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Patrick Klede arbeitet als Bestatter und Einbalsamierer in Jettingen

Die KRZ hat den Einbalsamierer an seinem Arbeitsplatz besucht

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    Herr der Kanülen und Pumpen: Patrick Klede vom Jettinger Bestattungsinstitut ist der einzige Einbalsamierer landesweit Fotos: Stefanie Schlecht

Der Tod gehört zum Leben dazu. Dennoch vermeiden wir in der Regel, uns näher mit diesem Thema zu befassen. Für den Bestatter Patrick Klede gehört das Lebensende jedoch zum täglichen Geschäft. 2019 hat er eine Ausbildung zum Einbalsamierer absolviert - als einziger in ganz Baden-Württemberg.

Artikel vom 17. Januar 2020 - 17:12

Von Sandra Schumacher

JETTINGEN. Es ist ein ganz normaler Donnerstagmorgen. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen öffnet Patrick Klede die Eingangstür des Bestattungsunternehmens Weiß und Mozer im Jettinger Gewerbegebiet. Wer hierher kommt, hat normalerweise einen schweren Weg hinter sich. Hat zumeist erst kürzlich einen geliebten Menschen verloren. In diesem Fall führen die Mitarbeiter den oder die Angehörigen zunächst in das rechter Hand liegende Besprechungsbüro.

Heute geht es allerdings nach links. Durch einen Lagerraum, in dem einige leere Särge in dunklem oder hellem Holz, mit goldenen oder silbernen, einfachen oder stark verzierten Griffen und Scharnieren untergebracht sind. "Heute gibt es viel Raum für die individuelle Gestaltung, theoretisch könnte man einen Sarg auch pink lackieren lassen", erklärt Johannes Müller, der für die Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens mit weiteren Sitzen in Herrenberg und Nagold zuständig ist. Allerdings kämen solch extravagante Wünsche nur selten vor. Denn auch die letzen Schritte auf dem Lebensweg eines Menschen müssen zu ihm passen - mit allem, was dazugehört. Das fange bei der Auswahl des Sarges oder der Urne an, gehe über das Innenleben beispielsweise in Form von Decken und Kissen, bis hin zur Kleidung und zum Make-up. "Wenn jemand im Leben beispielsweise immer roten Nagellack getragen hat, dann muss dieser auch bei der letzten Aufbahrung sitzen."

Dafür, dass die Angehörigen den Verstorbenen beim endgültigen Abschied noch wiedererkennen, ist auch Patrick Klede verantwortlich, dessen weiß gekachelte und edelstahl-beschrankte Wirkungsstätte direkt hinter dem Lager zu finden ist. Frisch ist es hier und ein Hauch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Zahlreiche Fläschchen mit unterschiedlich farbigen Flüssigkeiten reihen sich mit Haarspray- und Rasierschaumdosen in den Regalen dicht an dicht, während an der Wand eine Anleitung für den perfekten Krawattenknoten angebracht ist.

Im hinteren Teil des Raumes befindet sich die Kühlung. Nur die Namensschilder auf den weißen Türen verraten, dass hier zwei Verstorbene darauf warten, für ihren letzten Weg vorbereitet zu werden.

Jeder Körper, der hier ankommt, erhält eine so genannte hygienische Grundversorgung, bei der er beispielsweise gewaschen, ansehnlich zurechtgemacht und eingekleidet wird. "Einige Menschen liegen beispielsweise mehrere Tage im Sterben und sehen danach einfach geschafft aus. Nach der Versorgung schauen sie wieder friedlich aus. Andere Bilder möchte man ja auch nicht in Erinnerung behalten", sagt Johannes Müller. Vor allem dann, wenn die Angehörigen sich bei der Trauerfeier von ihrem Lieben am offenen Sarg verabschieden möchten.

