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Junge Politiker erobern die Ortsparlamente und den Kreistag

Jasmin Zinser in Gärtringen, Tim Frasch in Holzgerlingen und die Holzgerlingerin Lea Salemi im Kreistag machen seit einem halben Jahr Politik - In der Kresiezeitung schildern sie ihre ersten Eindrücke

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    Die Schnupperphase ist allmählich vorbei (v.l.): Jasmin Zinser (27), Tim Frasch (24) und Lea Salemi (19) blicken bald voll durch in der Kommunal- und Kreistagspolitik Foto: Martin Müller

Die letzte Kommunalwahl hat einiges bewegt in den lokalen Gremien: Immer mehr junge Menschen bringen sich in die Politik ein und gestalten ihre Kommunen auf verschiedenen Ebenen aktiv mit. Deshalb hat die KRZ die jungen Politiker und Politikerinnen nach ihren ersten Eindrücken und Erfahrungen gefragt.

Artikel vom 15. Januar 2020 - 14:54

Von Melissa Schaich

HOLZGERLINGEN/ GÄRTRINGEN. Nach der letzten Wahl vom Mai 2019 mischen einige neue Mitglieder in den Gemeinderäten und im Kreistag mit. Viele von den politisch Engagierten sind noch jung: Sie sind in der Schule, befinden sich in der Ausbildung oder stehen noch am Anfang ihrer beruflichen Karriere. Wie fühlt es sich an, als junger Mensch politische Entscheidungen in einem Gremium zu treffen? Mit welchen Erwartungen haben sie die Lokalpolitik-Szene betreten und wie schlagen sich sich neben den älteren Kollegen?

Drei Jungpolitiker und -politikerinnen haben von ihren ersten Erfahrungen erzählt. Sie sind sich einig darin, dass Entscheidungsprozesse, die für die Bevölkerung wichtig sind, auch in öffentlichen Sitzungen verhandelt werden sollten. Viel zu häufig werde nach nichtöffentlichen Vorberatungen nur noch Vollzug vermeldet, meinen sie: "Wo bleibt denn da die Demokratie?!", sagt der Holzgerlinger Tim Frasch.

 

Lea Salemi aus Holzgerlingen. Nach der Wahl vom Mai sitzt die Holzgerlingerin als 18-Jährige und jüngstes Mitglied für die Grünen im 84 Köpfe starken Kreistag. Doch nicht nur das, die Abiturientin sitzt außerdem im Jugendgemeinderat ihrer Stadt. Nun ist sie 19 Jahre alt und kann bereits über ihre ersten Erfahrungen berichten. "Es war mir wichtig, Themen einzubringen, die mich stören und die mich bewegen", sagt die Holzgerlingerin. Vor allem der örtliche Nahverkehr und Aufenthaltsorte für Jugendliche stehen bei ihr ganz oben auf der Liste. "Am Anfang kam schon viel Neues auf mich zu und ein Nervenkitzel war da natürlich auch mit dabei", erklärt sie. Doch mittlerweile kenne sie die Abläufe und die Menschen, sodass Routine eingekehrt sei. Trotzdem ist sie mit vielen Themen zum ersten Mal konfrontiert, weshalb sie oftmals auch ihre politische Position erst finden müsse. "Da ist es gut, den Rückhalt der eigenen Fraktion zu haben. Diskutieren wir beispielsweise über eine Erddeponie oder die Hermann-Hesse-Bahn, dann fehlen mir da erstmal die Bezugspunkte, die ich mir dann verschaffen muss." Doch es gibt auch Dinge, die sie als junge Person am politischen Entscheidungsprozess stören: "Wir haben beispielsweise im Kreistag über die VVS-Tariferhöhung abgestimmt. Und die Mehrheit hat zugestimmt, obwohl die meisten mit dem Auto und nicht täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind", regt sich die 19-Jährige auf. Sie hätte in diesem Fall anders entschieden, weil sie als Pendlerin zum beruflichen Gymnasium nach Stuttgart andere Erfahrungswerte hat. Deshalb sei es eine Bereicherung, wenn viele unterschiedliche Menschen und Perspektiven in einem Entscheidungsgremium vertreten seien. "Für mich ist es eine Ehre, dass mir vor allem viele Erstwähler ihre Stimme gegeben haben und ich will auf jeden Fall die Chance nutzen, Dinge zu verändern." Im Übrigen lautet das Motto für die 19-Jährige: "Politik geht vor Schule." Soll heißen: Wenn beispielsweise der Umwelt- und Verkehrsausschuss vormittags in Böblingen tagt, ist sie von der Schulpflicht befreit. "Nur wenn eine Klausur geschrieben wird, hat das wieder Vorrang", sagt sie: "Schließlich will ich in diesem Jahr das Abitur machen." Ein ganz schön toughes Programm also.

