem Zweckverband, wie wir durch Rampen dieses Problem abmildern können", so Beck. In einigen Fällen seien solche Rampen auch im Einsatz, wie genau, wusste aber auch der WEG-Chef nicht. Es empfehle sich daher, beim Fahrer der Züge nachzufragen.

Vielfahrer der Schönbuchbahn sehen die fehlende Barrierefreiheit ebenfalls besorgt. Am Bahnhof in Holzgerlingen steht eine Rentnerin und ist wenig begeistert. "Ich sehe täglich, wie schwierig es für manche ist, über den Spalt zu steigen", sagt sie. Natürlich sei auch sie froh, dass es diese Verbindung wieder gebe, der Sicherheit wegen sollten sich die Betreiber aber noch vor 2021 etwas einfallen lassen. Genau diese Sicherheit ist gefährdet, wenn Menschen in den Spalt fallen würden. "Nicht auszudenken, was dann los wäre, wenn ein Kleinkind ins Gleisbett fiele", spricht die Bahnfahrerin das schier Undenkbare aus.

Ebenfalls am Bahnsteig wartet eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen auf die Bahn nach Böblingen. Sie bestätigt die Bedenken: "Den Kinderwagen muss ich vorsichtig, aber schwungvoll über den Spalt heben, damit er sich nicht verkeilt. Und die Kinder nehme ich beim Ein- und Aussteigen immer an der Hand." Die Warnhinweise helfen ihr in dem Moment freilich nicht. Die Verantwortlichen scheinen sich dessen bewusst - doch Besserung ist erstmal nicht in Sicht.