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Tübinger Aktivisten von Fridays for Future stehen im Schloss Waldenbuch Rede und Antwort

Fridays for Future-Aktivisten aus Tübingen sprechen bei Waldenbucher Vortragsreihe über ihre Beweggründe

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    Der blaue Plante am Abgrund: Akteure von Fridays for Future Tübingen sprechen beim Format Kamingespräche Schloss Waldenbuch in der Dürnitz im Museum der Alltagskultur Fotos: Tabea Günzler

Wer steckt hinter der Fridays for Future- Bewegung und warum gehen die jungen Menschen auf die Straße? Diesen Fragen ging das Kulturwerk Waldenbuch am Freitagabend nach. Tübinger Vertreter der Klimaschutz-Initiative referierten beim Kamingespräch im Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch.

Artikel vom 21. Januar 2020 - 15:52

Von Tabea Günzler

WALDENBUCH. Die Organisatoren vom Kulturwerk Waldenbuch ließen sich am Freitag auf etwas Neues ein: Erstmals referierten jüngere Menschen bei der Vortragsreihe. Und erstmals fand das Gespräch nicht im Kaminzimmer, sondern in der sogenannten Dürnitz, der großen Säulenhalle des Museums, statt. Anders als erwartet, saßen dann allerdings keine Schülerinnen und Schüler im Publikum. Stattdessen diskutierten ältere Waldenbucher mit den drei Akteuren aus Tübingen über effektiven Klimaschutz.

Wie ist Fridays for Future organisiert?

"Klimakrise, Nachhaltigkeit, Engagement, Bewusstsein - Reicht's schon?" - so lautete der Titel des Vortrags. Jila Petsch und Maya-Malou Ihle, Studentinnen der Universität Tübingen, und Silian Frische, Schüler am Technischen Gymnasium in Tübingen, engagieren sich in der Tübinger Ortsgruppe Fridays for Future (FFF). Den rund 60 Zuhörern erklärten sie im einstündigen Vortrag die Strukturen und Organisation dahinter, wie und warum sie das alles tun. Im Anschluss folgte eine moderierte Diskussionsrunde mit dem Publikum.

"Um unsere wunderschöne Erde, um die wir heute kämpfen, sieht es nicht gut aus", beginnt die 20-jährige Maya-Malou Ihle. Die Studentin der Psychologie versucht ihren Lebensalltag möglichst nachhaltig zu gestalten, ernährt sich vegan und fährt Fahrrad. Mit Statistiken und Bildern, zeigt sie die Auswirkungen des Klimawandels auf den Planeten: "Seit der Industrialisierung, seit wir Menschen Kohlenstoffdioxid in die Erdatmosphäre ballern, sind wir bei 450 Millionen Teilchen - genauer: parts per million (ppm) - angelangt und damit weit darüber, was die Erde verkraften kann", sagt sie und ergänzt: "Wissenschaftler gehen davon aus, dass wir in 100 Jahren bei 900 ppm sind." Die globale Erderwärmung führe zur Gletscherschmelze und dem Anstieg des Meeresspiegels. Ganze Landstriche im Norden Europas würden in der Folge unter Wasser stehen: "Wenn sich nichts ändert, sieht es an der Nordseeküste bald ganz anders aus." Maya-Malou Ihle betont, dass etwas geschehen muss - und zwar jetzt. Es sei keine Frage, ob wir Lust dazu hätten, etwas zu ändern, sondern eine Frage, inwieweit wir bereit sind, unsere lieb gewordenen Freiheiten einzuschränken, meint die Aktivistin.

Fridays for Future-Aktivisten sitzen als Berater im Tübinger Stadtrat

Die globale Klimastreik-Bewegung beschreibt sich selbst als "international, überparteilich, autonom und dezentral organisiert." Allen in Deutschland gibt es etwa 500 regionale und lokale Gruppen. Sogenannte Delegierte aus den jeweiligen Ortsgruppen tauschen sich regelmäßig in Telefonkonferenzen aus. Vor einem Jahr entstand der Tübinger Ableger der Bewegung: Im Januar 2019 kamen nach eigenen Angaben schätzungsweise rund 1200 Menschen zur ersten Demo in die Stadt am Neckar. Inzwischen ist die Gruppe etwa 30 Köpfe strak, die sich wöchentlich in einer Art "Plenum" treffen, berichtet Jila Petsch. Die 23-jährige Studentin der Kognitionswissenschaften ist seit Mai vergangenen Jahres dabei. Mitglied ist, wer kommt, einen Hauptorganisator gibt es nicht. Jila Petsch erklärt, dass neben dem Plenum besonders die Arbeitsgruppen eine wichtige Rolle spielen: "Wenn es um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit geht, kommunale Forderungen ausgearbeitet oder Demos organisiert werden müssen, teilen wir uns auf." Seit wenigen Monaten übt FFF zudem eine beratende Funktion im Tübinger Gemeinderat aus, um auf die Lokalpolitik einzuwirken.

Im Plenum werden Entscheidungen gemeinsam getroffen, daraus resultierende Aufträge in Arbeitsgruppen aufgeteilt. Ein Vorgehen, dass aufgrund immer wiederkehrender Rücksprachen auch zu einer etwas schleppenden Arbeitsweise führt, merkten die Rednerinnen selbstkritisch an - was auch im Vorfeld des Waldenbucher Termins offenkundig wurde.

Zum direkten Austausch eingeladen waren die Besucher nach dem Vortrag: Mit teilweise scharfen Meinungsäußerungen darüber, wie effektiver Klimaschutz künftig aussehen muss, aber auch mit Fragen an die Referenten brachten sich diese in die Diskussion ein. Über die Bank hinweg lobten die meisten im Publikum den Mut und das Engagement der FFF-Bewegung. "Sie sollten allesamt in die Politik gehen, die Politik braucht Leute wie Sie", schlug eine Frau vor. "Politisch handeln, politisch sein, kann auch überparteilich passieren", meint Jila Petsch.

Nichtstun der Politik und Lobbyismus stoßen sauer auf

Über die Inaktivität einzelner Parteien bei Klimaschutzmaßnahmen äußert sich frustriert Heidrun Rose, die noch bis vor zehn Monaten selbst im Waldenbucher Gemeinderat die SPD vertrat: "Mich ärgert es sogar von meiner eigenen Partei, dass diese sich zu wenig für regenerative Energien einsetzt."

Abraham Kustermann vom Kamingespräche-Organisationsteam fasst zusammen: "Wir haben also ein Erkenntnis- und ein Handlungsproblem." Er will von den FFF-Akteuren wissen, woran es liegt, dass die Politiker nichts oder zu wenig tun. "Dass Siemens sich an einer Kohlefabrik in Australien beteiligen will, ist aktuell das beste Beispiel. Es geht dabei häufig um Geld", antwortet der 19-jährige Silian Frische. "Ich glaube durch Offenlegung der Lobbyarbeit in der Regierung würden sich die Meinungen hierzulande bestimmt schnell ändern", ist der Gymnasiast überzeugt.

Maya Malou-Ihle freute sich am Ende, "dass wir uns hier nicht ständig verteidigen und unsere Positionen rechtfertigen mussten". Dass Publikum war den jungen Aktivisten durchweg wohlgesonnen.

  Die Reihe "Kamingespräche Schloss Waldenbuch" des Kulturwerks Walden-buch basiert auf einem Impulsvortrag von Experten zu aktuellen Themen aus den Bereichen Philosophie, Wissenschaft und Gesellschaft.