 

Jasmin Zinser aus Gärtringen. "Ich war total überrascht, als ich erfahren habe, dass ich in den Gemeinderat gewählt wurde", sagt die mittlerweile 27-Jährige. Zusammen mit ihrem Vater Uli Zinser sitzt sie für die FDP im Gärtringer Gemeinderat. "Fraktionsgespräche gestalten sich bei uns deshalb etwas unkomplizierter als bei anderen", lacht sie. Trotzdem entstehen auch bei ihnen ab und zu Diskussionen: "Jeder bringt sich auf seine Weise ein und jeder hat seinen eigenen Standpunkt." Es sei eine gute Entwicklung, dass sich die Gremienlandschaft mit jüngeren Menschen und vor allem auch mit jungen Frauen durchmische. "Am Anfang hat man schon das Gefühl, sich beweisen zu müssen, aber mittlerweile habe ich mich in die Gemeinderats-Gruppe gut eingefunden", rekapituliert sie. Ihr Jura-Studium kommt ihr in der Gemeinderatsarbeit zu Gute: "Es ist gar nicht schlecht, wenn man mal von Baurecht gehört hat", meint Jasmin Zinser. Gerade absolviert sie eine Station ihres juristischen Referendariats im Amtsgericht Böblingen. Sie sitzt außerdem im Technischen Ausschuss und im Schulausschuss. "Es ist wichtig, unterschiedliche Menschen verschiedener Altersgruppen und Schichten im Rat zu haben. Im Schulausschuss finde ich es beispielsweise wichtig, dass da auch eine jüngere Person sitzt, für die die Schulzeit noch nicht allzu lange zurückliegt." Sie ist auch eine derjenigen, die den papierlosen Gemeinderat vorantreiben will. "Die Papierstapel, die wir allein im Technischen Ausschuss produzieren, sind einfach zu hoch."

Tim Frasch aus Holzgerlingen. Der 24-Jährige sitzt für die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) im Holzgerlinger Gemeinderat. Mitglieder der FDP hatten zusammen mit unabhängigen Wählern im vergangenen März eine neue Liste gegründet. Nun, nach der Wahl, sitzt Tim Frasch als Alleinkämpfer ohne Fraktionsstatus im Holzgerlinger Gremium. "Die Kollegen und Bürgermeister Delakos haben mir gleich ihre Hilfe angeboten, falls ich Redebedarf habe", erzählt der 24-Jährige. Denn ohne Fraktion gibt es niemanden, mit dem er seine Positionen besprechen oder Fragen austauschen könnte. Eine Woche vor der Gemeinderatssitzung bekommt er über eine App die Unterlagen. "Was öffentlich besprochen wird, diskutiere ich dann auch mal mit meinen Freunden oder meiner Familie durch", sagt Tim Frasch. Er will sich in seiner Zeit als Gemeinderat vor allem dafür einsetzen, dass die Wirtschaft und das Gewerbe auf sicheren Beinen stehen. "Die Betriebe sollen zufrieden sein und wenn betriebliche Erweiterungen anstehen, sollten diese auch ohne viele Komplikationen möglich sein," sagt der 24-Jährige über seine politischen Schwerpunkte. Auch die städtischen Gebäude - vor allem die Schulen - sollten seiner Meinung nach gut saniert und renoviert sein. "Dieses Jahr beginnt beispielsweise die Renovierung der Heinrich- Harpprecht-Schule." Damit solle auch dafür gesorgt werden, dass das Gebäude energetisch auf dem neusten Stand sei. "So können wir die Energiekosten niedrig halten und einen Beitrag zum Umweltschutz leisten", meint der Holzgerlinger. Er findet es toll, wenn sich junge Erwachsene in Gremien einbringen. Doch gibt es auch etwas, das ihn stört? "Ich finde die Beschlussvorschläge etwas einseitig. Darin steht keine Abwägung, die Vor- und Nachteile werden nicht erklärt." Vielmehr lese man dann den Vorschlag der Verwaltung und müsse sich die Nachteile selbst zusammenreimen.