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Der Wellness-Vorort von Stuttgart

Nacktbader, Frischluftfanatiker und Ruhesuchende: Böblingen war einmal Geheimtipp für Sommerfrischler

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    Wie im Film: Das Lungensanatorium im Böblinger Osten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fotos: Archiv

Ein Blick zurück zeigt: Böblingen besitzt auch eine Geschichte, in der die Luft eine positive Rolle spielt. Vor rund 100 Jahren galt die Stadt als Anziehungspunkt für Erholungssuchende. Kurhotels, ein Luftbad und ein Sanatorium beweisen dies.

Artikel vom 21. Januar 2020 - 09:35

BÖBLINGEN. Wer heute an Böblingen und seine Luft denkt, hat Bedrohliches vor Augen: Feinstaub, Messstationen, Grenzwertüberschreitungen, Gesundheitsgefährdung und Verkehrsbeschränkungen sind der Stoff, aus dem die Debatten im 21. Jahrhundert bestehen. Das war auch schon einmal anders. Einhundert Jahre zuvor hatte die Stadt das Zeug, als Zufluchtsort für Menschen Karriere zu machen, die intakte Natur und gute Luft suchten.

Verantwortlich für den Flirt mit der Tourismusbranche war eine Entwicklung, die nicht gerade im Ruf stand, für frische Luft zu sorgen: Seit dem Bau der Gäubahn im Jahr 1879 dampfte der Zug auf seinem Weg zwischen Stuttgart und dem Schwarzwald an Böblingen vorbei, der neu gebaute Bahnhof band die Stadt an das Schienennetz an. Rasch entwickelte sich der Ort mit seinen beiden Seen und der Nähe zum Schönbuch vor allem bei den erholungsreifen Städtern aus dem Neckarkessel zum Geheimtipp.

Für viele der Böblingen-Besucher des beginnenden 20. Jahrhunderts blieb es nicht bei den Gelegenheits-Trips. Sie machten aus der liebgewonnenen Wochenendfrische einen Daueraufenthalt und aus dem Vorgarten Stuttgarts ihren Wohnort. In den um die Jahrhundertwende entstandenen Villenvierteln an der Waldburgstraße und rund um den Galgenberg kauften sich viele wohlhabende Stuttgarter ein, die das Klima und die Wohlfühl-Atmosphäre im nahen Oberamtsstädtchen zu schätzen wussten.

Mit dieser Vorliebe waren die Gäste und Neubürger nicht alleine. Bereits die Oberamtsbeschreibung aus dem Jahr 1850 berichtet von den klimatischen Vorzügen der Stadt: "Vermöge der freien Lage und der nahen weit gedehnten Waldungen, besonders aber wegen des freien Zutritts des frischen Schwarzwaldwindes ist die Luft sehr rein und gesund . . .", heißt es dort. Schon zwei Jahrhunderte zuvor war Böblingen ganz weit vorne, als es darum ging, die Ansprüche nobler Herren nach schadstofffreier Umgebung zu befriedigen: Der württembergische Herzog Ludwig, so ist es überliefert, wusste den Ort im 16. Jahrhundert nicht nur als bevorzugtes Jagdrevier zu schätzen. Böblingen, bekannte er, wirke wie eine Apotheke auf ihn - der guten Luft am Rande des Schönbuchs wegen.

Ein Hauch von Zauberberg

Mit der Bahn kam auch der wirtschaftliche Aufschwung in Böblingen an. Industrie siedelte sich rund um den Bahnhof an, neue Straßen und Plätze entstanden. Die Stadt blühte auf, und im Sog des Aufschwungs entwickelten sich Verschönerungs-, Wander- Freizeit- und Körperkulturvereine, die in der Stadt ihre Spuren hinterließen und einen Hauch des damaligen Zeitgeistes in die Provinz wehten.

Bereits 1880 baute der Verschönerungsverein auf dem Galgenberg eine Parkanlage, einige Jahre zuvor wurde der Obere See zum Freibad, einige Wanderwege, die auf die Höhen der Stadt hinaufführten, folgten. Eine Entwicklung, die den Böblinger Landtagsabgeordneten Otto Elben schon früh über eine Zukunft der Stadt als Luftkurort nachdenken ließ. Im Jahr 1901 verpasste ein Stuttgarter Arzt diesem Ansinnen ein medizinisches Ausrufezeichen. Vor den Toren der Stadt auf einer waldigen Anhöhe gegenüber des Tannenbergs baute der Lungendoktor Carlos Krämer eine pittoreske Fachklinik, nannte sie "Sanatorium Schönbuch" und gewährte gut situierten Gästen die Möglichkeit, ihre Atmungsorgane mit frischer Böblinger Luft zu versorgen. Der Geist aus Thomas Manns Roman Zauberbergs nahm eine Weile Besitz von der Stadt - dort, wo heute die Waldorfschule steht.