Eine Möglichkeit, die durch die Ausbildung Patrick Kledes auch in jenen Fällen möglich geworden ist, bei denen das Bestattungsunternehmen früher hätte abraten müssen. Denn der Einbalsamierer - in Fachkreisen Tanatopraktiker genannt - kann auch bei schwer entstellten Unfallopfern Rekonstruktionen durchführen. Oder aber den Körper insgesamt länger haltbar machen. "Beispielsweise, wenn einige Angehörige gerade in Australien im Urlaub sind und die Beerdigung daher später stattfinden muss", sagt Johannes Müller. Das Prinzip dabei: Den Verwesungsprozess so lange wie nötig, aber so kurz wie möglich aufhalten. Mit altägyptischen Riten, Mumien und Sarkophagen hat diese Methode also wenig gemein. Zumal das Equipment heute ein ganz anderes ist.

Das Kernstück dabei: Eine Pumpe, mithilfe derer die Einbalsamierungsflüssigkeit innerhalb von vier Stunden aus einem großen Glasbehälter über die Hals-Arterie in den Körper hineingepresst wird. Gleichzeitig fließt das Blut aus der entsprechenden Vene heraus. "Die Flüssigkeit selbst färben wir mit Farbstoff rot ein, damit der Verstorbene nicht komplett grau wird", erklärt Patrick Klede, der sich der Anschaulichkeit halber in seine blaue OP-Kluft, Gummihandschuhe und die notwendige Atemmaske, die giftige Dämpfe und unangenehme Gerüche filtern soll, geworfen hat. Auch wenn aus Gründen der Pietät heute kein Leichnam auf der großen Metall-bahre im Zentrum des Raumes liegt.

Was zunächst wenig spektakulär klingt, mutet bei genauerer Erläuterung doch ein wenig schaurig an. Schließlich muss der 30-Jährige eine ziemlich breite Kanüle in die Arterie einführen und mittels erstaunlich großer Adernspreizen die Vene so öffnen, dass das Blut in den Ausguss unter der Metallbahre abgeleitet werden kann. Ein Job, der bei zartbesaiteten Menschen zumindest die eine oder andere Gänsehaut verursachen dürfte. Warum Patrick Klede sich für diese Tätigkeit entschieden hat?

"Ich bin keine Arbeitsmaschine, die jeden Tag das gleiche macht. Ich wollte etwas Sinnvolles leisten, und in meinem Job bin ich täglich als ganzer Mensch gefordert", sagt der 30-Jährige, der in seiner Karriere auch schon mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert wurde. "Gerade, wenn es um Kinder oder Unfallopfer geht, ist das, was ich tue, besonders wichtig", meint Klede. "Wenn ich meine Arbeit gut mache und die Angehörigen dadurch vernünftig Abschied nehmen können, helfe ich ihnen ja ein Stück weit bei der Trauerbewältigung." Und das wiederum helfe ihm selbst, mit den teils grausigen Geschichten, die hinter den einzelnen Fällen stecken, umzugehen - auch wenn einige Bilder ihn trotzdem über längere Zeiträume verfolgen.

Diese innere Einstellung sowie "eine gesunde Mischung aus Empathie und Distanz" sorgen dafür, dass Patrick Klede morgens gerne zur Arbeit geht. Auch wenn sein Job gerade bei Außenstehenden häufig für einige Verwunderung sorgt.

Wenige Menschen beschäftigen sich mit dem eigenen Tod

"Der Tod ist ein Thema, das die Leute im Alltag ja am liebsten ausblenden. Niemand würde an einem freien Nachmittag einfach mal so im Internet recherchieren, welche Bestattungsmöglichkeiten es gibt. Wenn ich aber als eine Art Personifizierung des Themas vor ihnen stehe, ist das Interesse plötzlich groß." Was mitunter zu einer ununterbrochenen Flut an Fragen führe, weshalb Patrick Klede hin und wieder zu einer kleinen Notlüge greift: "Wenn du auf einer Party sagst, dass du Bestatter bist, weißt du, worüber du die nächsten 45 Minuten redest", verrät er und schmunzelt. "Deswegen nenne ich manchmal einen ganz anderen Job, den die Leute eher langweilig finden."

Eine Beschreibung, von der sein wahrer Beruf durch seine Vielseitigkeit im technischen und menschlichen Bereich wohl nicht weiter entfernt sein könnte. Schließlich - und das betont Patrick Klede ganz deutlich - gehe es ihm vor allem darum, Menschen zu helfen, die einen Verlust verkraften müssen.