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Das Böblinger Bildungsnetz eröffnet Schülern ganz neue Horizonte

Böblinger Bildungsnetz fördert Kinder vielfältig - Im Bauernkriegsmuseum dürfen sie auf eine Reise in die Vergangenheit

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    Anschaulicher Geschichtsunterricht: Im Bauernkriegsmuseum lassen die Organisatoren die Waffen sprechen - natürlich nur zum Spaß Fotos: Eibner / Thomas Dinges

Ein Telefon zerlegen und wieder zusammenbauen, programmieren oder mit einem Ritterschwert kämpfen. Das Bildungsnetz fördert Kinder genau, wo Schulen an ihre Grenzen kommen. Das Böblinger Bildungsnetz unter der Leitung von Janina Ulmer entführte die Kinder vor kurzem ins mittelalterliche Böblingen.

Artikel vom 23. Januar 2020 - 16:14

Von Martin Dudenhöffer

BÖBLINGEN. Böblingen, Anfang des 16. Jahrhunderts. Etwa 20 Bauern sitzen im Halbkreis und klagen: Kein Feuerholz, kein Essen, sie zittern vor Kälte und leiden unter der Willkür der Obrigkeit. Um ihrer dramatische Situation als Leibeigene zu entkommen, wagen sie den gewaltsamen Aufstand und stimmen lautstark ein: "Auf in den Krieg!". Der Bauernkrieg beginnt.

Die Szene stammt nicht aus irgendeinem Geschichtsbuch, sie begab sich so am vergangenen Dienstag im Bauernkriegsmuseum in der Böblinger Zehntscheuer. Stellvertretend für die verarmten Bauern versammelte sich die 3. Klasse der Paul-Lechler-Schule. Zusammen mit der Schauspielerin Aleksandra Simic und der Leiterin des Bildungsnetzes, Janina Ulmer, tauchten sie in mittelalterlicher Montur in die Vergangenheit ein.

Das interaktive Rollenspiel "Lebendiges Museum" soll den Kindern heute die entbehrungsreiche Zeit des Mittelalters und die Stadtgeschichte Böblingens näherbringen. "Wir möchten den Kindern neue Perspektiven auf Geschichte, Heimat und Demokratie eröffnen", erläutert Ulmer.

Auch Oberbürgermeister Stefan Belz sieht großes Potenzial in der Bildungsinitiative. "Die Stärke des Projekts liegt darin, dass es Kinder fordert und fördert, multidisziplinär aufgebaut ist und mit Frau Ulmer eine engagierte und vielseitige Leiterin hat", so die Bewertung des OB.

Neben Geschichtsbildung, dem Herzstück des "Lebendigen Museums", betätigt sich das Bildungsnetz auch andere Bereiche. Die Vielfalt wird laut Ulmer im breiten Angebot deutlich: "Beim MINT-Projekt kümmern wir uns um die naturwissenschaftlichen Fähigkeiten, die Erfinderwerkstatt fördert das technische Verständnis, und für ältere Schüler gibt es ein Berufsvorbereitungsangebot"

Für die Bildungsnetz-Leiterin spielt Schwertkampf eine wichtige Rolle

So vielfältig die Begabungen und Interessen der Kinder sind, so divers gestaltet sich eben auch die Bildungsarbeit. Mit Janina Ulmer hat die Stadt Böblingen offensichtlich einen Volltreffer gelandet. Ulmer ist nicht nur eine historisch bewanderte Pädagogin, sie ist studierte Neurobiologin, an Psychologie interessiert und beherrscht die uralte Fechtkunst. Das hat sie im Kampf gegen einen Ritter auch vor aller Augen unter Beweis gestellt.

Gerade die Schwertkunst hat es Ulmer angetan, denn Schwerter seien "mehr als ein Kriegsgerät". Die Fechtkunst fördere die Widerstandsfähigkeit und Konzentration und sei ein altes Kulturgut. Das sind genug Gründe, Fechten auch in Böblingens Schulen vorzustellen. "Die Schüler lernen hierbei aber auch, dass Kommunikation gewaltfrei gestaltet werden muss, auch wenn dies in der Vergangenheit wie in den Bauernkriegen nicht der Fall war."

Es sind genau diese außerschulischen Kompetenzen, die durch die Bildungsangebote zusätzlich gestärkt werden und auch von Stadtoberhaupt Belz so positiv gesehen werden: "Werte wie Freiheit, Demokratie, Umweltschutz und Gemeinschaftsgefühl sind heute besonders wichtig. Hier erlernen die Kinder das, was sie später in die Gesellschaft einbringen können." Das sei auch deshalb so bedeutend, da im Schulalltag einfach nicht alles so interaktiv behandelt werden könne.

Die Schulen heute tragen eine wachsende gesellschaftliche Verantwortung, die in Zeiten von Lehrermangel eine wirkliche Herausforderung darstellt. Da die Schulen hierbei an ihre Grenzen kommen, können Synergien zwischen Stadt, Schulen und Museen eine wichtige Rolle spielen. Dem stimmt die Leiterin des Bauernkriegsmuseums, Cornelia Wenzel, voll und ganz zu: "Auch wir leben von der Zusammenarbeit und können durch die Museumspädagogik unseren Bildungsauftrag wahrnehmen." Wer wissen will, wie gut das lokale Bildungsprojekt bei den Beteiligten ankommt, muss nur in die Augen der Kinder und die Leidenschaft der Akteure schauen.

Im Gegensatz zu 1525 endet dieser Projekttag glücklicherweise nicht in kriegerischen Schlachten. Aus dem Bauernkriegsmuseum stapfen vielmehr glückliche Kinder in das Böblingen von hier und heute.