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Projekt der IHK: Wie aus 101 Geflüchteten Azubis wurden

Mit dem Projekt "Integration durch Ausbildung" vermittelt die IHK Asylbewerber an Ausbildungsbetriebe. Der Erfolg kann sich sehen lassen.

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    Bei der Gastro-Projektwoche der IHK schnuppern Flüchtlinge in das Hotel- und Gaststättengewerbe – hier im Marriott-Hotel Sindelfingen / Foto: Thomas Bischof/Archiv

Die große Flüchtlingswelle im Jahr 2015 brachte viele Arbeitswillige in den Kreis Böblingen. Diesen den Weg in eine duale Ausbildung zu ebnen, ist die Aufgabe von IHK-Projektleiterin Tanja Laabs aus Böblingen. Sie hat es bereits über 100 Mal geschafft.

Artikel vom 17. Januar 2020 - 10:05

BÖBLINGEN. Der Begriff des Kümmerers begegnet einem bei Behörden und Organisationen immer häufiger, obwohl gar nicht klar ist, was sich dahinter genau verbirgt. Was tut so ein Kümmerer eigentlich den ganzen Tag? Im Falle der Kümmerin Tanja Laabs ist das eine ganze Menge. Die 50-Jährige ist Projektleiterin bei der IHK Region Stuttgart und betreut seit März 2017 die Initiative "Integration durch Ausbildung - Perspektiven für Flüchtlinge". Ein Projekt, das an einem Brennpunkt der Gesellschaft ansetzt, nämlich der viel diskutierten Frage, wie gut sich Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren lassen.

"Unsere Bilanz fällt sehr positiv aus", sagt Laabs. Seit dem Start des Projekts im Jahr 2016 haben sie und ihre Vorgängerin insgesamt 150 Geflüchtete betreut. Exakt 101 davon konnte sie bis zum heutigen Tag in eine duale Ausbildung vermitteln. Die Geflüchteten erhalten dadurch nicht nur einfach einen "Job", um schnell Geld zu verdienen, sondern haben am Ende eine abgeschlossene Berufsausbildung in der Tasche - und damit langfristig viel bessere Karrierechancen.

Bis es soweit ist, muss Laabs allerdings manchen Hebel in Bewegung setzen. "Wir bekommen die Anwärter aus vielen Richtungen vermittelt: von Berufsschulen, Jobcentern oder ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern", sagt die Böblingerin. Der erste Schritt ist dann die sogenannte Einstiegsqualifizierung, die zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern kann. In der Zeit absolvieren die Flüchtlinge an zwei Tagen pro Woche einen Sprachkurs, an drei arbeiten sie in einem Betrieb mit. Laabs: "Dabei entsteht oft der sogenannte Klebe-Effekt. Das heißt, die potenziellen Azubis knüpfen Kontakt zu den Betrieben, schließen Freundschaften und entscheiden sich nachher für eine Ausbildung dort."

Die meisten von ihnen haben noch ein laufendes Asylverfahren, dessen Bearbeitung gerne mal drei, vier oder auch fünf Jahre in Anspruch nimmt. Laabs: "Während dieser Zeit dürfen die Geflüchteten allerdings schon parallel eine Ausbildung beginnen." Grundlage dafür ist die sogenannte Drei-Plus-Zwei-Regelung. Asylbewerber, die eine qualifizierte Berufsausbildung begonnen haben, werden für die drei Jahre geduldet. "Bekommen sie im Anschluss daran einen Beschäftigungsvertrag, erhalten sie eine Aufenthaltserlaubnis für weitere zwei Jahre. Den Moment nennen wir Spurwechsel", sagt Laabs. Die Geflüchteten erhalten dadurch eine wirkliche Perspektive, die unabhängig vom Ausgang des Asylverfahrens ist. "Und die allermeisten wollen ja arbeiten, anstatt den ganzen Tag in ihrer Unterkunft zu sitzen."

Wird die Aufenthaltserlaubnis erteilt, ist eine große Hürde genommen, sagt Laabs. "Besteht das Arbeitsverhältnis weiter, kann es für sie dann weitergehen in Richtung deutscher Staatsbürgerschaft." Allerdings kein einfacher Weg. Denn parallel zur Berufsausbildung müssen viele erstmal die Sprache lernen. Heißt: Nach der Arbeit noch Deutsch büffeln. Doch überraschend viele gehen den Weg - erfolgreich.

Finanziert wird die "Kümmerer-Stelle" von Tanja Laabs hauptsächlich von einem Programm des Wirtschaftsministeriums, die IHK übernimmt den verbleibenden Teil. Mit der Fortsetzung für weitere zwei Jahre sieht es gut aus, sagt Laabs, der die Arbeit nicht ausgehen dürfte. "Nach einer neuen Regelung bin ich jetzt auch zuständig für Interessenten aus EU- und Drittstaaten", sagt sie. Was die Zahl der zu betreuenden Fälle bereits jetzt nach oben treibt.

Große Freude macht es ihr jedenfalls, das merkt man schnell. "Als ich damals das Angebot für die Position gesehen habe, dachte ich, das passt. Ich wollte einfach einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten." Da ihr Mann eine Schreinerei hatte, war das Thema Handwerk und Fachkräfte ihr durchaus vertraut.

Bedarf geht über alle Branchen hinweg

Der Bedarf der Betriebe geht über alle Branchen hinweg, wenngleich sie viele Personen in den Bereich Gastronomie und Logistik vermittelt hat. Dort sei der Bedarf an Azubis traditionell hoch, der Einstieg vergleichsweise einfach. Doch auch Fachinformatiker hat Laabs schon vermittelt. Die Nationalitäten sind ebenfalls bunt gemischt. In dem Projekt finden sich um die 50 Prozent Geflüchtete aus Syrien, aber auch viele aus dem Irak, Iran, Eritrea und Afghanistan. Rund 80 Prozent seien männlich, doch die Projektleiterin arbeitet daran, die Frauenquote zu erhöhen. Viele potenzielle weibliche Azubis trauen sich nicht und müssten erst ermuntert werden.

Die Betriebe, an die die IHK Geflüchtete vermittelt, kommen häufig aus dem Mittelstand und dem Handwerk. "Die Firmen sind einfach viel flexibler und suchen oft händeringend nach jungen Kräften." Im Schnitt ist das Klientel von Tanja Laabs zwar bereits zwischen 25 und 35 Jahre alt, doch das stört auf Seite der Betriebe nicht. Im Gegenteil: Die seien froh, überhaupt jemanden zu bekommen. Erfreut zeigt sich auch der stellvertretende IHK-Geschäftsführer Tilo Ambacher: "Hätten wir dieses Programm nicht, wäre die Ausbildungszahl im Kreis Böblingen zurückgegangen. So konnten wir sie nahezu konstant halten." Sie könnte sogar steigen, doch dazu müssten mehr Unternehmen bei dem Programm mitmachen. Tanja Laabs hat zwar schon viel erreicht, doch die Aufgaben gehen ihr nicht aus.