In den 1920er-Jahren schließlich erlebte Böblingen seinen Höhepunkt als Freizeit- und Erholungsrevier vor den Toren Stuttgarts. Auf der Waldburg gab es Tennisplätze, der Albverein sorgte für einen Aussichtsturm an der Hangkante, im Winter führte von dort eine Skiabfahrt hinunter zur Stadt und im Wald Richtung Rohr widmete sich der "Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise" ganz neuen Dingen: An der Heuwegflosche errichtete er ein "Luftbad", das sich zu einem Areal entwickelte, wo die Leute dem damals angesagten Körperkult frönten. Auf den Wiesen gaben sich die Anhänger dieser Mode dem Tanz hin, Turngeräte warteten zur Leibesertüchtigung, im Wasserbecken pflegten die Menschen das Nacktbaden.

Schon früh erkannte der Böblinger Brauereibesitzer Wilhelm Dinkelacker, dass diese Gäste der Stadt mit dem Hang zum Extravaganten zur besseren Gesellschaft zählten und ein Dach über dem Kopf benötigen. Bereits im Jahr 1897 ließ er seine Gaststätte Waldburg, die mit traumhaftem Ausblick versehen, hoch über den Dächern von Böblingen lag, zum noblen Kurhotel umbauen.

Rund 20 Jahre später nutzte ein weiterer Wirtschaftsbesitzer dieses Geschäftsmodell. Wenige Kilometer weiter, bereits auf Schönaicher Markung, verpasste Fritz Lederer seiner Restauration am Schönaicher First ein "Upgrade". Das Kurhaus Pfefferburg entstand und empfahl sich für die bessere Gesellschaft als standesgemäße Herberge - grandioser Ausblick auf die Alb inklusive.

Auch ein Stuttgarter Hotelier warf zu dieser Zeit seinen Blick auf Böblingen mit dem Ziel, der Stadt eine erste Adresse für Erholungsurlauber zu verpassen. Herman Pfäffle kaufte von der Stadt ein Jagdhaus am Fuße des Tannenbergs mit riesigem Grundstück und erbaute dort 1922 das Kurhaus Hubertus - ein repräsentatives Anwesen mit 40 Zimmern und noblem Ambiente, das großbürgerliche Bedürfnisse befriedigen sollte. Pfäffle warb um zahlungskräftige Kundschaft mit einem 800 Ar großen Park, Turn- und Spielplätzen, Liegehalle, Veranda mit Billard sowie "Fischwasser und Jagdgelegenheit, Garagen, Luxusautos und Luxuswagen mit Pferden."

Die Wohlhabenden machten sich rar

Auch die Stadtoberen wurden aktiv und rührten die Werbetrommel. "Wenn Sie nicht wissen, wo Sie ihren Urlaub verbringen sollen, dann gehen Sie doch nach Böblingen bei Stuttgart. Dort finden Sie vollständig reine Luft und schattige Waldungen, Erholung und Erquickung für Spaziergänger und Erholungssuchende. Verpflegung gut und billig. . .", texteten die städtischen Werber in einer Anzeige im Jahr 1930.

Lange währte die Zeit Böblingens als Sommerfrische zwischen der Großstadt und dem Schönbuch nicht. Inflation und Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren führten dazu, dass sich die wohlhabenden Gäste rar machten. Das Kurhaus Hubertus war bereits im Jahr 1926 wieder Geschichte und wurde von der AOK zum Erholungsheim umfunktioniert. Das Lungensanatorium wandelte sich vom exklusiven Heilungsort für Bessergestellte zur Klinik für kurzatmige Kassenpatienten, als die Landesversicherungsanstalt die Einrichtung übernahm und bis ins Jahr 1970 betrieb. Danach fungierte es noch einige Jahre als Standort einer Großküche.

Den Rest erledigten die Zeitläufte. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war es endgültig vorbei mit der Sommerfrische vor den Toren Stuttgarts. Das Kurhotel Waldburg wurde Opfer der Bomben, aus dem Zentrum der Freikörperkultur am Luftbad eine Bildungsstätte der Arbeiterwohlfahrt, aus der angehenden Kurstadt eine Industriestadt.

Die gute Luft als Standortfaktor hatte ihre Schuldigkeit getan.